
Die WM in Mexiko beginnt unschön für den Bundestrainer. Nach 0:1-Pausenrückstand gegen Marokko wenden die Torjäger Uwe Seeler und Gerd Müller eine Blamage noch soeben ab. Doch daheim wird schon über Helmut Schöns Nachfolge debattiert. Deutlich verfrüht allerdings.
Der als Zauderer geltende Mann mit der Mütze hat immer noch den Hut auf. Er reagiert mit radikaler Abkehr von seiner bis dato eher konservativen Taktik. Er zieht Seeler ins Mittelfeld zurück und verleiht dem lahmen deutschen Angriffsspiel neue Flügel. Für Held und Haller kommen Löhr und Libuda. Zwei klassische Außenstürmer als Futterlieferanten für den unersättlich torhungrigen Müller.
„Momente der Freiheit“
So wird das zweite Vorrundenspiel zum Offensivspektakel, vor allem über rechts. Dort wirbelt Reinhard Libuda, den die Schalker Fans nur „Stan“ rufen, nach dem englischen Dribbler Stanley Matthews. Und den sie mit einem abgewandelten Glaubensspruch feiern: „Keiner kommt an Gott vorbei, nur Libuda.“ Der bulgarische Trainer Boskov steuert nach Schlusspfiff einen weiteren Libuda-Spruch bei: „Diesen Mann kann man nur mit einer Flinte erlegen.“ Unbewaffnet gelingt dies keinem seiner Spieler.
Wieder gerät Schöns Elf früh in Rückstand, muss ihm jedoch nicht so lang nachlaufen wie gegen Marokko. Dank Stan Libuda. Acht Minuten später stürmt er zur Grundlinie durch, schlägt eine scharfe, flache Flanke nach innen. Sie rutscht dem Torwart über die Linie. Weitere acht Minuten danach dasselbe Tempo-Spektakel über rechts – diesmal ist es Müller, der die perfekte Vorlage ins Tor lenkt, per Kopf.
Tausende Zuschauer, behütet mit Sombreros und Cowboyhüten gegen die mexikanische Mittagshitze, springen auf und feiern Libuda. Er ist an vier der fünf deutschen Treffer zum 5:2-Sieg beteiligt. Und Schön wird ihn in allen weiteren WM-Spielen einsetzen.
Schließlich weiß der Bundestrainer, dass Libuda die Tür nach Mexiko überhaupt erst aufgestoßen hat, in „einem der erregendsten Fußballereignisse, die jemals auf deutschem Boden stattfanden“, wie Schön das 3:2 gegen Schottland in der Qualifikation nannte. Libudas Sololauf zum Siegtor verhinderte eine WM ohne Deutschland.
Weil das am 22. Oktober 1969 geschah, einen Tag, nachdem Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt geworden war, wurde der geniale Moment des zum Intellektuellen nicht geborenen Instinktfußballers auch politisch interpretiert. So erklärte der Soziologe Norbert Seitz den „unnachahmlichen Alleingang“ des Rechtsaußen zum Startsignal des politischen Aufbruchs in Bonn – und des fußballerischen Aufbruchs in die begeisternden Siebziger. Und der Theaterkritiker Peter Iden schrieb 1980 wie in einem Nachruf: „Die Augenblicke der großen Außen, das waren Momente der Freiheit.“
Doch der geniale Dribbler Libuda, der am Ball auf engstem Raum Lösungen fand, kam mit der Freiheit im Leben abseits des Fußballplatzes weniger gut zurecht. Wegen Verwicklung in den Bundesliga-Skandal der Saison 1970/71 und folgender Sperren blieb seine Karriere im Nationalteam unvollendet – und das 5:2 gegen Bulgarien die letzte große Bühne seiner Kunst. Die strahlendste Ära des DFB-Teams, Europameister 1972, Weltmeister 1974, hat ohne ihn stattgefunden. Verarmt und alkoholkrank, stirbt „Stan“ Libuda 1996 im Alter von 52 Jahren nach einem Schlaganfall.
