Ein Halbfinale, das an so viele argentinische Auftritte bei dieser Weltmeisterschaft erinnert. Lange lag England mit 1:0 vorne, dann aber wechselte Trainer Lionel Scaloni den Sieg ein. Mit zwei Treffern in der Schlussphase sorgten Nicolas Gonzalez (86.) und Lautaro Martinez (90.+2.) für die nächste Rettung. Und die ist gleichbedeutend mit dem abermaligen Einzug in ein WM-Finale. Dort trifft der aktuelle Welt- und Südamerikameister auf den Europameister Spanien.
„Diese Gruppe überrascht mich immer wieder aufs Neue“, sagte Argentiniens Trainer Lionel Scaloni: „Es ist schwierig zu erklären. Schaut euch diese Fans an. Wir sind einzigartig, das ist keine Arroganz. Dieses Trikot gibt alles bis zum Ende, lässt alle Kräfte auf dem Platz.“
England Leidenszeit konnte auch der deutsche Trainer Tuchel nicht beenden „Mir tut es leid für die Jungs, die ganze Mannschaft, die Fans. Wir haben ein gutes Spiel gemacht, haben irgendwie versucht, das 1:0 durchzubringen“, sagte Kane: „Wir haben alles gegeben, Blut, Schweiß und Tränen – aber es hat nicht gereicht.“
Schon die Minuten vor dem Anpfiff ließen erahnen, was auf beide Mannschaften zukommen würde. Sowohl die argentinischen als auch die britischen Fans pfiffen und brüllten die jeweils andere Nationalhymne nieder. Nicht einmal 169 Sekunden dauerte es, bis es zur ersten Rudelbildung auf dem Platz kam. Nach einem Foul am englischen Kapitän Harry Kane stürmten Spieler beider Mannschaften aufeinander zu.
Damit war der Umgangston für die erste Halbzeit gesetzt. Nickligkeiten, Provokationen und Fouls machten einen strukturierten Spielaufbau praktisch unmöglich. Wer noch nicht begriffen hatte, welche historische Bedeutung dieses Spiel aufgrund des Falkland-Krieges von 1982 für beide Lager hat, dem war es spätestens jetzt klar. Es wurde verbissen um jeden Zentimeter Boden gekämpft. Insgesamt 19 Fouls standen in der Statistik der ersten Hälfte. Schiedsrichter Ismail Elfath aus den USA beließ es trotzdem erst einmal bei Ermahnungen.
Allgegenwärtige Erinnerungen an Diego Maradona
Argentinien lief wie gewünscht in der blauen Auswärtstracht auf. In dieser Farbe hatten die Südamerikaner das legendäre Viertelfinale von Mexiko-Stadt 1986 mit 2:1 gegen England gewonnen. Das Bild des damaligen Kapitäns Diego Maradona war im weiten Rund des Stadions der Olympiastadt allgegenwärtig. Als wollten die Argentinier eine Wiederholung beschwören, brachten sie Hunderte Banner und Bilder mit, die Lionel Messi und Diego Maradona gemeinsam zeigten. Akustisch dominierten die argentinischen Fans unter den 68.239 Zuschauern weite Strecken des Spiels.

Fußballerisch blieb die Partie dagegen hinter den Erwartungen zurück. Ein beherzter Sololauf von Anthony Gordon (14.) endete in den Beinen der argentinischen Hintermannschaft. Ein Foul an Lionel Messi (37.) sorgte dann für die nächste Aufregung. Sofort stürmten seine Mitspieler zum Schauplatz des Geschehens, um ihren Kapitän zu „beschützen“.
Aus dem Gewühl ging Elliot Anderson mit der ersten Gelben Karte des Spiels hervor. Die größte Chance des ersten Durchgangs aber hatte Enzo Fernandez (39.), dessen Fernschuss knapp über das britische Tor flog. Nach einem seltenen Fehlpass von Lionel Messi unterband Lisandro Martinez den vielversprechenden britischen Konter und sah die zweite Gelbe Karte des Spiels. Danach beruhigten sich die Gemüter ein wenig.
Anthony Gordon bringt England in Führung
Nach dem Seitenwechsel prüfte zwar Julian Alvarez (47.) gleich zweimal Jordan Pickford mit Schüssen aus der Halbdistanz, doch für das erste große Momentum des Spiels sorgte Anthony Gordon, der eine Hereingabe von Morgan Rogers vorbei an „Dibu“ Martinez zur umjubelten 1:0-Führung (55.) der Engländer ins Netz spitzelte. Nur wenige Minuten später jubelten die Briten erneut. Diesmal allerdings über eine gelungene Grätsche von Djed Spence gegen den frei aufs Tor stürmenden Guiliano Simeone (57.).

Argentinien tat nun deutlich mehr für das Spiel. Messi versuchte, mit kurzen, schnellen Pässen seine Mitspieler in Szene zu setzen, doch die englische Hintermannschaft war meist eine Zehntelsekunde schneller. Weil sich nun mehr Räume für die Engländer öffneten, lauerten die Spieler von Thomas Tuchek auf Konterchancen. Argentiniens Trainer reagierte und brachte mit Nicolas Gonzalez für Leandro Parades (65.) einen offensiv ausgerichteten Spieler. Und der sollte gleich seinen ersten Auftritt haben. Eine Messi-Flanke brachte Gonzalez mit dem Kopf aufs Tor, doch Pickford rettete glänzend.
Im taktischen Schachspiel der beiden Bänke legte Scaloni mit einem Dreifachwechsel nach. Er brachte mit Gonzalo Montiel, Rodrigo de Paul und Nicolas Otamendi drei Akteure, die für die Erfolgsära der letzten Jahre standen und die unter Druck stets alle Automatismen abrufen konnten. Die Folge war deutlich mehr Druck der Argentinier. Eine Flanke des eingewechselten De Paul setzte Alex Mac Allister (76.) aus aussichtsreicher Position nur an den Pfosten.
Und dann kam es wie so oft bei dieser WM. Die am Rande einer Niederlage stehenden Argentinier schlugen in der Schlussphase zurück. Im Anschluss an einen Eckball traf Enzo Fernandez (86.) aus der Distanz zum 1:1. Jude Bellingham kam bei seinem Abwehrversuch zu spät. Anschließend reckte Fernandez niederkniend beide Hände gen Himmel. Ein Gruß an den verstorbenen Diego Maradona.
Mit der Euphorie im Rücken drückte Argentinien nun auf das Siegtor. Und im entscheidenden Moment war Lionel Messi da und bereitete mit einer Hereingabe das Tor von Lautaro Martinez (90.+2.) vor. Die anschließend kopflosen Engländer vermochten in den verbleibenden Minuten der Nachspielzeit keine echte Chance mehr herauszuspielen.
