Andreas Merkel ist Schriftsteller, lebenslanger Fußball-Fan und Headcoach sowie Torwart der Autorennationalmannschaft. Erstmals in seiner WM-Geschichte schaut er weg – und schreibt darüber. Als „Ghostcoach“ befasst er sich übergriffig oder auch irgendwie magisch-realistisch mit Spielen, die er nicht gesehen hat, die ihn aus fußballbiographischen Gründen aber dennoch hätten interessieren können.
Teil 2: „Ich bin jetzt einer von ihnen“
In der zweiten Folge dieser Boykott-Kolumne kämpfe auch ich bereits mit den Problemen einer sogenannten „Turniermannschaft“. Nach mehr oder weniger glimpflich überstandenem Auftakt gegen den berühmten „einfachen“ Erstrundengegner – die Partie USA–Paraguay hätte ich wahrscheinlich auch unter normalen WM-Bedingungen nicht geschaut – stellten sich vorschnell Euphorie und leichte Hybris ein: Das wird ein Selbstläufer mit dem Nicht-Gucken dieser WM, Durchmarsch bis ins Finale, das man dann auch glorreich nicht schaut und so weiter.
Alle fanden die Idee klasse, und hochmotiviert war ich sowieso. Für die kommenden Fußballwochen schwebte mir mal ein anderes, freieres Leben vor: eine Art Gelehrten-Existenz. Im leichten Sommeranzug würde ich mich abends in die kühlen Gemächer meiner Privatbibliothek zurückziehen, um mir dort erfrischende alkoholfreie Drinks servieren zu lassen und mich in das Werk des norwegischen Großschriftstellers Dag Solstad („Elfter Roman, achtzehntes Buch“) zu vertiefen.
Der leider im vergangenen Jahr verstorbene Solstad hat davor tatsächlich über jede WM ein Buch geschrieben. Keines von ihnen wurde übersetzt oder ist auch nur in Deutschland erhältlich. Da ich kein Norwegisch kann, wäre ich also auch noch von der Last des Lesens befreit und könnte mich allein der Phantasie hingeben, was in diesen Büchern wohl drinsteht – und sie mir selber ausmalen, wie nicht geschaute Fußballspiele.
Defensive aus Nicht-Gucken und Nicht-Wissen
Leider deutet nichts an meinen realen Lebensumständen auf die Erfüllung dieser Wunschvorstellung hin: Ich sitze am zweiten WM-Wochenende bei tropischen Temperaturen in Jogginghose in der kleinen abgedunkelten Berliner Schreibwohnung hinterm Laptop und höre Kendrick Lamar, um mich auf die erste wirkliche Herausforderung dieser WM vorzubereiten: die Königsdisziplin, als Fußball-Fan Deutschland nicht zu gucken.
„He’s fat, with piles, he’s in the Epstein-files“
Die vom „Ghostcoach“ (das bin ja ich) für diese WM angeordnete Defensive aus Nicht-Gucken und Nicht-Wissen in der Innenverteidigung stand anfangs vorbildlich: Sonntagabend wanderte ich mit meiner Frau durch die menschenleeren Straßen ihrer alten Universitätsstadt Tübingen – und wir mieden die Public-Viewing-Ecken, an denen vor den Outdoor-Fernsehern der Gaststätten wahre Hundertschaften fröhlich auf dem Boden sitzender Studentinnen in Deutschland-Trikots jedes Tor bejubelten, als wäre Curaçao schon Brasilien. Während wir in einem ruhigen Innenhof Pasta aßen, als wäre nichts gewesen.

Im weiteren Wochenverlauf wurde es dann allerdings undisziplinierter. Mit großer Spielfreude ging es nun darum, Lücken in der eigenen strengen Nicht-guck-Defensive zu finden und eher die Offensive des Mitguckens zu suchen: Dienstag bestritt ich in Stuttgart mit Teilen der „Autonama“ (Die Autoren-Nationalmannschaft/d. Red.) ein Verlags-Fußballturnier und wurde bei der Abschlussfeier rückfällig. Draußen vorm Paulaner lief Frankreich–Senegal. Eine ultimate male fantasy: erst den ganzen Tag selber spielen und abends noch schön WM gucken.
Sozialkitt-Hölle aus Party und Fußball
Mittwoch, zurück in Berlin, guckte ich mit dem FC-Sohn dann auch gleich noch die zweite Halbzeit England–Kroatien, und wir freuten uns gemeinsam über die britischen Fan-Gesänge: „He’s fat, with piles, he’s in the Epstein-files – Trump the cunt, Trump the cuuunnt“ (sinngemäß: Er ist fett, mit Hämorrhoiden, er ist in den Epstein-Akten – Trump das Genital, Trump das …).
Aber so konnte ich wenigstens Donnerstag beim Steinplatten-Tischtennis an der Alten Försterei ein bisschen mitreden, als mich mein Freund aus Köpenick wie gewohnt in drei Sätzen schlug und parallel über die WM zuquatschte …
Aber das alles zählt nicht mehr, als es am Samstagabend ernst wird. Wenn ich aus den Alleinikov-Sportarten Lesen, Schreiben, Tischtennis, Nicht-WM-Gucken eintauche in die Sozialkitt-Hölle aus Party und Fußball. Werde ich den Boykott aufrechterhalten können? Bereits am frühen Morgen, als ich vor der großen Gewitterhitze auf dem Rad anschwitze, besorgte Anrufe von Freunden aus der sogenannten Denksportgruppe, einem Cornering-Projekt (man trifft sich seit der Pandemie wöchentlich einmal draußen im Park zum Reden über Fußball und Literatur): Bin ich dabei, obwohl dort das Spiel nur auf einem kleinen Laptop im Nebenzimmer gezeigt werden soll. Was mir eigentlich in die Karten spielt, aber von Freund E. als zu „pornös“ abgelehnt wird. Er will um Viertel vor zehn nach Hause gehen – „und guckst du wirklich nicht?“ E. macht sich über die Formulierung „partieller Boykott“ lustig.
Ganz normaler Barbetrieb
Die Schöneberger Party beginnt mit Smalltalk unter Fremden. „Und was machst du so?“ – „Ich gucke gerade im Wesentlichen die WM nicht.“ Für die anwesenden Nicht-Fußball-Guckerinnen ist das keine große Sensation. Die anderen „Denkis“ verlassen die Feier dann auch schon früh, um in Ruhe zu Hause zu gucken. Besorgte Frage der Gastgeberin: „Ist das nicht hart für dich, jetzt als Einziger von deinen Freunden das Spiel nicht zu schauen?“ – Ich umreiße kurz Vorteile und Gefahren meines Projekts mit einer Songzeile von Sophia Kennedy: Being lonely makes you special, but being special makes you lonely too. Im Nebenzimmer schauen einige das Spiel auf dem Laptop. Und wir müssen dann aber langsam mal los … – „Weil du das Spiel heimlich zu Hause sehen willst, sei ehrlich!?“
– Nein, schwöre ich, und zurück in Prenzlauer Berg ist es dann schön, durch die warme Sommernacht zu gehen. Alles an diesem Sonnabend ist eigentlich banal, außer dem seltsam auserwählten Gefühl, kein Fußball mehr zu schauen. In den Straßen viele Kneipenfernseher draußen, aber auch ganz normaler Barbetrieb ohne WM mit ganz normalen Hipstern, die auch nicht wissen, wie es steht. Ich bin jetzt einer von ihnen.
Und denke an die Hauptfigur aus Leif Randts letztem Roman „Let’s talk about feelings“: einen mittelalten Fashionhipster, der noch nie beim Fußball war, bis er von einer Freundin, die Lautern-Fan ist, zum ersten Mal mit ins Olympiastadion genommen wird. Auf dem Weg trinkt er zum ersten Mal Dosenbier und pinkelt zum ersten Mal erfolgreich im Stehen auf einer öffentlichen Toilette inmitten lauter Hertha-Fans. Und wird später im Stadion Zeuge von Glücksgefühlen beim Torjubel um sich herum, wie er sie bei Erwachsenen bisher nur auf Ecstasy kannte.
Diese Gefühle kenne ich und habe sie jetzt aber nicht, als ich im Vorbeigehen kurz das Zwischenergebnis mitbekomme und Nagelsmann wie einen Gorilla jubeln sehe. Ich gehe in meinem neuen Leben einfach nach Hause, um in den kühlen Räumen meiner Privatbibliothek weiter in den nicht erhältlichen WM-Büchern von Dag Solstad zu lesen.
