Baden, wo einst sprühendes Feuer war. In eiskaltem, tiefgrünem Wasser, das dort schimmert, wo eine spektakuläre Magmaexplosion Zehntausende Jahre zuvor ein Loch in die Erde gerissen hat. Was so überaus exotisch klingt, findet nicht in Island, Guatemala oder Indonesien statt. Nicht an abgelegenen und hoch liegenden Orten wie dem Crater Lake in Oregon oder dem Tobasee auf Sumatra, wohin Vulkanseeliebhaber sonst pilgern, die sich für das exzentrische Antlitz des Globus, dramatische Badeplätze oder Gesteinsgeschichte interessieren. Sondern, wie die Einheimischen hier in ihrem moselfränkisch geprägten Singsang sagen: „en de Aifel“.
Ja, die Sprachmelodie der Bewohner der Eifel wirkt so, als habe sie etwas von den weiten Tälern, den Vulkanhügeln und dem gemütlichen Rhythmus der Landschaft übernommen. Unweit der Grenze zu Belgien und Luxemburg liegen rund 13 kreisrunde Vulkangewässer, die einen beim Blick auf eine Landkarte wie blaue Augen der Erde ansehen – oder der Region, mit ein wenig Phantasie, das Antlitz eines Fabelwesens verleihen. Maare heißen sie, abgeleitet vom lateinischen Wort „mare“, das Meer.
Selbst die größten von ihnen ein Meer nennen zu wollen, erscheint allerdings als Hybris, die man eher einer karnevalistisch-alkoholisierten Übertreibung zuschreiben würde als der Realität. Aber ein schöner Name, das ist er schon. Und wer hier ins Wasser geht, watet nicht einfach in einen See. Er schwimmt in einer geologischen Form, die zu den eindrucksvollsten Landschaften der Erde gehört. 77 Maare sind in der Vulkaneifel bekannt, aber eben nur 13 sind mit Wasser gefüllt.

13 Vulkanseen in einem Sommer durchbaden – diese überschwängliche Idee wird bei näherer Recherche jedoch sogleich ausgebremst. Wir hatten uns das Baden in Dutzenden Maaren vorgestellt als wochenlanges Hüpfen von Vulkanwasser zu Vulkanwasser, wie entfesselte fröhliche Seeungeheuer. Doch praktisch ist das Schwimmen wegen des zunehmend restriktiveren Naturschutzes nur in vier Seen offiziell erlaubt. Darauf macht Marco Zimmers vom Tourismusverband Gesundland Vulkaneifel aufmerksam. Er sagt, dass es nicht nur wegen des Naturschutzes wichtig sei, an offiziellen Badestellen ins Wasser zu gehen, sondern warnt auch vor nicht sichtbaren Strudeln im Wasser und abrupten scharfen Abbruchkanten am Einstieg.
„Die Ordnungsämter gehen schärfer als zuvor gegen wildes Schwimmen vor“, gibt er uns mit auf den Weg. Natürlich wollen wir nicht für den Tod von Schilfvögeln und das Sterben von Sonnentau, Wollgras und Orchideen verantwortlich sein. Und auch beim Maare-Hopping zwischen nur vier Seen erlebt man Vulkanbaden in den Varianten von idyllischem Fast-allein-Sein wie am Meerfelder Maar bis zur Retro-Badeanstalt-Volldröhnung mit Frittengeruch, Planschbecken und Wasserrutsche wie am Pulvermaar.
Bei der Anfahrt von Norden in die Eifel schraubt man sich mit dem Auto gefühlt nach und nach auf eine Höhe von rund 500 Metern über Wiesen und Wälder hoch, immer wieder erscheinen kegelartige kleine Bergkuppen. Hier, im UNESCO-Geopark Vulkaneifel in Rheinland-Pfalz, sind die Seen zwar direkt durch Vulkanismus entstanden, aber sie sind keine originären Kraterseen, die sich nach einem Ausbruch direkt im Krater bildeten. Maare entstehen vielmehr, wenn aufsteigendes Magma auf Grundwasser trifft, dann sprengt die Explosion einen trichterförmigen Kessel aus dem Boden, und dieser füllt sich schließlich mit Wasser.
Plötzlich erscheint ein Natur-Bijou
Von der Autobahn aus erschließt sich der Reiz der Landschaft mit dieser dramatischen Erdgeschichte erst nicht so wirklich, vielmehr schleicht sich ein Einsamkeitsgefühl gepaart mit erinnerter Teenagerlangweile ein, die an ungeliebte Sonntagsausflüge erinnert. Bäume, Bäume, Dörfer mit leicht heruntergekommenen Pensionen, deren Schilder aus dem vergangenen Jahrhundert stammen, hubbelige Straßen und ein paar übrig gebliebene Maibäume säumen die Tour. „Vulkanhöhe I“ und „Vulkanhöhe II“ heißen Gewerbegebiete, auch eine „Pizzeria Volcano“ wirbt mit der so lange zurückliegenden Geburt der Landschaft.
Das fremdelnde Gefühl ändert sich schlagartig bei der Ankunft am ersten Maar des Tages. Das kreisrunde Gemündener Maar, das zu den sogenannten drei Dauner Maaren gehört, liegt in einer kleinen Senke und erscheint wie ein plötzliches Natur-Bijou vor uns. Der Kessel mit seinem tiefgrünen Wasser, umgeben nur von Wald, wirkt wie ein veritabler Märchensee. An diesem Sommervormittag sind wir die ersten Besucher, außer uns bauen am Parkplatz nur die Polizeitaucher Rheinland-Pfalz ihr Hightechgerät auf, um in diesem 30.000 Jahre alten Maar gleich ihre Übungsstunde zu beginnen. Eine Polizistin erzählt, dass die Taucher sich in diesem Gewässer besonders gerne auf Einsätze zur Bergung von Leichen oder zur Sicherung von Beweismitteln vorbereiten. Denn das auf 406 Meter relativ hoch liegende Maar ist bei gleichzeitiger Tiefe von 38 Metern ein gutes Trainingsgelände.

Wir ziehen keine Neoprenanzüge an wie die tapferen Taucher, sondern messen in zivilen Badeklamotten erst einmal die Wassertemperatur mit dem mitgebrachten Badewannenthermometer: 20,5 Grad. Das erscheint warm für so ein tiefes Maar. Aber wir verstehen beim Reingleiten, dass hier kein Pooldesigner am Werk war, sondern die Schöpfung. Unter den Füßen sackt der Boden weg, man spürt schnell eine Abbruchkante, und genauso schnell wird das Wasser kälter beim Schwimmen in die Mitte.
Doch die Kälte verschwindet auf der Haut, der Blick über den urzeitlichen Wasserkessel auf die bewaldeten Hänge ist so beruhigend für das Nervensystem, dass man keine inneren Durchhalteparolen braucht. Da kann auch der noch verwaiste Sprungturm des kleinen Strandbads kaum stören, und auch die etwas versteckt liegenden kreischfarbenen Tretboote in Tierform ändern nichts am Eindruck, hier in eine Welt außerhalb der Zeit gefallen zu sein. Je länger wir schwimmen, desto lebendiger, seltsam bewegt wirkt das Wasser um den Körper, vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns hier eine unheimliche Tiefe vorstellen. Also lieber auf den Rücken drehen und langsam zurück zum Ufer schwimmen.
Der See besteht aus reinem Regenwasser
Nach einer Stunde geht es dann weiter zum – durch ein kurzes Landstück getrenntes – Weinfelder Maar. Das mit seinen 51 Metern tiefste Maar wird auch Totenmaar genannt, weil dort ein Friedhof samt Kapelle beheimatet ist, und wir hätten es gerne ausprobiert, aber man darf dort nicht baden. Schade, denn der See besteht aus reinem Regenwasser, und es dauert 120 Jahre, bis das Wasser sich einmal erneuert. Wie es sich wohl anfühlt auf nackter Haut? Das werden wir nicht herausfinden können, dafür kann man zum Dronketurm gehen und die Sicht auf die Gegend mit Wasser und Wald bewundern, was bei Instagram ein beliebtes Motiv ist.
Dann geht es schon wieder den Hügel runter in das nächste Maar direkt im Ort Schalkenmehren, das auf den ersten Blick wie ein traditionelles Dorffreibad wirkt. Am Ufer des touristischen Ortes liegt ein kleiner Campingplatz, es gibt ein Ministrandbad mit Kiosk, Bootsverleih, mobiler Wasserrutsche und Kinderbecken. Seit Kurzem ist hier der Dauner Andreas Kubny Pächter, er hat mit seinem Jugendfreund Holger Moll das Bad neu übernommen.
„Ich selbst war 25 Jahre in der Welt und bin nun gerne hierher zurückgekommen“, sagt der fröhliche junge Mann, der Charleston liebt und auch an diesem Tag eine Playlist mit dieser Musik aufgelegt hat, die nun dezent aus der verglasten Verkaufsbude tönt, in der Rohesser-Räucherwürstchen über einem Holzgestell hängen und Dickmann-Schaumküsse im Brötchen angeboten werden. „Alles, was ich schön in Australien, Neuseeland, Kolumbien, Indien und Irland fand, waren abfallende Höhen bei Bergen und Wald, dazu Wasser“, erzählt er. So wie eben in der Eifel.

Ein paar Schritte weiter unten erfasst man, warum Kubny wohl so gerne wiedergekommen ist: Das bis zu 21 Meter tiefe Maarwasser schimmert in einem weit geöffneten Trichter inmitten von sanften Anhöhen. Das Grün der Bäume am Ufer spiegelt sich auf der blauen Wasseroberfläche, weiße Wolkenfetzen malen wilde Muster an den Himmel. Nährstoffreich und damit fischreich ist das Wasser bis heute, da in früheren Zeiten von den umgebenden Feldern zum Teil die Gülle in das Maar eingeleitet wurde. Als wir hinausschwimmen, messen wir im Wasser am Ufer 20 Grad, weiter draußen ist es auch hier viel kälter. Klassisch Maar eben.
In der Badepause setzen wir uns auf die Terrasse. Geruchsschwaden aus der Fritteuse, die gerade für den Tag angeworfen wird, wabern an den Tisch vor den Umkleideräumen. In den Frittengeruch mischt sich der Duft nach Sonnencreme des rüstigen Dauercampers mit Baseballkappe am Nachbartisch, der mit seinem Klapphandy Fotos vom Maar macht und sich ins freie WLAN einloggt. Pächter Kubny erzählt uns, dass viele Bewohner des Ortes stolz auf ihr eigenes Maar seien und zum Morgenschwimmen kämen.
In den Ferien kommen Niederländer, Belgier und Luxemburger
„Na ja, aber unsere Jugendlichen finden die Gegend oft langweilig, und in den Sommerferien wollen die Einheimischen nach Mallorca, dafür kommen in den Sommerferien viele Niederländer, Belgier und Luxemburger zu uns“, sagt er. Tatsächlich lebt dieser Ort von seinem Maar. Vom parteifreien Bürgermeister des Städtchens, Peter Hartogh, haben wir erfahren, wie wichtig die 80.000 jährlichen Gäste für die Wirtschaft des schmucken 650-Einwohner-Ortes sind, der bei einem Wettbewerb für Europäische Dorferneuerung ausgezeichnet wurde.
Dass Maar nicht gleich Maar und Wasser nicht gleich Wasser ist, erleben wir beim nächsten See, dem mit seinen 74 Metern tiefsten Maar des heutigen Badetages.
Wir erwarteten beim Pulvermaar inmitten seiner Buchenwälder eine einsame Postkartenschönheit mit einem hohen Kranz an Bäumen. Doch bei der Anfahrt wirkt ein Wohnmobilhafen samt Deutschlandflaggen erst einmal als Störsender im Bild. Und eine Freibadanlage samt Biergarten, großem Duschgebäude, DLRG-Turm, Wasserrutsche und knallblauem Schwimmbecken lässt passionierte Wildbader wie uns eine heimliche Enttäuschung spüren. Doch kaum ist man durch die Sperre und läuft dem Wasser entgegen, ist da einfach wiederum nur das dunkelblaue Maar mit dem dichten Grüngürtel der Bäume, die sich in das Wasser hinein biegen. In einem abgegrenzten Bereich schwimmt ein Floß samt Sprungturm, das in der Größe des Sees optisch jedoch fast verschwindet.
Einer der tiefsten Seen Deutschlands
Das kreisrunde Maar, einer der tiefsten Seen Deutschlands, strahlt je nach Lichteinfall in den Farben Petrol, Smaragd oder Grau. Sobald sich eine Wolke vor die Sonne schiebt, wirkt das Wasser sogar unheimlich schwärzlich. Auf dem Floß mit dem Sprungturm zeigen sich junge Männer kunstvolle Sprünge vom Dreimeterbrett und versuchen, so tief wie möglich zu tauchen. Die Idee des Kraters scheint sie anzufeuern, auch wenn geologisch gesehen hier kein wirklicher Krater ist. Und ja, auch je häufiger wir springen, desto mehr vergessen wir die von Menschen gemachten Metallmülleimer, die frei stehende Dusche, das künstliche Blau des Pools an Land – und das Gefühl einer Badeanstalt ist verschwunden.
Das letzte Maar des Tages ist dann am Ende schließlich auch das Schönste für uns, weil es unserer Vorstellung des Naturbadens noch näherkommt. Wer von den Dauner Maaren und dem Pulvermaar zum Meerfelder Maar fährt, legt kaum 20 Kilometer zurück, geologisch aber wechselt man von der ersten Erdszenerie mit ihren engen, dunklen Vulkanaugen in einen nun weit geöffneten Krater, der bei einer Explosion vor 80.000 oder 40.000 Jahren entstand, ganz genau weiß man es nicht.
Dorf, Wiesen und Maar liegen in diesem veritablen Kraterkessel, und man befindet sich in einer Landschaft, die an ein Amphitheater erinnert. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Explosion die Hänge des Kessels in Schollen brechen ließ und runde Gesteinsblöcke aus dem Mineral Olivin, sogenannte Olivinbomben, hinterließ. Aber Steine interessieren uns heute nicht, sondern wir hoffen auf interessantes Wasser und die Abwesenheit von Biergärten mit Plastikstühlen.
Seerosen blühen auf weiten Teppichen im grünen Wasser, Schilf steht am Uferrand, das Dorf liegt in der Ferne. Der Zugang zum See vom kleinen Parkplatz aus wirkt wie ein privater Garten, der von einem älteren Herren unter dem Sonnenschirm an einem Klapptisch bewacht wird. Er begrüßt uns freundlich und wirft die Badegebühr von drei Euro in einen alten Joghurtbecher aus Plastik.
Dann wandelt man über eine schmale Märchenwiese, und hinter Büschen liegt schon der Einstieg. Es riecht nach Teich, kleine Fische schwimmen an der glitschigen, bemoosten Treppe, die nicht so aussieht, als würden hier irgendwelche DIN-Normen überwacht. 23 Grad zeigt das Wasserthermometer. Nur drei andere Menschen planschen hier herum, Wasservögel schnattern, der Wind geht durch die Bäume. Ach, wie schön wäre es, in einem anderen Leben als Fisch auch alle anderen Maare der Region durchschwimmen zu können.
Naturfreibad Gemündener Maar: Liegewiesen, Baby- und Nichtschwimmerbecken, Sprungturm, Bootsverleih;
Naturfreibad Pulvermaar: Liegewiesen, Baby- und Nichtschwimmerbecken, Wasserrutsche, Sprungturm, Bootsverleih, große Cafeteria
Naturfreibad Schalkenmehren: Liegewiesen, Baby- und Kleinkinderbecken, mobile Wasserrutsche, Bootsverleih
Naturfreibad Meerfelder Maar: Liegewiese
