
Man weiß, wie Antonio Rüdiger, 33 Jahre alt und 1,90 Meter groß, auch die beste Mannschaft besser macht, wenn er spielt. Mit einem Körper, der früher der massivste Fels in der Brandung des Estadio Santiago Bernabéu in Madrid war und der dort immer noch ein beeindruckender Wellenbrecher ist, auch wenn er mittlerweile ein bisschen zu bröckeln begonnen hat.
Mit einer Intensität, die den Stürmern des Gegners wortlos ins Gesicht schreit, dass es „eklig für dich“ wird, wie er das mal in der F.A.Z. erklärt hat. Mit ein bisschen Drücken und ein bisschen Drängeln und manchmal auch mit mehr als bisschen. Alles in allem also mit einer Härte, die so wohl kein anderer Abwehrspieler in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat.
Das alles weiß man. Was man aber nicht weiß: Kann Antonio Rüdiger eine Mannschaft auch besser machen, wenn er wenig oder sogar gar nicht spielt?
Ja, sagt Julian Nagelsmann, der Bundestrainer, der Rüdiger im ersten deutschen Spiel bei dieser Weltmeisterschaft nur eingewechselt, danach aber hervorgehoben hat. Warum? Weil er gesehen hat, wie Rüdiger sich mit Nico Schlotterbeck nach dessen Tor zum zwischenzeitlichen 2:1 gefreut hat, wie er zu ihm hingegangen sei, wie er ihn gepusht habe.
Und das, obwohl Rüdiger seinen Stammplatz in der deutschen Innenverteidigung auf dem Weg zur WM an Schlotterbeck verloren hat. Nagelsmann sagte: „Das ist das Entscheidende, finde ich. Dass sie einen sehr guten Geist miteinander haben.“
Aber was sagt Antonio Rüdiger?
Rüdiger will „gute Vibes“ verbreiten – und macht das dann
Am Mittwochmittag sitzt er im Broyhill Auditorium der Wake Forest University in Winston-Salem. Und die Sprecherin des Deutschen Fußball-Bundes spielt ihm dort den Ball zu, indem sie ihn als Erstes auf die Unterstützung der Bank beim 7:1-Sieg gegen Curaçao anspricht, den sie „bemerkenswert“ fand.
Erstmal hallo alle zusammen“, sagt Rüdiger und nimmt den Ball dann am Ende seiner Antwort auf: „Ich glaube, als Fußballer ist es nicht einfach, auf der Bank zu sein. Aber in der Nationalmannschaft ist es nochmal was ganz anderes als im Verein. Wir alle haben hier nur ein Ziel. Jeder ist wichtig. Und wenn man von außen Input geben kann, ist doch nur besser.“
Stimmt das? Ist das für einen Spieler Real Madrids wirklich einfacher, in der Nationalmannschaft nicht zu spielen, bei einer WM, bei dem Turnier, von dem nicht nur kleine, sondern auch große Jungs träumen? Er sagt, dass er mit seinen Mitspielern „Spaß haben“ und „gute Vibes“ verbreiten wolle. Das macht er dann auch.
Er spricht über Nico Schlotterbeck, mit dem er nach dessen Tor gejubelt hat („Sein linker Fuß ist Gold, das muss man ihm lassen“). Er spricht über Deniz Undav, mit dem er nach dessen Tor sogar einen kleinen Tanz aufgeführt hat („Ganz ehrlich, die Bilder waren nicht schlecht“).
Er spricht über Florian Wirtz und Jamal Musiala, über Kai Havertz und Leroy Sané, die seiner Meinung nach bei der Nationalmannschaft den Unterschied machen können, den Kylian Mbappé, Vinicius Júnior und Jude Bellingham bei Real Madrid machen. Und er spricht mehrmals über Jonathan Tah. Über den großen Schub, den dieser gemacht habe. Über die überragende Saison, die er beim FC Bayern gespielt habe. Und dann sagt er: „Und ja: Er ist der neue Chef.“
Später sagt ein Reporter, dass er das Gefühl gehabt habe, dass Rüdiger dieser Satz Überwindung gekostet habe. „Falsch“, sagt Rüdiger. „Falsch, dein Gefühl.“ Er erzählt, dass er seit 2016 immer wieder mit Tah in der Nationalmannschaft gespielt habe, mit ihm gelacht und mit ihm getanzt habe, wobei Tah sich beim Tanzen noch verbessern müsse. Dann sagt er mit Ernst in der Stimme: „Es hat mich keine Überwindung gekostet zu sagen, dass Jonathan Tah der Abwehrchef ist. Es ist so, wie es ist. Ich habe dazu schon gesagt: Jeder hat seine Zeit. Jetzt ist deren Zeit. Ich kann nur unterstützen.“
Vertragsverlängerung bei Real Madrid
Stimmt das? Ist er in der Nationalmannschaft nur noch Unterstützer? Es gibt Gründe, auch gute, warum Rüdiger nicht mehr spielt. Sein Körper ist an Grenzen gekommen und er selbst hat Grenzen überschritten, auch darum geht es am Mittwoch, aber Rüdiger, der sich dazu auch in der F.A.Z. geäußert hat, sagt, dass eigentlich alles gesagt ist.
In Madrid glauben sie derweil ganz offensichtlich, dass Rüdiger mehr als ein Unterstützer sein kann, sonst hätten sie in dieser Woche seinen Vertrag nicht bis Sommer 2027 verlängert. Was glaubt er? Er sagt erstmal, dass er „stolz“ auf die Vertragsverlängerung sei, weil er ein „schwieriges“ Jahr gehabt, weil er „viel mit Verletzungen“ gekämpft habe. Er sagt aber auch, dass er sich zurückgekämpft und diesen Vertrag verdient habe.
Darauf kann er auch stolz sein. Real Madrid ist kein Klub, der Verträge nur wegen früherer Verdienste verlängert. Man muss nur Luka Modrić fragen. In der nächsten Saison wird Rüdiger also weiter Training für Training gegen Kylian Mbappé, Vinícius Júnior und Jude Bellingham spielen, so wie er dort schon seit vier Jahren gegen die besten Stürmer der Welt spielt. Und wenn es die Nationalmannschaft in der K.-o.-Runde dieser WM mit diesen Stürmern zu tun bekommen sollte, dann ist es nicht auszuschließen, dass Antonio Rüdigers Zeit doch noch kommen wird.
