Die Frau hinter dem Geländer am Spielfeldrand weicht ein paar Schritte zurück. Sie spielt ein bisschen Katz und Maus mit dem Ordner, denn dem gefällt das Motiv auf ihrer Flagge nicht. Es ist eine Regenbogenflagge, und auf der Regenbogenflagge prangt das Gesicht von Mojtaba Khamenei. Irans oberster Führer trägt heute „Pride“.
Links und rechts von Khameneis Kopf lauert der goldene Löwe, ein Symbol des alten Iran. Auf seinem Kopf ruht ein Blumenkranz. Ja, die Regenbogenfahne ist erlaubt, aber das Gesamtpaket erscheint dem Ordner wohl zu provokativ. Und dann auch noch gleich am Spielfeldrand, während die Hymnen zu hören sind.
Ein Tag für queere Fußballfans
Pride Match in Seattle. Ein Spieltag für Menschen, die schwul oder lesbisch leben. Für trans Personen, für alle, die sich als Teil der LGBTQ-Bewegung fühlen. So hatten sie sich das gedacht in dieser Stadt, als sie diesen Spieltag, dieses Event vor vielen Monaten geplant haben. Dann kam die Auslosung. Und plötzlich fragte sich die Welt, was das bloß für ein Spiel werden soll: ein Pride Match zwischen Ägypten und Iran.
Es wird am Ende ein Spiel mit irrsinnigen letzten Minuten, eines, das Spieler Irans zur Verzweiflung bringt. Es ist eines für ägyptische Fußballfans, die sich über eine Gruppenphase ohne Niederlage freuen. Es ist ein Spiel für iranische Fußballfans; obwohl sie einen Tag später, am vergangenen Samstag, erfahren, dass es nicht genug war, nicht gereicht hat, dieses 1:1. Und es ist eines für queere Fußballfans.
Es ist eines für Fans wie Bookda Gheisar.

Anderthalb Stunden vor dem Anpfiff wischt Gheisar mit dem Finger über ihren Handybildschirm. Sie sucht ihr liebstes Motiv des Tages. Die iranischen Farben schmücken ihr fröhliches Gesicht, auf jede Wange hat sie eine kleine Flagge gemalt. Dazu trägt sie ein weißes Irantrikot. Das hatte sie schon am Freitagmorgen an, um kurz vor zehn. Da hat sie am Telefon aber auch gesagt, dass sie ihr Outfit noch um ein paar Accessoires ergänzen muss. Im Stadion will sie schließlich beide Identitäten zeigen.
Vor dem Stadion am Freitag baumelt über ihrem Trikot ein Pride-Match-Schal herunter, in ihrem braunen Haar steckt ein regenbogenfarbenes Band. Gheisar, 60 Jahre alt, ist Iranerin. Sie ist lesbisch. Und sie ist froh, dass dieses Spiel ein Spiel für sie ist.
Als sie das richtige Bild gefunden hat, blickt einem wieder Irans oberster Führer von einem Schild entgegen, in Regenbogenfarben. „Happy Pride Game, Mojtaba Khamenei!“, steht darunter.
Bookda Gheisar hat sich ein bisschen Sorgen gemacht vor diesem Spiel. Aber eher wegen der Spaltung der iranischen Community, wegen der Frage, wer nun das iranische Team unterstützen wird und wer nicht. Nicht so sehr wegen der Frage, wie das iranische Team oder die Fans nun auf die Pride-Flaggen reagieren würden. Sie ist gleich nach der Islamischen Revolution in die USA gekommen, 1980. Seit 1987 lebt sie in Seattle. Sie kennt die iranische Community hier, sie ist auch schon lange in sozialen Bewegungen aktiv. „Ich wäre geschockt, wenn Iraner dagegen protestieren würden“, sagt sie am Morgen des Spiels.
Kaum sichtbarer Protest
Gheisar behält recht. Der einzige sichtbare Protest gegen dieses Spiel im Zeichen des Regenbogens kommt von jungen Männern, die mit keinem der beiden Teams etwas zu tun haben. Als die Frau direkt am Spielfeldrand während der Hymnen ihre LGBTQ-Flagge mit Khameneis Gesicht schüttelt, ruft hinter ihr zwar jemand, sie möge das lassen, man sei doch für den Fußball hier. Aber sonst erregt sie in diesem Moment keinen großen Widerspruch. Auch nicht mit ihrem T-Shirt, auf dem in bunter Schrift „Gay Rights for the Mullahs“ steht.
Auf der ganzen Welt hat man vor diesem Spiel über dessen Konflikte und Gegensätze gesprochen. Ägypten, ein Land, in dem Homosexualität zwar nicht offiziell strafbar ist, aber in der Praxis trotzdem oft verfolgt wird. Iran, ein Land, in dem auf Homosexualität die Todesstrafe stehen kann. Und Seattle: eine offene, liberale Stadt, in der sich viele queere Menschen sehr wohlfühlen. Was Seattle der Welt gerne zeigen wollte. Obwohl Irans Verbandspräsident das „unvernünftig“ fand und der ägyptische Verband schrieb, es stehe im Widerspruch zu „kulturellen, religiösen und sozialen Werten in der Region“. Beide beschwerten sich beim Fußball-Weltverband FIFA.

An diesem Spieltag aber kann man sich lange in der Stadt herumtreiben, ohne über große Konflikte zu stolpern, jedenfalls nicht zu diesem Thema. Junge Männer haben ihr Salah-Trikot mit einem Pharaokostüm kombiniert, die traditionellen Kopfbedeckungen wippen von links nach rechts. Iranerinnen hüllen sich in ihre Fahnen, ob mit Löwen oder ohne. Und an Handgelenken, Umhängetaschen, auf Wangen oder T-Shirts blitzen Regenbogen auf. Wer die Meinung der Verbandspräsidenten aus Iran und Ägypten teilt, trägt sie jedenfalls nicht nach außen. Stattdessen sieht man Dinge, Menschen und Facetten einer Identität zusammenkommen.
Shalynn und Adam sind aus Oregon hergeflogen für das Spiel. Sie sei ein bisschen nervös gewesen wegen der Spielpaarung, sagt Shalynn auf dem Weg zur Einlasskontrolle, einen Regenbogenhut auf den blonden Haaren. Aber dass die FIFA offiziell verkündete, die Flagge werde erlaubt sein, hat sie beruhigt. Auf dem Weg zum Stadion, sagt Adam, hätten sie so viele Menschen gesehen, die sich gegenseitig feiern – so sollten internationale Events eben sein.
Die FIFA wählt die Seite des Gastgebers
Ganz selbstverständlich war es nicht, dass die FIFA all die Flaggen erlauben würde bei diesem Spiel. Bei der WM in Qatar, vor dreieinhalb Jahren, verbot sie Kapitänsbinden in bunten Farben. Es gab Berichte über Menschen mit Regenbogenmotiven, die aus den Stadien geworfen wurden. Jetzt teilte sie vor dem Spiel mit, alle Menschenrechtsstatements seien erlaubt, auch die LGBTQ-Flaggen. Man kann sagen, sie wählte die Seite des Gastgebers.
Ein Ergebnis ist, dass bei diesem Spiel eine Stadt zeigen kann, wie sie ist. Denn in Seattle bleibt der Blick auch anderswo oft an Symbolen der LGBTQ-Bewegung hängen. In Capitol Hill, dem queeren Hotspot Seattles, regeln Regenbogenstreifen den Verkehr statt Zebrastreifen. Bars, Supermärkte, Banken, überall haben sie die Fahne gehisst, zumindest in diesen Tagen. Wenn also ein WM-Spiel am Pride-Wochenende stattfindet, dann organisieren sie eben das entsprechende Event dazu.
Das andere Ergebnis ist, dass an diesem Tag Menschen zeigen können, wer sie sind. Shoe zum Beispiel, dessen Oberkörper in seiner Ägyptenfahne verschwindet. Ihm war es wichtig, herzukommen, um diese beiden Teile seiner Identität zu zeigen. „Ich hätte mir keine bessere Möglichkeit wünschen können“, sagt er. Auch wenn er sich noch nicht hundertprozentig sicher fühlt dabei: „Vielleicht kriege ich eins auf die Schnauze.“ Man wisse ja nie, auf wen man noch trifft.
An seiner Jacke klebt eine kleine Regenbogenfahne. Aber er hat noch mehr in seiner Tasche. Die will er herausholen, wenn er an seinem Platz angekommen ist.
Vor einer Bar in der Parallelstraße leuchtet eine bunte Perücke. Die gehört zu Sam, der vor 18 Jahren aus Iran in die USA gekommen ist. Er trägt einen Regenbogenfächer mit sich herum, auf seinem T-Shirt schwenkt der iranische Löwe die Regenbogenflagge. Sam, der in Wirklichkeit anders heißt, hat am Tag vor dem Spiel die Pressekonferenz gehört. „Über Dinge, die in unserer Religion verboten sind und nicht existieren, werde ich nicht sprechen“, sagte Irans Trainer Amir Ghalenoei über das Pride Match.
„Als ich das Video gesehen habe, habe ich gesagt: Ich komme zum Stadion und zeige, dass ich existiere“, sagt Sam vor einer Bar neben dem Stadion. Dass über dieses Spiel geredet werde in Iran oder Ägypten, dass von diesem Event dort etwas ankommt, sei wichtig, findet er: „Damit anerkannt wird, dass es uns gibt.“ Für ihn ist es eine glückliche Fügung, dass hier zwei Staaten mit so homophoben Regierungen gegeneinander spielen: „Ich finde es perfekt.“
Eine halbe Stunde vor dem Anstoß grölt eine Gruppe Iraner neben einem der Kiosks im Stadion ein paar Fangesänge. Eine typische, alltägliche Fußballszene. Nur dass mittendrin Sams bunte Perücke auf und ab hüpft, den Regenbogenfächer öffnet und schließt er im Takt.
Bookda Gheisar sagt, sie versuche immer wieder, Aufmerksamkeit zu schaffen dafür, dass ihre verschiedenen Facetten natürlich kein Widerspruch seien. „Es gibt Iraner, die sich als queer identifizieren, und wir leben beide Identitäten“, sagt sie. Auch sie hofft, dass von dem Spiel heute etwas ankommt in Iran. Sie weiß, dass es dort queere Menschen gibt, die sich freuen würden, die Regenbogenfahne zu sehen.
Gheisar hofft aber auch, dass all das nicht wieder das Spiel überlagert. Die iranische Mannschaft habe es schon schwer genug, findet sie, mit all den politischen Wirren und iranisch-iranischen Streitigkeiten um sie herum. Die Spieler hätten sich nicht ausgesucht, an diesem Event teilzunehmen: „Lasst sie Fußball spielen, und lasst uns sie anfeuern“, sagt sie.
So kommt es dann auch. Bis auf die Frau, die bei der Hymne am Spielfeldrand steht und deren Flagge dem Ordner zu provokativ erscheint, nimmt man keine Konflikte wahr an diesem Abend. Einige bunte Fahnen sind sichtbar zwischen den iranischen und den ägyptischen, beim Einlaufen oder bei den Toren, sie fügen sich einfach als Farbtupfer ins Gesamtbild.
Drama in den letzten Minuten
Die Spieler haben ohnehin Anderes zu tun, als sich mit dem Fahnenmeer auf den Tribünen zu beschäftigen. Gerade die Iraner, die in den letzten Minuten dieses Spiels ein Drama erleben, das alles andere hinwegwischt. Weil ihnen erst das Tor zum Weiterkommen gelingt, es dann aber wieder aberkannt wird. Und weil in diesem Drama für sie nach den vergangenen Wochen, dem Krieg, den Einreiseproblemen und den Ausreisequerelen, natürlich noch viel mehr steckt als ein aberkanntes Tor.
Das hört man, als Ramin Rezaeian, der Torschütze des einzigen gültigen iranischen Tores, sich nach diesem Spiel mit brüchiger Stimme und tränenden Augen bei seinen Landsleuten entschuldigt. Sie hätten mehr verdient, sagt er, sie verdienten das Beste. Und er verstehe nicht, warum es nicht geklappt habe.
Bookda Gheisar schickt am nächsten Tag ein Video des Interviews, das hat sie berührt. Natürlich war sie enttäuscht, dass es nicht gezählt hat, das Tor, das den Einzug in die nächste Runde bedeutet hätte. Aber dieses Spiel, sagt sie, habe ihr extrem gut gefallen.
