Am Ende des Abends, vor dem es um Flaggen gegangen war, um Werte und um Überzeugungen, geht es um Zentimeter. Um die Frage, was die Ekstase wert war. Ob sie alles wieder einfangen würden müssen, die iranischen Spieler, Betreuer, Fans, was da gerade aus ihnen herausgebrochen ist. Dann sagt der polnische Schiedsrichter Szymon Marciniak ein paar Worte in sein Mikrofon, von denen diese die zwei entscheidenden sind: „offside position.“
Shoja Khalilzadeh, der sich gerade das Trikot über den Kopf gezogen hatte, der auf den Knien zu seinen Kollegen gerutscht war, außer sich vor Glück, fährt sich jetzt verzweifelt durchs Haar. Seine Zehen waren zu nah am Tor gewesen, bevor er den Ball in der Nachspielzeit hineingeschossen hatte. Sein Tor ist nicht das 2:1, nicht das Tor, das Irans Mannschaft über alle Hürden hinweg in die nächste Runde der Weltmeisterschaft trägt.
„Ich sehe überhaupt kein Glück für mein Team“
Etwa eine Stunde nach diesem 1:1 gegen Ägypten steht Remin Rezaeian in der Interviewzone. So grimmig wie er den Kameras entgegenblickt, muss seine Mannschaft gerade ausgeschieden sein. Als er gleich nach dem Abpfiff ein Fernsehinterview gegeben hat, das im Pressebereich des Stadions ohne Ton lief, rang er um Fassung, Tränen in den Augen.
„Ich weiß nicht, was schiefläuft“, sagt Rezaeian jetzt. „Ich sehe überhaupt kein Glück für mein Team.“ Er hat nicht nur das Tor von Shoja Khalilzadeh gesehen, das nicht zählte. Er hat auch gesehen, wie Saeid Ezatolahi den Ball fünf Minuten später, Momente vor dem Spielende, an die Latte geköpft hat. In der 11. Minute hat Mehdi Taremi einen Elfmeter verschossen. Und in der 5. Minute, beim 0:1, hat Alireza Beiranvand, der Torwartheld aus dem Spiel gegen Belgien, einen unwahrscheinlichen Fehler gemacht, als er den Ball durch seine Beine rauschen ließ.
Darauf bezieht sich Rezaeian, wenn er über fehlendes Glück der iranischen Mannschaft spricht. Aber weil diese Mannschaft Rezaeian hat, darf sie trotzdem noch hoffen, in diesem Turnier zu bleiben. Er war schon zum zweiten Mal bei dieser WM der beste iranische Spieler, nicht nur, weil er den Ball in der 14. Minute aus einem sehr spitzen Winkel ins Tor schoss. Wenn die Iraner am Tag nach ihrem Spiel doch noch Glück haben sollten, kann dieses Tor zu dem Tor werden, das sie in die nächste Runde trägt.
„Das Verhalten uns gegenüber war wirklich schrecklich“
Als Irans Trainer Amir Ghalenoei zur Pressekonferenz kommt, sagt er deshalb zuerst, wie stolz er auf seine Spieler sei. Er hat die drei Unentschieden seiner Mannschaft im Kopf, er hat ihren Einsatz dabei im Sinn. Er weiß, dass seine Spieler in zwei von drei Fällen weniger talentiert waren als ihre Gegner.
Natürlich geht ihm die Schlussphase dieses letzten Spiels durch den Kopf, gegen Ägypten. Ghalenoei könnte angesichts dessen an den Amerikaner Edward A. Murphy erinnern, nach dem das Gesetz benannt ist, dem zufolge das, was schiefgehen kann, auch schiefgeht.
Ghalenoei erinnert stattdessen, ohne den Namen zu nennen, mal wieder an den Amerikaner Donald J. Trump. Er spricht also über alles, was schon vor diesem Spiel und dem Turnier schiefgegangen ist für seine Mannschaft. Das hat er schon ein paarmal gemacht im Lauf dieser WM, aber wohl noch nie so deutlich. Vielleicht, weil auch der Frust über dieses Unentschieden mit in seine Sätze fließt. „Die Gastgebernation hat uns sehr ungerecht behandelt“, sagt er. „Das Verhalten uns gegenüber war wirklich schrecklich.“
Er meint, dass sie erst so spät an- und so früh wieder abreisen müssen vor und nach ihren Spielen; dass sie also nicht unter den gleichen Bedingungen antreten können wie die anderen WM-Teilnehmer. Und dann sei da ja auch noch der Krieg. Der kommt, wie sich an diesem Tag mal wieder gezeigt hat, nicht so schnell zum völligen Stillstand wie angekündigt.
Ghalenoei appelliert an Fairplay der anderen Teams
Ghalenoei will die ungerechte Behandlung durch den Gastgeber nutzen, um Sympathien zu schaffen, um noch mehr Iraner zu vereinen hinter dieser Mannschaft. Aber er hat natürlich recht damit, wie bemerkenswert die drei Unentschieden angesichts all dieser Widerstände sind. Sie spielen unter anderen Bedingungen als andere, und sie könnten jetzt, wo ihre eigenen Spiele schon gespielt sind, noch einmal Pech haben. Denn die Mannschaften, die jetzt noch spielen, sind im Vorteil.
Als sie das Stadion in Seattle verlassen, um zurück nach Tijuana zu fliegen, hinterlassen Irans Spieler deshalb eine Botschaft in der Kabine. „Fairplay ist nicht nur ein Satz in den Fußballregeln, sondern die Seele des Spiels“, steht da zum Beispiel. Oder: „Punkte können auf viele Arten gewonnen werden, aber Respekt nicht.“
Es ist an die Mannschaften gerichtet, die nach ihnen spielen: Österreich, Ghana, Kongo, Algerien, Usbekistan, Kroatien. Denn der neue WM-Modus macht nicht nur eine Menge Rechnereien nötig, er schafft auch unglückliche Konstellationen. Weil Österreich und Algerien nun wissen, dass sie durch ein Unentschieden gegeneinander beide weiterkommen, ebenso wie Kroatien und Ghana.
Wobei er am Ende noch einen Satz hinzufügt, der klarmacht, dass er sich künftig doch etwas mehr wünschen würde. „Ich fordere die FIFA auf: Lasst nicht zu, dass die Gastgeber Spieler und Teams bei kommenden Weltmeisterschaften so behandeln“, sagt er. Und: „Ich hoffe, dass sich Herr Infantino klar dagegen positionieren wird.“
