China taucht auf der Weltkarte des Fußballs erst 2002 auf. Mit Trainer Bora Milutinovic, zuvor mit Mexiko, Costa Rica, den USA und Nigeria bis in die K.-o.-Runde der WM gekommen, gelingt die erste Qualifikation für ein WM-Turnier. Milutinovic nennt das damals Erreichte „gigantisch“ – trotz der folgenden Enttäuschungen. 0:2 gegen Costa Rica, 0:4 gegen Brasilien, das Weiterkommen ist da schon passé. Und im letzten Spiel steht es nach zehn Minuten 0:2, wobei die Vorlagen für die türkischen Torschützen jeweils von Chinesen kamen. Würde die Elf, die 38 Tore in der Qualifikation schoss, bei der WM torlos bleiben?
Nach 27 Minuten ein Lichtblick. China im Angriff. Eine Flanke von links findet Yang Chen. Dessen Volley, voll getroffen, lässt den machtlosen Torwart erstarren. Und kracht gegen den Pfosten. Yang sinkt auf die Knie und trauert der Gelegenheit nach. Er kann noch nicht ahnen, dass sie einmalig bleiben wird, mindestens bis 2030.
Kein Sieg, kein Punkt, kein Tor
Bei jeder WM seit dem Debüt 2002 ist China in Abwesenheit in der „ewigen Tabelle“ der Weltmeisterschaften weiter zurückgefallen. 2026 sind alle Neulinge vorbeigezogen, Kap Verde, Curaçao, Usbekistan, Jordanien. Dazu Kanada und Kongo, der 1974 als Zaire schon mal dabei war. In der WM-Gesamtwertung seit 1939 steht das Reich der Mitte nun ziemlich am Ende: Platz 84 von 88.
Zum Glück hat man, ohne eigenes Zutun, wenigstens Panama und den Irak überholt, deren Tordifferenz in der Vorrunde ziemlich zerschossen wurde. Weltexklusiv hat China allerdings jetzt, weil Kongo traf, den historischen Hattrick aus null Siegen, null Punkten und null Toren.
Yang Chen hätte zumindest das mit den Toren ändern können, hätte nur der Pfosten etwas weiter links gestanden. Das Schussglück hatte er anderswo, sonst wäre das spannendste Saisonfinale der Bundesligageschichte anders verlaufen. 1999 traf Yang, der erste Chinese der Liga, gegen Kaiserslautern kurz nach der Pause wuchtig hoch ins kurze Eck. Das war der Startschuss für die wundersame Rettung der Frankfurter Eintracht. Kurz vor Schluss gab er Bernd Schneider die Vorlage zum 4:1, ohne die Fjörtofts legendärer Übersteiger am Ende auch nichts mehr genutzt hätte.
Yang blieb vier Jahre in Frankfurt, eins bei St. Pauli, ging dann zurück nach China, wo er „internationaler Markenbotschafter“ der Eintracht ist. Als mit Xi Jinping, seit 2013 Staatspräsident, ein Fußballfan an die Macht kam, gab es große Pläne. Bis Mitte des Jahrhunderts, so Xi, solle China eine WM ausrichten, ja gar Weltmeister werden. All das durch große Investitionen in die Ausbildung von Trainern und Spielern. Die Profiklubs aber kauften lieber teure Ausländer.
Als Resultat davon ist der Fußball in China, so das Magazin „11 Freunde“, seitdem „zu einer Satire verkommen“. So ist Guangzhou Evergrande, Serienmeister von 2010 bis 2019, nach dem Kollaps des Eigentümers, des mit 300 Milliarden Dollar verschuldeten Immobilienentwicklers Evergrande, in der Versenkung verschwunden.
Immer noch hat Fußball in China viele Fans, aber kaum Spieler von Format. Nicht mal die Quotenregelung, die maximal drei Ausländer pro Elf vorschreibt, hat das verbessert, im Gegenteil. Das Salär für Quoten-Chinesen stieg und raubte den Anreiz, ins Ausland zu gehen, sich dort zu verbessern. Heute spielt kein Profi aus China mehr in einer europäischen Topliga. Vom Weltmeistertraum ist China, Wirtschaftsriese und Fußballzwerg, noch weiter entfernt als 2002.
