
Jonathan Tah: War in seinem ersten WM-Spiel gegen Curaçao so gefordert wie eine Klimaanlage in Alaska. Deutlich weiter im Süden, in Toronto, war er in seinem zweiten WM-Spiel gegen die Elfenbeinküste – das Land, aus dem sein Vater kommt – wegen der Masse des gegnerischen Mittelstürmers Bonny als Kühlschrank gebraucht. Ist erst in der zweiten Halbzeit auf Hochtouren gelaufen, da stand es schon 1:0 für die Elfenbeinküste, hat dann aber mit mehreren guten Zweikämpfen seinen Teil dazu beigetragen, dass der Gegner heruntergekühlt wurde. Hatte in der 88. Minute aber Glück, dass seine Grätsche ins Leere nicht mit einem Gegentor endete.
Nico Schlotterbeck: Ist es gewohnt, dass auf seinen linken Fuß geschaut wird, nur nicht so wie in der 14. Spielminute. Da saß der Mannschaftsarzt mit ihm am Spielfeldrand und untersuchte das Bein, mit dem das deutsche Angriffsspiel bei dieser WM beschleunigt werden soll, weil Schlotterbeck kurz davor weggeknickt war. Aus dem Gas- ist dann kein Bremsfuß geworden, aber in der ersten Halbzeit spielte er dann noch zwei Fehlpässe, die man von ihm so gefühlt in einer ganzen Halbserie sieht. So wunderte es einen auch nicht, dass man Schlotterbeck nach der Halbzeitpause nicht mehr sah. Für ihn kam Antonio Rüdiger.
Nathaniel Brown: Stand nach zwölf Minuten dort, wo er normalerweise nicht so oft steht, aber goldrichtig, blockte zentral vor dem Tor einen Schuss von Singo. Lag nach 30 Minuten dort, wo er liegen musste, als Amad aufs Tor schoss, verzögerte das 0:1 damit aber nur um einen Augenblick. Ansonsten lief und lief und lief er. Im Spiel nach vorn mit viel Freiraum und Engagement, aber nicht mit dem Gespür für den goldrichtigen Moment. Nach hinten als zuverlässiger Aufpasser und Zweikämpfer. Verpasste in der 89. Minute das mögliche 2:1, bleibt aber auch so ein wertvoller Bestandteil des Teams.
Aleksandar Pavlović: Wirkte immer wieder wie ein College- unter Profispielern. Wie ein Boy unter Men. Seine Pässen waren wie gewohnt strichgerade, aber im Duell mit den Mittelfeldspielern der Elfenbeinküste fehlten ihm in diesem Spiel Ecken und Kanten. Einmal setzte er seinen Arm etwas stärker ein, aber das war im Fünfmeterraum gegen den Torhüter, weswegen der Schiedsrichter nicht auf Tor entschied, sondern auf Foul.
Leroy Sané: In eine Schublade brauchte ihn keiner zu stecken. War auf der rechten Seite sofort im Spiel, legte auch einen Vollsprint nach hinten ein, als Kollege Kimmich Unterstützung brauchte. Das Problem ist, dass das, was er am Ball zeigt, nicht für das oberste Regal reicht. Mit vielen richtigen Ideen, die aber über Ansätze nicht hinauskamen. Seine Position bleibt eine Klemme, in der die deutsche Mannschaft steckt.
Jamal Musiala: Machte im Zentrum schnell die Erfahrung damit, was ein zentrales Thema dieses Spiels werden sollte: Körperlichkeit. Lief seinen Gegenspielern ein paar Mal so davon, dass er diese Erfahrung erstmal nicht mehr machen musste. Damit war er lange Zeit der Auffälligste in der deutschen Offensive. Sein Schuss in der 18. Minute ähnelte dem, mit dem er die Bayern vor drei Jahren zur Meisterschaft schoss, diesmal aber ging er vorbei. Nach der Pause alles von vorn: Ging früh zu Boden, war dann an der ersten Chance beteiligt, ist aber noch nicht bei hundert Prozent.
Florian Wirtz: War gegen Curaçao stark ins Turnier gestartet, machte da aber nicht weiter. Was er auf der linken Seite tat, sah nach Arbeit aus, und er zeigte nach einem glücklosen Start die richtige Reaktion: Er arbeitete noch intensiver. Aber Momente der Leichtigkeit und Ideen, die das deutsche Team gebraucht hätte, wollten daraus nicht entstehen. Wechselte zwischenzeitlich mit Musiala die Position, ohne dass sich am Gesamtbild etwas änderte. War beim 0:1 derjenige, der den Torschützen Kessié im Auge hatte – aber auch nicht mehr.
Kai Havertz: Hatte die erste gute Chance für das deutsche Team, sein Kopfball nach zehn Minuten war nicht schlecht, aber auch nicht gut genug. War danach ein Sinnbild für das, was das große Thema der deutschen Mannschaft war: fehlende Körperlichkeit. Verlor Zweikämpfe, hatte kaum Aktionen mit Ball, und wenn, war er zu leicht wieder weg. Der falsche Mann für dieses Spiel, durfte nach einer Stunde noch bleiben, als mit Undav der Mann kam, den die deutschen Fans schon da für den richtigen hielten.
Antonio Rüdiger: Kam für Schlotterbeck. Und wenn es in der Gruppenphase ein Antonio-Rüdiger-Spiel gegeben hat, dann war es dieses. Mit ihm kam eine Körperlichkeit ins deutsche Spiel, die davor nicht da war. Und Rüdiger hat keinen Grund geliefert, warum er nicht im Spiel bleiben sollte, falls Schlotterbeck nicht zurückkehren kann.
Nadiem Amiri: Kam in der 60. Minute für Pavlović. Zeigte, wie man es auch als kleinerer Spieler (1,80 Meter) mit den großen Jungs der Elfbeinküste aufnehmen kann. Mit einer Mischung Energie und Eleganz nämlich, so wie in der 68. Minute, als er den Ball in den Strafraum flankte, den Undav dann zum 1:1 verwandelte. Freute sich danach wie ein kleiner Junge. Wie er sich wohl erst gefreut hätte, wenn er in der Nachspielzeit auf Pass von Undav etwas fester und genauer geschossen hätte?
Jamie Leweling: Kam in der 60. Minute für Sané auf der rechten Seite, führte sich mit einem Tunnel auf der linken Seite frech ein. Hatte aber anders als Amiri und Undav, die mit ihm gekommen waren, nichts Entscheidendes beizutragen.
Leon Goretzka: Kam in der 85. Minute für den Mittelstürmer Havertz. Mit ihm auf dem Feld fiel das 2:1, was aber eher Korrelation als Kausalität war.
