Es war natürlich eine ganz hervorragende Idee, den Schattenbundestrainer ganz in der Nähe des tatsächlichen Bundestrainers zu platzieren. Jedenfalls, wenn man zu denjenigen gehörte, die sich das ausgedacht hatten. Für Berti Vogts war es hingegen ein bisschen weniger komisch, dass ausgerechnet sein Vorgänger Franz Beckenbauer regelmäßig vor einem Mikrofon des Pay-TV-Senders „Premiere“ in einem Fernsehstudio saß, das gleich neben dem deutschen Teamquartier bei der Weltmeisterschaft 1994 in den Vereinigten Staaten aufgebaut war.
Beckenbauer war für Vogts in doppelter Hinsicht ein Schattenbundestrainer. Zum einen, weil der lange Schatten des „Kaisers“ ohnehin über allem lag, was Vogts tat. Dafür hatte nicht nur der Weltmeistertitel von 1990 gesorgt, sondern auch jene Aussage Beckenbauers, dass der deutsche Fußball mit den Spielern, die aus dem Osten dazukommen, auf Jahre unschlagbar sein würde. Zum anderen wurde Beckenbauer nicht zuletzt von seinem anderen Medienpartner, der „Bild“-Zeitung, zuverlässig als möglicher Nachfolger in Position gebracht, als Vogts die Dinge bei seiner ersten WM zu entgleiten drohten.
Wenn man das heute sieht, in der auch sonst sehr erhellenden TV-Dokumentation über dieses Turnier mit dem Titel „11 Helden – ein Albtraum“, dann wundert man sich über das, was damals alles aus den Fugen geraten konnte. Man wundert sich auch, warum sich der große Beckenbauer im Umgang mit Vogts so klein verhielt. Vor allem aber muss man unweigerlich daran denken, wenn man sieht und hört, was gerade bei der aktuellen los war, mit dem aktuellen Bundestrainer Julian Nagelsmann und seinem Schatten namens Jürgen Klopp. Und wundern kann man sich dabei über einiges.
Beckenbauer wäre nicht in den Sinn gekommen, etwas einzukassieren
Natürlich wäre es eine Möglichkeit, das alles für nichts weiter als einen großen Jux zu halten: Dass Klopp, der sich gar nicht als Schattenbundestrainer in Stellung zu bringen braucht, um von sehr vielen Menschen als genau dieser wahrgenommen zu werden, seinem Satz am Magenta-Mikrofon, dass zum Glück Nagelsmann die Aufstellung im Nationalteam mache, das Wörtchen „noch“ hinzufügte.
Man kann ihm auch zugutehalten, dass er wieder einzukassieren versuchte, was ihm entglitten war, indem er sein „noch“ zum Unwort des Jahres erklärte und sich selbst für „dämlich“. Beckenbauer wäre es eher nicht in den Sinn gekommen, etwas von dem wieder einzukassieren, was er auf Vogts Kosten sagte, jenen berühmt gewordenen Spruch kurz vor der WM etwa, dass „ein Berti reicht“, als er einen möglichen Transfer des Stürmers Nicola Berti zum FC Bayern kommentieren sollte.
Und dann wäre es vielleicht sogar so, dass jede Zeile darüber zu viel wäre, und dass eine Angelegenheit, die eigentlich nicht der Rede wert wäre, dadurch erst ein Gewicht bekommen würde. Aber so, wie Beckenbauers Sprüche nicht ohne reale Folgen blieben, gilt das auch für Klopps Klops. Wer so etwas sagt, da unterscheiden sich 1994 und 2026 nicht, muss sich bewusst sein, dass es Auswirkungen auf das hat, was Aufgabe des realen Bundestrainers ist: ernsthafte Arbeit.
Es geht darum, nicht die Contenance zu verlieren
Houston, NRG Stadium, Samstagabend: Es ist die offizielle Pressekonferenz am Vorabend des ersten deutschen WM-Spiels. Es geht, wie bei solchen Terminen üblich, thematisch wild durcheinander, Tagesgeschäft. Nach ein paar Minuten aber bekommt der Bundestrainer eine Frage gestellt, bei der alle im Raum aufhorchen. Es ist die nach seinem Schattenbundestrainer. Und sofort ist klar, dass es für Nagelsmann ein wichtiger Moment ist. Weil es nun darum geht, die Hoheit über die Debatte zu behalten, die in der Heimat längst Fahrt aufgenommen hat, nicht die Contenance zu verlieren.
„Hast du das mitbekommen? Kannst du darüber schmunzeln? Was sagst du dazu?“, fragt der Reporter der „Bild“-Zeitung.
Nagelsmann: „Es wundert mich, dass die Nachfrage von euch kommt.“
Reporter: „Dafür sind wir da.“
Nagelsmann: „Was sagt ihr denn dazu?“
Reporter: „Ein bisschen pieksig.“
Nagelsmann: „Gut. Dann nächste Frage.“
Später fragt ein Reporter der englischen „Sun“ praktisch die gleiche Frage. Nagelsmann antwortet: „Seid ihr vom selben Verlag da?“
Seine Reaktion wird später auch als Beleg dafür genommen werden, dass der Nagelsmann von 2026 reifer ist als der vergangener Jahre. Klar, als Bundestrainer muss man mit so etwas umgehen können, besser auch als Berti Vogts, der – das muss man der Dokumentation schon hinzufügen – gewiss nicht nur Opfer der Medien war, sondern schon auch seiner eigenen Überforderung als Führungsfigur. Aber dass Nagelsmann es nicht lustig findet, kann er auch nicht ganz verbergen.

Seine Antennen, davon darf man ausgehen, empfangen ziemlich viel von dem, was so über ihn gesendet wird. Den Experten Lothar Matthäus zum Beispiel lobt er in derselben Pressekonferenz ausdrücklich dafür, dass er die Bedeutung Jamal Musialas für das deutsche WM-Unternehmen richtig bewertet habe. Wenn man weiß, dass die Experten Klopp und Thomas Müller etwas ganz anderes erzählt hatten, ist klar, dass sich diese Botschaft auch an einen anderen Empfänger richtet.
Expertenwesen entwickelt mediales Eigenleben
Man kann, so alt ist das Turnier nicht, noch nicht alle Trends dieser WM erkennen, aber diesen schon: dass noch einmal unfassbar viel mehr gesendet, geredet und in mediale Häppchen gestückelt wird als bei vergangenen Turnieren. So dass man diesmal nicht nur das Gefühl haben kann, dass das Expertenwesen ein mediales Eigenleben entwickelt hat. Es gibt Expertentische, die so lang sind wie Ersatzbänke, es gibt in manchen Medien ein eigenes Genre der Berichterstattung über das, was die Experten und Expertinnen am Mikrofon zusammenstückeln. Eine, die offenbar mindestens genauso gut klicken muss wie jene über das, was die Spieler auf dem Platz zusammenkicken.
In manchen Momenten aber kann man noch einen anderen Eindruck bekommen: dass sich das Expertenwesen vom eigentlichen Turnierwesen regelrecht abgekoppelt hat. So dass man, wenn man vor dem Bildschirm sitzt, das Gefühl hat, dass sich zwei Realitäten begegnen, die eher miteinander kollidieren als korrespondieren.

Sonntagmittag, Houston, es ist die Vorberichterstattung zum deutschen WM-Auftakt gegen Curaçao: An den Mikrofonen in Knallmagenta stehen die Experten Klopp und Müller mit ihrem Dauerlachen in Knallweiß zwischen den Bärten, zugeschaltet ist Rudi Völler, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes. Völler, der mindestens seit 1994 weiß, wie so eine Geschichte läuft, versucht es mit seiner typischen Völler-Mischung: ein bisschen Fußballer-Flachs, ein bisschen Augenzwinkern, aber im Kern eine sehr ernsthafte Botschaft.
Er sagt, dass Müller ja mal den Trainerschein machen könnte, „um ein wenig mehr zu verstehen“, und dass Klopp ein Beispiel dafür sei, was man damit erreichen könne. Er sagt auch, dass Müller und Klopp ja „mehr für die Komik zuständig“ seien. Was er aber eigentlich sagt: wie unmöglich er und der DFB den Auftritt Klopps und Müllers finden.
Hauptsache, es gibt etwas zu lachen
Was dann passiert, kann man schon als Sinnbild für das betrachten, was los ist, wenn Magenta-TV auf Sendung geht, jener Streamingdienst, der sich für viel Geld die Rechte für die Weltmeisterschaft und dafür (gewiss ebenfalls für viel Geld) die Dienste der Experten Klopp und Müller gesichert hat. Und dafür nun bereit ist, sein eigenes Ding zu machen: Analyse – klar, aber bitte schön eine, die auch kracht. Und Hauptsache, es gibt etwas zu lachen.
Müller sagt einen Satz, der für einen Augenblick eine Verbindung herzustellen scheint zwischen der Magentawelt und der Fußballwelt des DFB: Dass es ja Völlers Aufgabe sei, den Laden zu schützen. Dann geht es aber sofort ins allgemeine Gefeixe und Gelächter über, in das der Moderator Johannes B. Kerner noch einen Satz einschiebt, der eine gemeinsame und ernsthafte Basis suggerieren soll, über den man aber eigentlich auch lachen möchte, weil er so unbeholfen ist: „Wir sind alle Team Deutschland!“

In so einem Moment können einem dann nicht nur Berti und Beckenbauer in den Sinn kommen, sondern noch eine andere Medienfigur, die 1994 eine prominente Rolle spielte: Stefan Raab, mit dem es damals beim Musiksender „Viva“ steil bergauf ging. An dessen Lied über „Böördi, Böördi Vogts“, das in jenem Sommer viele amüsierte, auf Vogts’ Kosten. Aber auch an diese Szene, in der Raab dem Bundestrainer mit einer Blödelfrage nachstellt und ihn ohne Rücksicht darauf bequatscht, dass es eine Grenze geben könnte: zwischen der Vivawelt und der Fußballwelt. Und für das, was der Trainer Vogts aushalten können muss.
Vielleicht hat mit Raab allgemein und in jenem Sommer auch speziell etwas angefangen, das dann irgendwann überhand nahm: das Prinzip der medialen Vorführung unter dem Deckmantel des Humors. Davon ist das Magenta-Pult – man sollte es wirklich nicht größer machen, als es ist – wirklich noch weit entfernt. Aber die Frage, ob das alles eigentlich deren Ernst ist, ob es noch um Fußball geht oder schon um Belustigung um jeden Preis – die kann man schon stellen.
In der „Süddeutschen Zeitung“ haben die Experten Christoph Kramer und Per Mertesacker gerade ein lesenswertes Doppel-Interview über das gegeben, was gute Experten ausmacht. Abgesehen davon, dass sie selbst ein ganz gutes Beispiel dafür abgeben, sagt Kramer auch ein paar gute Sätze dazu, zum Beispiel diesen: „Man darf nie in diese Kultfalle stolpern.“
Im besseren Fall ist es vielleicht so: dass Klopp und Müller einfach mit Anlauf und Arschbombe in diese Kultfalle hineinspringen. Weil Magenta sie genau dafür bezahlt. Im schlechteren ist ihnen alles außer ihnen selbst ziemlich egal. Gerne darf jetzt jeder einwerfen, dass dieser Text wirklich gar keinen Spaß versteht. Aber etwas Gutes haben die Auftritte bei Magenta TV womöglich schon. Dass die vielen Leute, für die Klopp wie selbstverständlich der Schattenbundestrainer ist, sich das noch mal ein bisschen genauer anschauen können: ob das mit diesem Mann wirklich so eine hervorragende Idee wäre.
