Mehr als eine Stunde vor Anpfiff herrscht auf der Terrasse des Café Hauptwache reger Betrieb: Zwischen Getränkegläsern liegen rot-grüne Fahnen auf den Tischen. Besucher erscheinen in Trikots der marokkanischen Nationalmannschaft. Die Stimmung ist ausgelassen. Während arabische Musik aus den Lautsprechern erklingt und sich Familien, Freundesgruppen sowie Touristen unter die Fußballfans mischen, sind französische Anhänger kaum auszumachen. Mitarbeiter richten Monitore zur Außenterrasse aus, reservierte Plätze füllen sich nach und nach. Hinter den Sitzreihen bleiben weitere Zuschauer stehen, um einen Blick auf die Bildschirme zu erhaschen. Um 22 Uhr beginnt das WM-Viertelfinale zwischen Frankreich und Marokko.
Für das Café bedeutet der Abend Ausnahmezustand. Ein Mitarbeiter berichtet, Spiele der deutschen Nationalmannschaft und des Teams aus Marokko gehörten regelmäßig zu den besucherstärksten Übertragungen. Wegen der hohen Nachfrage bleibe das Lokal deutlich länger geöffnet als üblich. Gleichzeitig erinnert er an das vorherige Marokko-Spiel. Gegen Kanada hätten manche Gäste über Stunden Plätze blockiert, ohne viel zu bestellen, außerdem seien Gläser beschädigt worden. „Fußballabende sind emotional und für das Personal besonders arbeitsintensiv“, sagt er.
Besser in Frankfurt als in Paris
Unter den Zuschauern ist auch Ouail Kalai. Gemeinsam mit Freunden verfolgt er die Partie. Für ihn hat das Spiel eine besondere Bedeutung. Das Viertelfinale fühle sich „wie ein Halbfinale“ an, sagt er. Es erinnere ihn an die Begegnung bei der WM 2022, als Frankreich in der Runde der letzten vier Teams Marokko ebenfalls mit 2:0 aus dem Turnier geworfen hat. Der Gewinn des Afrika-Cups zu Jahresbeginn habe den Glauben an die Mannschaft zusätzlich gestärkt. „Wir haben großen Respekt vor Frankreich“, sagt Kalai. Er traue Marokko aber dennoch eine Überraschung zu.
Für den 23 Jahre alten Darmstädter geht die Bedeutung des Spiels über das Sportliche hinaus. „Die WM ist ein Ausnahmezustand im besten Sinne“, sagt er. Man sitze zum Teil mit Menschen an einem Tisch, die man vorher nie gesehen habe, fiebere gemeinsam mit und komme ins Gespräch. Das Gemeinschaftsgefühl reiche weit über Nationalitäten hinaus.

Kalai beschreibt sich selbst als gleichermaßen mit Deutschland wie mit Marokko verbunden. „Ich war zu 100 Prozent für Deutschland und zu 100 Prozent für Marokko“, sagt er. Beide Nationalmannschaften gehörten für ihn gleichermaßen zu seiner Identität. „Egal, wer gewinnt, ich würde heute Nacht nicht in Paris sein wollen.“ Er fürchtet, dass es dort zu Ausschreitungen kommen könnte.
Mit Beginn der Partie richtet sich die Aufmerksamkeit ganz auf die Monitore: Während der marokkanischen Hymne wird mitgesungen, gelungene Aktionen werden mit „Yallah“-Rufen gefeiert, und ein verschossener Elfmeter Frankreichs sorgt für jubelnden Trompetenklang auf der vollbesetzten Terrasse. Mit zunehmender Spieldauer kippt jedoch die Stimmung. Nach dem französischen Führungstreffer wird es merklich ruhiger, und spätestens mit dem zweiten Tor weicht die Euphorie großer Enttäuschung, sodass viele Zuschauer das Café noch vor dem Schlusspfiff verlassen.
Keine nennenswerten Zwischenfälle
Während des Spiels zeigt die Polizei rund um die Hauptwache verstärkt Präsenz. Mehrere Streifenwagen stehen in unmittelbarer Nähe des Cafés, weitere Fahrzeuge fahren regelmäßig über den Platz. Nennenswerte Zwischenfälle bleiben jedoch aus.
Auch Kalai zeigt sich nach dem Abpfiff enttäuscht. Natürlich habe er gehofft, dass Marokko ins Halbfinale einziehe. Gleichzeitig ordnet er das Abschneiden realistisch ein. Das Viertelfinale sei dennoch ein großer Erfolg. „Die Enttäuschung sitzt tief“, sagt er. Die Geschichte habe sich wiederholt: Wie schon 2022 sei Marokko gegen Frankreich mit 2:0 ausgeschieden.
Wenig später rollen die ersten Autos mit der Tricolore über die Hauptwache. Aus geöffneten Fenstern werden blau-weiß-rote Frankreichfahnen gehalten, es ertönen Hupen und „Allez les Bleus“-Rufe. Anders als von vielen erwartet, stammen die ersten größeren Autokorsos des Abends überwiegend von französischen Fans.
Zu ihnen gehören auch Xavier Muth, der das Spiel gemeinsam mit einem Freund im Waxy’s verfolgt hat. Dort hätten französische und marokkanische Fans gemeinsam mitgefiebert. „Es war wirklich friedlich“, sagt Xavier. Zwar sei die Stimmung emotional gewesen, Auseinandersetzungen habe er jedoch nicht erlebt. Dass nun vergleichsweise viele französische Autos durch die Innenstadt führen, habe ihn selbst überrascht. Möglicherweise sei das Hupen auch eine kleine Provokation gegenüber den enttäuschten marokkanischen Fans. Im weiteren Verlauf des Abends mischen sich vereinzelt auch Fahrzeuge mit marokkanischen Fahnen in den Verkehr. Verglichen mit den großen Autokorsos nach marokkanischen Siegen, sind aber bei allem Stolz auf das Erreichte verständlicherweise weniger Marokkaner unterwegs.
