
Phillip Tietz zwei Tore. Sheraldo Becker ein Tor und zwei Vorlagen. Phillipp Mwene und Ransford Königsdörffer mit je einem Treffer: Von der Zurückhaltung beim Torabschluss, die den FSV Mainz 05 zum Saisonauftakt gegen den SC Paderborn um ein besseres Resultat als das torlose Unentschieden gebracht hatte, war beim ersten Auswärtsspiel nichts mehr zu sehen.
Öffentlich hatten die Mainzer das damalige Debakel zuvor nicht thematisiert, Becker selbst stieß auch erst nach der Winterpause zum Kader. Und Urs Fischer hatte noch vor dem Wochenende betont, es gebe „nichts gutzumachen“. Die alte Saison sei abgehakt, das Gesicht der Mannschaft hat sich seit der vorigen Hinrunde stark verändert, für die Leistungen gilt das ebenfalls, und der Trainer ist ein anderer.
Im Mannschaftskreis aber war es offensichtlich sehr wohl ein Thema, sich zu revanchieren. Und das gelang den Rheinhessen mit ihrem höchsten Bundesligasieg seit dem 17. Dezember 2019, als sie Werder Bremen im Weserstadion ebenfalls mit 5:0 abfertigten.
Das Mainzer Momentum
An diesem Nachmittag war wahrscheinlich der dritte Treffer gut zwei Minuten nach dem Seitenwechsel der wichtigste. Die Hamburger Fans waren noch begeistert von der soeben erfolgten Einwechslung des am letzten Transfertag zurückgeholten Fabio Vieira – da schlug Phillip Tietz per Direktabnahme von Becker zu. „Unsere Pausenführung war verdient, und dann dieses Momentum …“, sagte der Trainer. „Der HSV hatte sich viel vorgenommen, hat drei frische Leute gebracht, und dann schießen wir das 3:0. Das hat dem Gegner wirklich wehgetan.“
Als sicher habe er den Sieg zu diesem Zeitpunkt dennoch nicht erachtet, die Erinnerung an das Rückrundenspiel gegen den FC Bayern, in dem aus einer Drei-Tore-Führung zur Pause ein 3:4 wurde, war noch nicht verblasst. Aber die Hamburger sind nicht Bayern München, und von diesem Dämpfer erholten sie sich nicht mehr in einer Form, in der sie den Mainzer Sieg hätte gefährden können.
„Man fährt nicht einfach zum HSV und gewinnt“, sagte Urs Fischer, explizit beeindruckt vom Auftreten seiner Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit. Ein Rad griff ins andere, die drei Veränderungen in der Anfangsformation zogen keinerlei Anpassungsprobleme nach sich. „Ich setze voraus, dass unsere Prinzipien greifen, egal in welcher Zusammensetzung“, merkte er an. Also auch, wenn zwei von drei Innenverteidigern neu ins Team rücken: Kacper Potulski ersetzte links den verletzten Dominik Kohr, Stefan Posch durfte rechts statt Danny da Costa ran.
Zwar reichte die Kraft des Rückkehrers noch nicht für 90 Minuten, „aber wann soll ich ihn denn bringen? Lieber zu früh als zu spät, er muss in einen Rhythmus hineinkommen“, sagte Fischer. Zudem ersetzte Neuzugang Alexander Schwolow den muskulär angeschlagenen Robin Zentner und erledigte seinen Job tadellos. Fischers: „Die Nummer zwei muss bereit sein, wenn die Nummer eins nicht zur Verfügung steht.“
Tietz und Becker ergänzen sich prima mit ihrer Gegenläufigkeit
So undurchdringlich sich die Hintermannschaft präsentierte, so durchsetzungsfähig agierte das Mittelfeld in Zweikämpfen und bei der Eroberung zweiter Bälle und so prächtig harmonierte das Sturmduo Tietz/Becker. „Wir ergänzen uns vorne sehr gut“, sagte Tietz. „Sheraldo als schneller Mann, der in die Tiefe geht, und ich als Wandspieler.“ Ein ums andere Mal leitete er lange Bälle weiter, meist mit einem Kontakt, fast immer wurde es danach vor dem Hamburger Tor gefährlich.
„Die Abläufe waren deutlich zu erkennen, man hat gesehen, dass die Jungs aufeinander schauen“, lobte Fischer das Miteinander seiner Angreifer. „Es klappt nicht, wenn beide entgegengehen oder beide in die Tiefe starten“ – die „Gegenläufigkeit“ sei wichtig. „Die haben wir gegen Paderborn noch nicht so gut auf den Platz bekommen, heute hat sie sehr gut funktioniert. Das war ein Schlüssel zu unserem Sieg.“
Zu einem Aufreger stilisiert wurde Ransford Königsdörffers Jubel nach seinem 5:0 an alter Wirkungsstätte. Auf den Knien rutschte der zu dieser Saison ablösefrei von der Elbe an den Rhein gekommene Stürmer vor die Tribüne, die Hände hinter den Ohren. Die Botschaft: „Ich kann euch nicht hören.“ Hintergrund waren die Pfiffe bei seiner Einwechslung, aber mehr noch die Hassnachrichten, die er rund um seinen Wechsel erhalten hatte.
Mochte sich auch manch einer über die „Provokation“ des Neu-05ers empören, Merlin Polzin wollte die Sache nicht aufgreifen. „Wenn wir uns nach so einem Spiel und so eine Leistung damit aufhielten, würden wir was falsch machen“, sagte der HSV-Trainer. „Wir haben heute andere Sorgen als den Jubel nach dem 0:5.“
