Die Woche, die in die Darmstädter Vereinsgeschichte eingehen wird, war auch eine besondere in der Familiengeschichte der Fernies. Paul Fernie war zwischen Kreißsaal und Kaderplanung gefordert. Quasi parallel wurden in seiner beruflichen Verantwortung die größten Summen bei den „Lilien“ jemals bewegt und in seiner familiären Verantwortung ein zweites Kind auf der Welt begrüßt. Aber es müsste wohl noch mehr geschehen, um den Briten aus der Ruhe zu bringen. Fernie, Geschäftsführer Sport beim SVD, ist ein stets besonnener Navigator, wie stürmisch die Zeiten auch sein mögen.
Auch angesichts von zwei besonderen Zahltagen, die das Girokonto des SV Darmstadt 98 e.V. jüngst erfahren hat. Innerhalb von acht Tagen trudelten Überweisungen von etwa siebeneinhalb Millionen Euro aus Wolfsburg und Mönchengladbach ein. Nun ist das erfolgreiche Darmstädter Sturm-Duo Isac Lidberg und Fraser Hornby weg, aber reichlich Geld da. Es sind Transfererlöse, die es in dieser Höhe innerhalb einer Wechselperiode noch nie bei den „Lilien“ gab. Wie gehen die Südhessen mit dem sportlichen Verlust und finanziellen Gewinn um? Und was folgt aus diesen Personalentscheidungen?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Rückblende: Paul Fernie war im Frühjahr 2024 vom SV Wehen Wiesbaden zu den Darmstädtern gewechselt. Um genau das zu tun, was gerade geschieht: die Rahmenbedingungen schaffen und kluge Personalentscheidungen treffen, um Spieler so voranzubringen, dass sie mit Gewinn verkauft werden können. Der Schwede Lidberg ist dem Bundesligaklub Gladbach wohl 3,5 Millionen Euro (plus mögliche Boni) wert, für den Schotten Hornby hat der Zweitligaverein Wolfsburg wohl vier Millionen Euro bezahlt.
Fernie macht Darmstadt zum gefragten Verkäuferklub
Nach acht Jahren hierzulande hat Fernie die deutsche Fußballseele mit ihrer Neigung, Spielerabgänge als Problem und nicht als Chance zu betrachten, durchschaut. Dennoch lautet sein oft wiederholtes, auf manche Fans eher befremdlich wirkendes Leitmotiv: „Wir wollen zum richtigen Zeitpunkt mit Freude verkaufen. Das ist bei uns in Darmstadt Teil des Geschäftsmodells.“ Dabei erhält er die Unterstützung des Präsidiums, das betont, dass ein Klub in dem Segment von Darmstadt 98 auf Transfererlöse angewiesen sei. Im konkreten Darmstädter Fall auch mit Blick auf den zu bedienenden Kredit für den Umbau des Stadions an der Nieder-Ramstädter-Straße.
Nachdem sich die „Lilien“ viele Jahre schwertaten, nennenswerte Erlöse zu erzielen, hat sich dies mit der Ankunft von Fernie geändert. Im Sommer 2024 gelang es, die Profis Christoph Klarer (rund vier Millionen Euro) und Marvin Mehlem (etwa 1,5 Millionen Euro) nach England zu transferieren. Im Sommer 2025 wechselte der damalige Kapitän Clemens Riedel für rund zwei Millionen Euro zu Espanyol Barcelona. Nun waren die erwähnten Spieler – ebenso wie Fraser Hornby – schon vor Fernies Amtsantritt am Böllenfalltor beschäftigt, der Brite hat das Darmstädter Profil als interessanter Verkäuferklub aber geschärft. Zumal er auch als Käufer schon gute Griffe für einen Kader getätigt hat, der in der abgelaufenen Zweitligarunde bis ins Frühjahr hinein auf Kurs des abermaligen Erstligaaufstiegs lag.

Die Darmstädter verlieren mit Lidberg und Hornby ein stark harmonierendes, mitunter begeisternd aufspielendes Sturm-Duo, das in der abgelaufenen Saison gemeinsam auf 40 Torbeteiligungen (28 Treffer, zwölf Vorbereitungen) kam. Trotz der sich gegen Saisonende häufenden Verletzungspausen und Sperren, die mitverantwortlich waren für den Schiffbruch im letzten Saisondrittel, stellte der letztlich fünftplatzierte SVD am Ende noch die viertbeste Offensive der Liga.
„Positive Kopfschmerzen“, so Fernie im Gespräch mit der F.A.S., verursache der Abgang der beiden bei ihm. „Es ist eine tolle Bestätigung unseres eingeschlagenen Weges.“ Weil im Angriff auch zwei kaum eingesetzte Ergänzungsspieler den Klub verlassen, verbleibt aktuell nur Fynn Lakenmacher im Kader, der allerdings bei seinen Kurzeinsätzen auch nicht gehobenes Zweitliganiveau verkörperte.
Mit den Transfers der beiden Torjäger verdient der Zweitligaverein aber auch viel Geld. Und er gewinnt ein Image in der Branche, das sich künftig noch nachhaltiger auszahlen könnte: als ein Standort, bei dem man als entwicklungsfähiger Spieler entscheidende Schritte voran machen kann – in einem ruhigen, gut ausgestatteten Umfeld, in einem schönen, atmosphärisch dichten Stadion, unter einem namhaften Trainer mit klarer, offensivfreudiger Spielidee (Florian Kohfeldt).
„Jeder sucht den 20-Tore-Mann, der wenig kosten soll“
Fernie bieten sich nun die Möglichkeiten, mit mehr Budget zu shoppen und Profis mit auf dem Papier noch mehr Potential und besseren Vorleistungen zu verpflichten, als es beispielsweise Lidberg und Hornby hatten – was die Wahrscheinlichkeit auf Treffer auf dem Transfermarkt erhöht. Geschwächt werden, um gestärkt daraus hervorzugehen also? In den Augen von Fernie: ja. Wenngleich sich die „Lilien“ aufgrund des Geldregens mit der branchenüblichen Schutzbehauptung beeilten, dass man fortan nicht mit Millionen nur so um sich werfen werde, sondern nur einen Teil des Geldes in den Profikader investieren werde. „Dies ist nun eine Chance, Spieler mit viel Potential für uns zu gewinnen. Das ist unser Job. Obgleich der Markt für Stürmer ein besonderer ist. Jeder sucht den 20-Tore-Mann, der auch noch wenig kosten soll“, so Fernie.
Nicht vergessen sollte man, dass die Darmstädter ihrerseits einst Ablösesummen von jeweils etwas über eine Million Euro für Lidberg und Hornby zahlten, dass beide Angreifer bei ihrer Verpflichtung zunächst auf Skepsis stießen und dass beide nun im Alter von 27 beziehungsweise 26 Jahren möglicherweise am oder nahe dem Höchststand ihres Marktwertes verkauft wurden. Nicht vergessen sollte man auch, wie viel Geduld die „Lilien“ mit Hornby hatten, wie überfordert er nach seiner Ankunft von der ersten Liga war und wie verletzungsanfällig er in seinen drei Darmstädter Jahren war.
Fernie ist, wie er sagt, am Böllenfalltor angetreten, eine „leistungsorientierte Entwicklungskultur durch spielerzentrierte Denkweise“ im Klub zu verankern. Ausgehend von klaren Fragen wie: Was braucht Spieler X konkret, um sich wohlzufühlen und zu performen? „Jeder Spieler hat Defizite, und jeder Spieler ist auch ein Mensch mit unterschiedlichen Bedürfnissen“, so der Neununddreißigjährige. Darauf individuell einzugehen und dafür auch die richtige Expertise und die nötigen Kapazitäten im Team zu haben, ist für Fernie der Schlüssel dafür, an kleineren Standorten wie Darmstadt überperformen zu können. „Der eine braucht mehr Führung, ein anderer Unterstützung im sozialen Bereich, bei einem dritten geht es um Kraft, ein anderer reagiert besonders gut auf Visualisierung seiner Szenen in Videositzungen“, erzählt Fernie.
Bei Hornby sei nach seinem schlechten Start und dem hörbaren Unmut der SVD-Fans nach missglückten Aktionen das Selbstvertrauen ein Thema gewesen. Das hat sich nach dessen Erfolgsserie zuletzt geändert. Zum Wohle der „Lilien“, die nun auf Stürmersuche sind. „Der Job“, so Fernie schmunzelnd, „den Ball über die Linie ins Tor zu bringen, ist der schwerste von allen auf dem Platz.“ Der Job, diese Spezialisten mit Torjäger-Gen zu verpflichten, ist aber auch nicht ohne.
