
Brasilianisches Gelb dominierte im weiten Rund des Stadions Houston. Eine kleine blaue Enklave hinter dem Tor aber leistete während der gesamten 90 Minuten akustischen Widerstand. Genau wie Japan gegen den großen Favoriten Brasilien. Der hatte in der Partie der Runde der letzten 32 Mannschaften lange Zeit Probleme, setzte sich aber in der südtexanischen Metropole vor 68.777 Zuschauern nach einer Leistungssteigerung nach der Pause mit 2:1 (0:1) durch. Brasilien trifft nun im Achtelfinale in New York (5. Juli) auf den Sieger der Begegnung zwischen der Elfenbeinküste und Norwegen, die am Dienstag in Dallas ausgetragen wird. Der Turnierfavorit wird sich allerdings noch steigern müssen, sollte es mit dem sechsten Stern auf dem Trikot klappen.
Trainer Carlo Ancelotti begann ohne seinen Superstar Neymar und vertraute stattdessen seiner bisherigen Formation. Japans Trainer Hajime Moriyasu hatte seiner Mannschaft mit auf den Weg gegeben, tief zu stehen und dem Rekordweltmeister Platz und Ball zu überlassen. Die Selecao hatte zwar mehr Ballbesitz, aber viel anzufangen mit der japanischen Zurückhaltung wussten die Südamerikaner nicht. Immer wieder erlaubten sich selbst gestandene Spieler wie Casemiro überhastete Abspielfehler.
Aus der sicheren Defensive, die Brasilien nur selten aufzubrechen verstand, klappte das japanische Umschaltspiel dafür umso besser. Vor allem als der Mainzer Kaishu Sano im Mittelfeld einen Fehlpass von Danilo abfing und nach vorne stürmte. An seinen platzierten Flachschuss ins linke Eck konnte Brasiliens Schlussmann Alisson Becker nicht mehr herankommen. Bundesligaprofi Sano dürfte mit diesem Treffer zum 1:0 (29.) im Stil eines Lothar Matthäus der WM 1990 seinen Marktwert nochmals erhöht haben. Und Japan konnte auf eine Überraschung hoffen.
Ancelotti reagierte im zweiten Durchgang und brachte Jungstar Endrick für den angeschlagenen Lucas Paqueta, den einzigen in der brasilianischen Liga spielenden Profi in der Startelf. Mit Endrick kam nun deutlich mehr Schwung in die brasilianischen Angriffsbemühungen. Brasilien begann den zweiten Durchgang mit viel Druck und einer Großchance. Den Kopfball von Bruno Guimaraes konnte Japans Schlussmann Zion Suzuki (51.) noch mit einer Glanzparade entschärfen. Nur zwei Minuten später brannte es erneut lichterloh im japanischen Strafraum, diesmal verhinderten allerdings eine Handvoll japanischer Abwehrbeine gemeinsam mit Suzuki, dass der Ball über die Linie ging.
Statt Neymar kommt Martinelli – und trifft
Das japanische Bollwerk hielt dann aber doch keine zehn Minuten mehr. Von links und rechts segelten die Flanken in den Strafraum und ausgerechnet der in der ersten Hälfte noch unsichere Casemiro traf per Kopf zum 1:1 (56.). Maßgerecht serviert wurde der Ball von Gabriel Magalhaes. Nur zwei Minuten später traf Vinicius Jr. nach einem beherzten Sturmlauf nur den Innenpfosten. Jetzt lief die brasilianische Offensive auf Hochtouren, allerdings konnte Japan immer Nadelstiche setzen. Ancelotti verzichtete trotz einiger Neymar-Sprechchöre von den ungeduldigen brasilianischen Fans auf eine Einwechselung des Superstars. Die Selecao sollte es auch ohne ihn richten. Noch wollte der erfahrene Trainer nicht alle Karten offenlegen.
Die Entscheidung fiel, als alle bereits mit der ersten Verlängerung dieser WM rechneten. Der zuvor eingewechselte Gabriel Martinelli von Arsenal London nutzte eine Unachtsamkeit des ebenfalls eingewechselten Japaners Ao Tanaka und traf mit einem Rechtsschuss zum 2:1 Siegtreffer (90. + 4.) in der Nachspielzeit. Und während sich die japanische Mannschaft mit einer tiefen Verbeugung von ihren Fans hinter dem Tor verabschiedete, klangen nun die brasilianischen Sambatrommeln noch etwas lauter als noch in der ersten Hälfte. Brasilien schaltet so langsam in den Turniermodus.
