Darf man das? Darf man im Finale der Weltmeisterschaft den Spieler auswechseln, der später als der beste des Turniers ausgezeichnet wird, der in der Mitte des Feldes steht, dort, wo sein Team in den sieben Spielen davor alles und jeden dominiert hat?
Darf man dafür einen Spieler einwechseln, der in diesen sieben Spielen nicht eine Minute auf dem Feld gestanden ist? Und darf man das dann in der 99. Minute machen, in der es 0:0 steht, in der eine Aktion alles ändern kann und der Gegner den Spieler hat, der, wenn es um eine Aktion geht, immer noch der Beste der Welt ist?
Operation am offenen Herzen
Der spanische Fußballnationaltrainer Luis de la Fuente darf das nicht nur. Er macht es auch. Als er in der Verlängerung des WM-Finales den Mittelfeldspieler Rodri aus- und den Mittelfeldspieler Martín Zubimendi einwechselt, wäre das für viele Trainer und viele Teams eine Operation am offenen Herzen gewesen. Für de la Fuente und die Spanier ist das wie das Ersetzen eines fehlenden Zahnes durch ein Implantat und eine Krone.
Es ist im Verlauf dieser WM, der größten in der Geschichte, immer wieder über die Eingriffe von Trainern diskutiert worden. Über die von Thomas Tuchel, der im Halbfinale gegen Argentinien mit der Einwechslung eines Verteidigers für einen Angreifer seiner Mannschaft das Signal gesendet hat, dass sie das 1:0 verteidigen soll, was dazu führte, dass sie sich immer weiter zurückdrängen ließ, bis sie es nicht mehr verteidigen konnte.
Oder über die von Julian Nagelsmann, der im dritten Gruppenspiel gegen Ecuador mit der Einwechslung von Spielern, die davor und danach keine Rolle gespielt haben, seiner Mannschaft Signale gesendet hat, die diese offenbar nicht verstanden hat. Und gerade weil bei dieser größten WM alles so groß gemacht worden ist, darf man sich darüber freuen, dass die Spanier gewonnen haben, weil sie in den kleinen Dingen die Besten waren.
Die Wechsel im spanischen Team sind so konsequent und so konsistent wie das spanische Spiel. Seit der Runde der letzten acht sah die Reihenfolge immer so aus: Erst kamen Ferran Torres und Pedri, dann Mikel Merino und Nico Williams. Und weil die Einwechselspieler so auch untereinander eine eigene Dynamik entwickeln konnten, ist es kein Zufall, dass sie im Zusammenspiel die Entscheidung herbeiführten. Im Viertelfinale, als Torres auf Merino passte. Und nun sogar im Finale.
Als der Ball in der Verlängerung in den Strafraum fliegt, köpft der eingewechselte Williams auf den eingewechselten Torres, der den Ball ins Tor schießt. Das passiert in der 106. Minute, als Rodri schon ausgewechselt ist. So wie auch schon im Finale der Europameisterschaft 2024, als die Spanier in der zweiten Halbzeit ohne den verletzten Rodri, der auch damals als Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde, gegen England gewonnen haben.
Man muss dazusagen, dass Luis de la Fuente im WM-Finale einen Spieler nicht ausgewechselt hat: Lamine Yamal, der besser dribbeln kann als jeder seiner Mitspieler. Und trotzdem kann man sagen, dass dieses Turnier durch seinen Sieger noch eine schöne Botschaft bekommen hat. Denn die Spanier sind auch deswegen Europa- und Weltmeister, weil ihr Trainer eine Mannschaft entwickelt hat, in der auch der beste Spieler des Turniers ersetzt werden kann.
