
Die Kritik des Buchautors, Journalisten und Islamwissenschaftlers Fabian Goldmann ist hart, und sie trifft fast alle in Deutschland produzierten Medien. Goldmann war am Freitagabend auf Einladung von Amnesty International in Wiesbaden. Er diagnostiziert in öffentlich-rechtlichen Medien, in den Publikationen des Springer-Verlages, aber auch in Häusern wie der „Zeit“ und dem „Spiegel“ und auch bei der „TAZ“ eine zugunsten der israelischen Regierung verzerrte Berichterstattung über den Krieg im Nahen Osten. Der Buchtitel „Staatsräson und Selbstzensur“ mit dem Untertitel „Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ nimmt das Ergebnis seiner teils auf umfangreichen Statistiken basierenden Analyse vorweg — inklusive der Einordnung des Blutvergießens in Gaza als Völkermord.
In diesem Punkt finden sich allerdings auch in den gescholtenen Medien differenzierte Darstellungen, etwa auf tagesschau.de. Dort werden etwa die Einschätzungen des renommierten Völkerrechtlers Kai Ambos von der Universität Göttingen und der ebenso anerkannten Professorin für Internationales Strafrecht Stefanie Bock aus Marburg ausführlich wiedergegeben. In einem Beitrag der beiden in der „Deutschen Richterzeitung“ heißt es zuletzt, dass die Dynamik des Konfliktgeschehens „in einer Gesamtschau mittlerweile eher für statt gegen einen Genozid“ spreche. In früheren Beiträgen hatte Völkerrechtler Ambos noch davor gewarnt, dass ein vorschneller Gebrauch des absoluten Begriffs „Genozid“ von der Verfolgung belegbarer Kriegsverbrechen eher ablenke.
Differenzierte Beiträge
Ebenso lässt sich nicht bestreiten, dass mit Daniel Gerlach, dem Chefredakteur des Orient-Fachmagazins „Zenith“, ein profunder und unabhängiger Nahostexperte regelmäßig in deutschen Medien berichtet und analysiert. Auch die differenzierten Beiträge der ausgezeichneten ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann lassen es sachlich nicht zu, dem Journalismus in Deutschland pauschal ein Versagen zu attestieren.
Dass sich Belege eines handwerklich sauberen Journalismus auch in den gescholtenen Medien finden, bestreitet Goldmann denn auch nicht direkt. In der Masse sieht er aber dennoch eine fatal verzerrte Form der Berichterstattung über das Geschehen in Gaza, im Westjordanland und in Libanon. Diese Fehldarstellung beruht seiner Analyse zufolge darauf, dass sich die Berichte allein oder wesentlich auf Angaben der israelischen Armee und der israelischen Regierung als Quelle stützen. Dahinter folgen laut Goldmann offizielle Informationen der USA und auf Platz vier die Bundesregierung.
„Der Spiegel“: „unzutreffend“
Von 4856 untersuchten Beiträgen gaben laut Goldmann 1729 der Überschriften unmittelbar die offizielle Deutung der israelischen Regierung wieder, dominierten also den Beitrag. In 523 waren Einlassungen der US-Regierung bestimmend, in 388 Fällen internationale Organisationen, und in 377 untersuchten Beiträgen stand die Einschätzung der Bundesregierung ganz oben. In lediglich 194 der 4856 kamen laut Goldmann schließlich auch Einlassungen offizieller palästinensischer Stellen prominent vor. Darauf angesprochen, wie das sein könne, bezeichnete der „Spiegel“ Goldmann zufolge die Ergebnisse der Studie knapp als „unzutreffend“. Die „Zeit“ habe angegeben, alle offiziellen Kanäle der Akteure in der Region und die Expertise im eigenen Haus zu nutzen. „Bild“ und tagesschau.de antworteten Goldmann zufolge nicht auf seine Frage.
Goldmann rügt schließlich, dass in deutschen Medien die Einschätzungen der UN-Organisationen nicht als Messlatte präsentiert, sondern den Einlassungen der Regierung Netanjahu als Meinung gegenübergestellt würden. Wenn sich israelische Angaben später als falsch herausstellen, werde darüber nicht oder nur mehr am Rande berichtet, sagt Goldmann.
