Die zweite Fußball-WM, 1934 in Italien, ist eher eine Europa- als eine Weltmeisterschaft. Nur vier der 16 Teams reisen aus Übersee an. Aus Südamerika kommen nur Brasilien und Argentinien, Letztere mit einem Reserveteam, denn die großen Profiklubs wie Boca Juniors oder River Plate geben ihre Besten nicht frei. Das Turnier, für dessen Austragung der faschistische Diktator Benito Mussolini großzügige Mittel beisteuern ließ, wirkt mit acht Stadien (vier neu, vier renoviert) überdimensioniert – für nur 17 Spiele, weniger als bei jeder anderen WM.
Nur eine der Partien findet vor vollen Rängen statt, das Finale in Rom, das Italien gegen die Tschechoslowakei gewinnt – ein nach Ansicht vieler Beobachter nicht nur ausverkauftes, sondern auch verkauftes Spiel. Allzu auffällig ist vor den Augen des „Duce“, so wie zuvor während des ganzen Turniers, die Bevorzugung des Heimteams durch den Schiedsrichter.
Hilter-Ultras bilden Hakenkreuz im Stadion
Die zweite Partie des WM-Debütanten Deutschland erlebt als Kulisse das Gegenteil. Im Viertelfinale gegen Schweden verlieren sich dreitausend Zuschauer im San Siro in Mailand. Immerhin reicht die deutsche Präsenz, um in einer Tribünenanordnung aus rot und weiß gekleideten Besuchern ein überdimensioniertes Hakenkreuz darzustellen, verbunden mit einem kollektiven Hitlergruß, den die Mannschaft erwidert.
Die „Schlachtenbummler“ erleben dann die erste Regenschlacht der WM-Geschichte. Die junge deutsche Elf, Durchschnittsalter 23, zeigt sich wetterfest. Wie beim 5:2-Auftaktsieg im Achtelfinale gegen Belgien, als der 19-jährige Edmund Conen nach 1:2-Pausenrückstand drei Tore schoss, entscheidet sie das Spiel mit einer Steigerung nach der Pause – in der, gemäß den Ernährungsideen von Reichstrainer Otto Nerz, Zitronen und warme Milch gereicht werden.

So gestärkt, trifft Karl Hohmann zum 1:0 und 2:0, verletzt sich jedoch beim zweiten Tor und kann die letzten 15 Minuten nur noch humpeln. Zehn Kollegen bringen ein 2:1 ins Ziel, doch beim folgenden Halbfinale gegen die ČSR fehlt Hohmann ebenso wie Regisseur Rudi Gramlich, der beide Tore eingeleitet hat. Der spätere SS-Untersturmführer und Präsident von Eintracht Frankfurt ist von seinem Arbeitgeber, einem jüdischen Lederwarenhändler, in die Heimat zurückbeordert worden – worauf Nerz Reinhold Münzenberg nachnominiert, der seine Hochzeit storniert und in den Zug nach Italien steigt.
Das Halbfinale entscheidet dann der beste Torjäger des Turniers, Oldrich Nejedly, im Stil der Zeit mit dem Beinamen „Kanonier“ versehen. Dreimal trifft er beim 3:1-Sieg gegen die Deutschen. Die wiederum entschädigen sich (ohne Verteidiger Sigmund Haringer, den Nerz mit einer Flasche Bier ertappt haben soll) mit einem 3:2 im Spiel um Platz drei gegen das in die Jahre gekommene österreichische „Wunderteam“.
Der „Völkische Beobachter“ schreibt den Erfolg umgehend „dem durch den Nationalsozialismus geschaffenen neuen deutschen Lebensgefühl“ zu. Andere feiern das Team, ähnlich anmaßend, als „Amateurweltmeister“. Offiziell als Profis werden deutsche Kicker bei einer WM erst 1966 antreten. Aber schon die „Amateure“ von 1934 haben mit ihren Füßen, mehr oder minder diskret, gutes Geld verdient.
