Die schönste Form, Danke zu sagen, kann manchmal auch ein versteckter Hinweis sein. Luis Díaz hat ihn in seinem Musikvideo untergebracht. Der Angreifer des FC Bayern kann nämlich nicht nur hervorragend Fußball spielen, er ist auch ein sehr passabler Sänger. Vor einigen Monaten hat er seine erste Single aufgenommen, mit dem Titel „La Promesa“, das Versprechen. Darin ist gleich am Anfang ein Junge zu sehen, über dessen Bett ein Poster von Carlos Valderrama hängt.
Valderrama ist der Welt und den Deutschen wegen seiner lockigen, blonden Löwenmähne bekannt. Ganz besonders wild wehte sie 1990, als sich Valderrama im Gruppenspiel gegen Deutschland mehrfach auf dem Boden wälzte, beinahe ohnmächtig vor Schmerz, auf der Trage abtransportiert wurde, nur um nach der Behandlung wieder kerngesund aufs Spielfeld zurückzukehren. Mit Valderrama verhält es sich wie mit Díaz, auch er hat mehrere Talente, nicht nur die Schauspielerei. Ein ganz ausgezeichneter Fußballspieler war er auch. In Kolumbien lieben sie el pibe, ihr „Bürschchen“ (Valderramas Spitzname), noch immer, jeder kennt ihn, jeder mag ihn.
Entdeckt hat ihn Carlos Valderrama
Luis Díaz ganz besonders. Für ihn war Valderrama nicht nur Kindheitsidol, sondern auch sein Förderer. Sehr wahrscheinlich wäre die Welt heute um ein Ausnahmetalent ärmer, wenn Valderrama den jungen Díaz nicht entdeckt und für die Nationalmannschaft der Indigenen nominiert hätte, die er 2015 trainierte. Díaz gehört der indigenen Volksgruppe der Wayuu an. Aufgewachsen in einem abgeschiedenen Landstrich, wurde er lange von den Talentspähern übersehen, bis Valderrama sich seiner annahm und ihn an einen kolumbianischen Profiklub vermittelte.

Für manchen Kolumbianer ist Valderrama immer noch der beste Fußballer, den sein Land je hervorgebracht hat. Valderrama selbst sieht das anders: „Luis hat mich längst überholt, er ist ein Crack“, sagte Valderrama jüngst. Für alle, die nicht wissen, was ein Crack ist: So bezeichnen sich spanischsprachige Fußballer gern, wenn sie besondere Wertschätzung ausdrücken wollen. Ein Crack ist einer, der es so richtig drauf hat. Also einer wie Luis Díaz.
Die Kolumbianer glauben an ihre Mannschaft
Der 29 Jahre alte Angreifer des FC Bayern gehört bei dieser Weltmeisterschaft zu den prägenden Figuren. Wie Lionel Messi, Erling Haaland, Kylian Mbappé und Vinicius Jr. In dieser Liga sehen viele Experten Díaz inzwischen. Es gibt sogar immer lauter werdende Stimmen, die ihn als kommenden Weltfußballer fordern. Argumente dafür würde es sogar geben.
Díaz ist bei FC Bayern, einer der stärksten Klubmannschaften weltweit, ein wichtiger Protagonist. Im Nationalteam sowieso: Fast unbemerkt hat Kolumbien seine ersten beiden Spiele gewonnen. Gegen Usbekistan (3:1) und die Demokratische Republik Kongo (1:0). Gegen Portugal (Sonntag, 1.30 Uhr MESZ im ZDF und bei MagentaTV) würde ein Unentschieden zum Gruppensieg reichen. Für viele wäre das eine Überraschung, sollte Kolumbien Cristiano Ronaldo und all den anderen Ausnahmeerscheinungen, die Portugal im Kader führt, den ersten Platz wegschnappen. Für die Kolumbianer wäre es das nicht.
Sie glauben an ihre Mannschaft. Die Euphorie im Land ist, nachdem man 2024 nur knapp und äußerst unglücklich das Finale der Copa America gegen Weltmeister Argentinien 0:1 nach Verlängerung verlor, groß. In Kolumbien gilt dieses Spiel als Beweis, dass man mit den Besten der Welt mithalten kann.
Gespielt wurde damals in Miami, dort, wo Kolumbien nun auf Portugal trifft. Die Unterstützung durch die Fans ist gewaltig, in den USA leben viele Kolumbianer, die die Straßen Miamis und anderer Städte mit ihren gelben Trikots schmücken. Die Älteren von ihnen tragen die Nummer zehn auf dem Rücken. Also jene, die einst Carlos Valderrama trug. Die Jüngeren laufen mit der Sieben von Luis Díaz herum.
Luis Díaz lässt James Rodríguez das Kapitänsamt
Anders als zu Valderramas Zeiten scheint die aktuelle Auswahl aber mit der großen Erwartungshaltung an sie klarzukommen. Vor der WM 1994 hatte Kolumbien, angeführt von Valderrama, sein Qualifikationsspiel in Argentinien 5:0 gewonnen. Danach sagte Pelé, Kolumbien könne Weltmeister werden. Das war von diesem Moment an die Fallhöhe, mit der niemand im Land umzugehen vermochte. Weder die Fans noch die Mannschaft. Von den mächtigen Drogenbossen hinter den Kulissen ganz zu schweigen. Kolumbien scheiterte in der Vorrunde.

Das ist nun nicht mehr möglich. Auch dank Díaz. Seit dem Wechsel nach München ist er in der Form seines Lebens. „Luis ist dabei, ein kompletter Stürmer zu werden“, lobt Trainer Nestor Lorenzo. Er gibt Díaz alle Freiheiten, der darf selbst entscheiden, wann und wo er auftaucht. Für die gegnerischen Abwehrreihen ist er so noch schwerer zu kontrollieren.
Für seine Verhältnisse war das ein regelrechter Wutausbruch. Anders als viele Ausnahmekönner ist Luis Díaz kein extrovertierter Charakter. Er fährt kein Auto, das mehr wert ist als von vielen Menschen die Immobilien, trägt keinen auffälligen Schmuck oder fällt durch ein turbulentes Privatleben auf. Díaz ist verheiratet und hat zwei Kinder, auch sie kommen samt Ehefrau in seinem Musikvideo vor.
Bei seinen weniger introvertierten Mitspielern kommt seine Art an. Sie respektieren Díaz wegen seiner sportlichen Leistungen und seiner Bescheidenheit. Als bester und wichtigster Spieler hätte er das Amt des Kapitäns längst für sich reklamieren können. Er lässt die Binde aber bei James Rodríguez, dem Altstar der Kolumbianer, der sie in dieser schwierigen, letzten Etappe seiner Karriere mehr benötigt.
Das kommt an, vor allem bei Rodríguez. „Für mich gehört Luis zu den fünf besten Spielern der Welt“, sagte er und versprach Unterstützung bei einer möglichen Wahl zum Weltfußballer. Was Díaz dabei helfen würde, nannte Rodríguez auch. „Wenn wir Weltmeister werden.“ Luis Díaz selbst würde das kaum aussprechen. Nicht mal in seinem Lied, wo es um große Träume geht, findet sich darauf ein kleiner Hinweis.
