Das geht ja gut los bei diesen French Open. Die Tennisprofis sind vergrätzt, weil sie zu wenig Geld erhalten. Die Journalisten sind irritiert, weil sie von einer Reihe von Spielerinnen und Spielern am Freitag nur begrenzte Zeit für Interviews bekommen haben. Und die Veranstalter des wichtigsten Sandplatzturniers müssen Krisenkommunikation betreiben, um den Konflikt nicht weiter eskalieren zu lassen. Es geht, wie so oft, ums Geld. Um Abermillionen, die die vier Grand-Slam-Turniere schier im Überfluss haben, während die Teilnehmer nicht genug bekommen, wie sie behaupten.
Der Freitag vor Turnierstart am Sonntag dient in Roland Garros gewöhnlich dazu, dass sich die Tennisprofis viel Zeit nehmen, um gegenüber Journalisten über ihre Hoffnungen, Erwartungen, Verletzungen und ein paar Nebensächlichkeiten zu sprechen. Normalerweise zeigen sich alle voller Vorfreude auf das zweite Highlight des Tennisjahres. Diesmal war die Stimmung von vorneherein angespannter. Was daran lag, dass sich einige der besten Spielerinnen und Spieler nur 15 Minuten Zeit nehmen wollten für Gespräche: fünf Minuten für Videoaufnahmen, zehn Minuten für Pressefragen.
Die 15 Minuten sind ein Symbol für die aus Profisicht kümmerlichen 15 Prozent, die die French Open – gemessen an ihren Einnahmen – an Preisgeld ausschütten. Mit Medienschaffenden, die für die French Open oder ihre TV-Rechteinhaber wie Eurosport arbeiten, wollten die Profis am Freitag gar nicht reden.
„Es geht um Respekt“
So wurde in den Pressekonferenzen viel darüber geredet, weshalb die Tennisprofis nicht so viel reden wollen. Dabei hatten die Stars der Branche, angeführt von den beiden Weltranglistenersten Jannik Sinner und Aryna Sabalenka, schon neulich das Wichtigste gesagt oder in einem Brief an die Turnierveranstalter geschrieben. Sie hatten ihrer „tiefen Enttäuschung“ Ausdruck verliehen über das zu erwartende Preisgeld von Paris. Sie wollen sich nicht mit ein paar Millionen abspeisen lassen, sondern fordern Prämien ein, die in angemessenerem Verhältnis stünden zu den Einnahmen der Grand-Slam-Turniere.

Es gehe um Respekt, hatte Sinner jüngst beim Mastersturnier in Rom gesagt: „Ich glaube, wir geben mehr als das, was wir zurückbekommen.“ Sabalenka, die neulich einen Boykott ins Spiel gebracht hatte, sagte am Freitag: „Es geht um die Spieler, die in der Rangliste niedriger stehen und leiden.“ Als Nummer eins der Welt habe sie das Gefühl, „für diese Spieler aufstehen und kämpfen zu müssen“. Sabalenka machte am Freitag nach 15 Minuten Schluss mit der Medienarbeit.
Novak Djokovic, einst Mitbegründer einer Gewerkschaft für Tennisprofis und Streiter für mehr Spielerrechte, wollte sich an dem Protest von Paris nicht beteiligen. Veränderung sei unvermeidbar, sagte der Grand-Slam-Rekordsieger, aber schwierig angesichts der verschiedenen Interessen aller Beteiligten: Spieler, die Profiorganisationen ATP (Herren) und WTA (Damen), Weltverband ITF sowie den vier Grand-Slam-Turnieren. „Wir müssen zusammenstehen und mit einer Stimme sprechen, um eine bessere Struktur und Zukunft für unseren Sport zu finden.“
Der Unmut schwelt schon eine ganze Weile. Dass er dieser Tage in Roland Garros eskaliert, liegt daran, dass dort sowohl das Preisgeld wie auch dessen Anteil an den Turniereinnahmen am geringsten ausfällt. Zwar sind die Prämien gegenüber dem vergangenen Jahr um 9,5 Prozent auf insgesamt 61,7 Millionen Euro gestiegen, die Einzelsieger bei Damen und Herren erhalten jeweils 2,8 Millionen Euro. Auch die anderen drei Majors erhöhen ihre Ausschüttung kontinuierlich.
Bei den Australian Open im Januar betrug das Plus 16 Prozent auf rund 65 Millionen Euro. Im Sommer 2025 gab es in Wimbledon 63 Millionen Euro zu holen (plus sieben Prozent), bei den US Open sogar 73 Millionen Euro (plus 21 Prozent). Paris ist auch deshalb ein Sonderfall, weil der Anteil des Preisgeldes an den Einnahmen von diesmal absehbar 400 Millionen Euro sinkt, wie die Profis vorrechnen: Vor zwei Jahren habe er noch 15,5 Prozent betragen, diesmal werden es wohl 14,9 Prozent werden.
Unterstützung von Boris Becker
Keines der Grand-Slam-Turniere kommt auf einen Anteil von mindestens 22 Prozent, den die Profis für angemessen halten. Dabei wäre dies „fair“, sagte auch Boris Becker in einer von Eurosport organisierten Medienrunde. Eine Steigerung um sieben Prozentpunkte sei immer noch weit von jenen fast 50 Prozent entfernt, die amerikanische Profiligen wie NFL, NBA und MLB zugunsten der Spieler ausschütten. Allerdings haben die Teamsportarten Vereinbarungen, die kollektiv gelten.
Tennisprofis sind Einzelunternehmer und haben trotz mehrerer Versuche noch immer keine starke Gewerkschaft im Rücken. Darüber hinaus sind die Interessen zwischen denen, die die großen Turniere gewinnen und Millionen einstreichen, und denen, die im Niemandsland der Weltrangliste um jeden Punkt und jeden Dollar kämpfen, nicht leicht unter einen Hut zu bringen. „Ich glaube, dass wir uns auf einem guten Wege einigen sollten – ohne Streits, Boykotts und das ganze Drum und Dran“, sagte Deutschlands Topspieler Alexander Zverev. „Wir reden nicht von Turnieren, die arm sind.“
Die Grand-Slam-Turniere könnten sich die Erhöhung der Preisgelder locker leisten. Seit Jahren steigen ihre Einnahmen und Gewinne. Zum einen strömen immer mehr Besucher während der zweiwöchigen Hauptfeldwettbewerbe auf die Anlage. Zum anderen werten die Majors die vorgeschaltete Qualifikationswoche auf, indem sie sich neue Spektakel ausdenken, um möglichst viele Zuschauer zu Billigtarifen anzulocken: ein umgemodeltes Mixedturnier, ein „1-Point-Slam“, an dem die Profis untereinander und gegen starke Amateure um einen einzigen Punkt spielen. Oder eine Gaudi wie am Donnerstagabend in Paris, als Jannik Sinner, Naomi Osaka und andere zu Ehren des scheidenden Kollegen Gaël Monfils Schaukämpfe mit spaßigen Einlagen darboten.
Zum Dialog bereit, aber Funkstille ab Sonntag
Becker zeigte Verständnis für Zverev und Co., da deren Karriere von heute auf morgen vorbei sein könnte. „Ja, verdammt noch mal, wenn ihr so viel Geld verdient, gebt es doch aus an Preisgeldern auch in den Anfangsrunden für Spieler, die das zum Überleben brauchen“, sagte der sechsmalige Grand-Slam-Turniersieger. Die aktuelle Tennisgeneration sei nicht geldgierig, die Turnierleitung „in der Pflicht“, den Spielern entgegenzukommen, so Becker. Die Turnierreisen gehen ins Geld, sodass sich viele Profis jenseits der Top 100 keinen eigenen Tourcoach geschweige denn Physiotherapeuten leisten können. So mancher Erstrundenteilnehmer, der in Paris 87.000 Euro bekommt, muss für den Rest des Jahres damit wohl oder übel über die Runden kommen.
Der französische Tennisbund (FFT) hatte zum schwarzen Freitag wenig mehr zu bieten als warme Worte. Er bedauere das Vorgehen der Profis, erkenne aber ihre Bedeutung am Erfolg der French Open an. „Die FFT ist bereit für einen direkten und konstruktiven Dialog“, sagte ein Sprecher. Ab Sonntag, ließ die mitgenommen wirkende Turnierdirektorin Amélie Mausremo durchblicken, werde aber während der zwei Festspielwochen Funkstille herrschen im Streit ums Geld.
