Ganz spät am Ende des nächsten herrlichen oder auch schaurigen Sechzehntelfinaldramas – je nach Perspektive – sagte Mohamed Ouahbi einen interessanten Satz. Der Trainer von Marokko hatte mit seiner Mannschaft im Elfmeterschießen gegen die Niederlande gewonnen, und es wurde durchaus gefeiert, wie man eben feiert nach einem besonderen Spiel.
Allerdings handelte es sich um eine sehr selbstbewusste Freude, die von den Marokkanern ausging. Jede Spur von Sensation war abwesend.
Ouahbi sagte: „Die WM in Qatar hat die Mentalität der marokkanischen Mannschaft verändert. Die Spieler glauben jetzt an sich, aber auch die Fans glauben an uns.“
Genauso war es. Die Marokkaner hatten bis in die Nachspielzeit zurückgelegen, glichen doch noch zum 1:1 aus und siegten am Ende nicht zuletzt, weil sie einfach etwas besser waren in einem Duell zweier starker Teams. Ungefähr so wie Teams, für die das Etikett „Turniermannschaft“ vorgesehen ist.
Die alte Debatte um das Spielsystem
Inhaltlich wird Koeman vorgeworfen, seine Abwehrformation verändert zu haben. Gegen Marokko verteidigten die Holländer mit einer Fünferkette, statt mit vier Abwehrspielern wie in den Partien zuvor. „Wir standen sicherer, aber wir waren vorne auch nicht so gefährlich“, räumte der Trainer ein.
Es ist die alte Debatte: Einflussreiche Teile der Öffentlichkeit und etliche Experten wollen risikofreudigen Angriffsfußball sehen, die Trainer, die in der Verantwortung stehen, wägen ab, diskutieren mit den Spielern und suchen nach ausgewogeneren Lösungen. Ein sehr sehenswertes Fußballspiel hatten aber dennoch alle Zuschauer präsentiert bekommen, und womöglich entsteht hier gerade ein Trend.
Was sich nach diesen ersten beiden Sechzehntelfinaltagen mit insgesamt vier Duellen abzeichnet: Die zusätzliche Runde mit 16 K.-o.-Duellen produziert faszinierende Dramen und ganz große Emotionen: Die Siegtreffer von Gastgeber Kanada und von Mitfavorit Brasilien gegen Südafrika und Japan fielen jeweils in der Nachspielzeit.
Es folgten der Thriller der Deutschen gegen Paraguay und am Montagabend das Drama der Niederländer gegen Marokko, das lange zugunsten der Europäer zu laufen schien, bis Issa Diop per Kopf zum 1:1 traf (90.+1). „Wir waren geduldig und trotzdem dominant“, sagte Ouahbi. Marokko spielte nicht nur sehr niveauvoll Fußball, sondern auch mit der Attitüde von Champions: selbstbewusst, beharrlich und frei von Angst.
Cody Gakpo als trauernder Torschütze
Nun, ein klein wenig schwächer waren die Niederländer, die durch Cody Gakpo in Führung gegangen waren (72.), der eine besondere Rolle in den Geschichten dieser niederländischen WM spielt. Der Flügelspieler und seine Freundin haben in diesem Sommer einen gemeinsamen (noch ungeborenen) Sohn verloren. Nun traf der Niederländer zum 1:0 und sank einfach auf den Boden, statt zu jubeln.
Alle Spieler, auch jene von der Bank, versammelten sich um den trauernden Torschützen, aber für den Sieg reichte dieser Treffer nicht, weil Marokko einfach weiter Tempo machte und nie in diesem Zustand der Angst einfror, der weniger stabile Mannschaften ergreifen kann, wenn ein viel zu frühes Turnieraus droht.
Bemerkenswert schwaches Elfmeterschießen
Allerdings war dieses hochklassige Fußballspiel mit einem bemerkenswert schwachen Elfmeterschießen zu Ende gegangen. Bevor der vom FC Bayern umworbene Ismail Saibari den entscheidenden Versuch verwandelte, hatten vier Schützen vergeben, ohne dass die Keeper eingreifen mussten.
Brillant war dafür die entscheidende Torwarttat des Marokkaners Bono, der einen hoch und scharf geschossenen Schuss von Crysencio Summerville abwehrte, indem er sich nicht in eine Ecke warf, sondern sich stehend auf die richtige Torseite bewegte und hielt. Das war ein genialer Moment, der am Ende des Turniers in Erinnerung bleiben wird.
Hochspannend und mitreißend waren die ersten vier K.-o.-Spiele dieser WM also, wobei zugleich sichtbar wird, wie heterogen das Niveau ist. Der Auftritt der DFB-Elf war spannend und dramatisch, Holland gegen Marokko bot schlicht guten Fußball, verloren haben jeweils die Favoriten von früher.
Genau wie die Deutschen kämpfen die Niederländer seit Längerem mit ihren Ergebnissen in Duellen mit anderen großen Fußballnationen. Seit der WM 2022 hat die Elftal kein Spiel mehr gegen eine andere Nation aus den Top 25 der Fifa-Weltrangliste gewonnen.
Nun sind sie abermals gescheitert, gegen den Weltranglisten-Siebten.
Dabei deutete vieles darauf hin, dass Holland eigentlich reif sein könnte für einen richtig großen Erfolgscoup. Neun der elf Startelfspieler aus der Nacht des Marokko-Spiels spielen in der englischen Premier League, die anderen beiden, Denzel Dumfries (Inter Mailand) und Frenkie de Jong (FC Barcelona), sind auch nicht schlecht. Die individuelle Klasse ist enorm, auch die Altersstruktur ist günstig, aber Marokko war ein bisschen stärker und vielleicht sogar ein wenig reifer.
