Nadine Keßler bestritt zwischen 2004 und 2016 für den 1. FC Saarbrücken, Turbine Potsdam und den VfL Wolfsburg 144 Fußballspiele. Sie gewann unter anderem vier deutsche Meistertitel und dreimal die Champions League. Die 29-malige Nationalspielerin wurde 2014 zur „Weltfußballerin“ gewählt. Seit 2017 ist die heute Achtunddreißigjährige bei der Europäischen Fußball-Union (UEFA) beschäftigt und als „Leiterin Frauenfußball“ für die Turniere und Wettbewerbe in den 55 Mitgliedsverbänden verantwortlich.
Frau Keßler, Sie verantworten den Frauenfußball bei der Europäischen Fußball-Union (UEFA). Die UEFA hat das Preisgeld für die Champions League der Frauen in dieser Saison erhöht: von 24 auf 37,7 Millionen Euro.
Bei den Männern kassierte Sieger Paris Saint-Germain vergangene Saison 144 Millionen Euro, die Bayern bekamen als Viertelfinalist fast 106. Wann können sich die Frauen dem Niveau der Männer annähern?
Der Vergleich mit den Männern ist im Moment absurd. Einen Wettbewerb, der Anfang der Neunzigerjahre mit der Vermarktung begonnen hat, mit der Frauen-Champions-League zu vergleichen, die erst seit 2021 zentral vermarktet wird, ergibt keinen Sinn. Fakt ist, die Preisgelder sind deutlich gestiegen, auch dank ungefähr hundert Prozent größerer Einnahmen der Frauen-Champions-League im Vergleich zum letzten Vermarktungszyklus. Die knapp 38 Millionen Euro werden an die teilnehmenden Klubs und via Solidaritätszahlungen an nicht teilnehmende Klubs in 50 europäischen Ligen verteilt. Diese Auszahlungen und die Kosten werden durch Investitionen der UEFA, der UEFA-Männer-Klubwettbewerbe und durch Einnahmen getragen. Das Gesamtbudget beläuft sich auf circa 70 Millionen Euro.
Das heißt, es bleibt auf absehbare Zeit ein Zuschussgeschäft? Und wann trägt sich eine Frauen-Champions-League selbst?
Zuschussgeschäft ist das falsche Wort. Im Frauen-Klubfußball ist es noch nicht der richtige Ansatz, mit dem unmittelbaren Ziel an den Start zu gehen, direkt Gewinne zu erwarten. Natürlich ist das kommerzielle Wachstum vielversprechend, und die ersten Klubs schreiben schwarze Zahlen. Es braucht Investitionskapital mit mittelfristigem und langem Zeithorizont, das Profistrukturen schafft, den Wettbewerb erhöht und Zuschauer ins Stadion bringt. Wir brauchen mehr Klubs und Ligen, die dahin kommen. Deshalb geht es auch als UEFA im Moment nicht darum, mit den Klubwettbewerben Gewinne zu erzielen, sondern einen Effekt zu erzeugen, bei dem weitere Akteure mit investieren.

Können Sie Klubs benennen, die schon profitabel arbeiten?
Ein Beispiel ist Barcelona. Grundsätzlich sind es oft Vereine, die sportlich schon seit Langem auf Profi-Niveau arbeiten, die konsequent investieren und auch das Thema Vermarktung ernst nehmen.
Soll die Champions League ein Eliteturnier nach dem Vorbild der Männer werden – oder eine Entwicklungsplattform für möglichst viele Spielerinnen?
Es geht nicht darum, ein Männerformat zu kopieren, sondern das Richtige für den Frauenfußball zu bauen. Die Frauen-Champions-League soll die Qualität erhöhen und gleichzeitig die Breite stärken. Wir sichern Vielfalt über die Zugangsliste: Bei 18 Startplätzen haben wir mindestens neun unterschiedliche Nationen vertreten. Gleichzeitig brauchen wir für Vermarktung und sportliche Attraktivität Spiele auf höchstem Niveau. Das Format bringt früher hochkarätige Duelle. Der neu gegründete Women’s Europa Cup ist ebenso wichtig, da Teams, die früh aus der Champions-League-Qualifikation ausscheiden und sonst nur wenige internationale Spiele hätten, eine zweite Chance bekommen und Teams dazukommen. Der Unterbau ist entscheidend: Nachhaltig wird es nur, wenn es deutlich mehr starke Klubs gibt, nicht nur eine kleine Elite. Über 2000 Spielerinnen aus 86 Klubs und 50 europäischen Ligen haben dieses Jahr in einem UEFA-Wettbewerb gespielt: Wir stehen für Klasse und Masse.
Wenn wir uns die Halbfinals anschauen und die Klubnamen lesen, wirkt das trotzdem wie ein Abbild des Männerwettbewerbs: Barcelona, Bayern, Arsenal, Lyon. Im Endspiel an diesem Samstag in Oslo treffen Lyon und Barcelona aufeinander. Fördert dieses Format den Wettbewerb, oder festigt es Hierarchien?
Es sind nicht automatisch dieselben Klubs wie bei den Männern. Aber es stimmt, traditionelle Männervereine werden im Frauenfußball stärker. 2021 hatten rund vierzig Prozent der Erstliga-Männervereine in Europa ein Frauenteam, inzwischen sind es rund 60 Prozent. Das gleiche Bild spiegelt sich, wenn man sich Klubs in der Männer-Champions-League anschaut: Heute haben rund 75 Prozent ein Frauenteam, vor fünf Jahren waren es erst 55 Prozent. Wenn es gut gemacht wird, kann das Vorteile bringen, wie Infrastruktur und Ressourcen. Gleichzeitig ist der Wettbewerb weiterhin diverser, als es auf den ersten Blick wirkt: In den Top Ten unserer Klub-Rankings sind immer noch vier bis fünf andere Teams vertreten als bei den Männern.
Das neue Format verlangt größere Kader und mehr Reisen. Wie verhindern Sie, dass die Champions League zu Überlastung führt – besonders für Spielerinnen aus weniger professionalisierten Ligen?
Belastung ist ein zentrales Thema, aber wir haben bewusst versucht, sie für Topspielerinnen kaum zu erhöhen. Es gibt zum Beispiel keine zusätzlichen Spieltage in der Ligaphase, ebenso starten Topteams in der Zugangsliste später in den Wettbewerb als zuvor, und die zusätzliche K.-o.-Runde betrifft nur wenige Teams. Die größere Ausweitung an Spielen kommt vor allem über den Women’s Europa Cup, also für Klubs und Spielerinnen, die diese Spielpraxis brauchen.
Ist die Belastungsgrenze im Frauenfußball erreicht?
Medizinisch und bei den Rahmenbedingungen hat sich sehr viel verbessert. Trotzdem können europäische Topspielerinnen 60 bis 65 Spiele pro Saison erreichen. Mit Blick auf die Turnierdichte, inklusive Europameisterschaft, Weltmeisterschaft und Olympischen Spielen, ist das nahe am Maximum. Wenn man auf die letzten Jahre schaut, gab es Phasen ohne echte Sommerpause. Das war zu viel. Das soll so nicht weitergehen.
Im Moment denken wir nicht an eine Erweiterung. Wir waren sportlich sehr zufrieden: enge Spiele, eine hohe Leistungsdichte, viele K.-o.-Spiele gingen in die Verlängerung. Das Format hat funktioniert. Wir sehen zwar, dass die Spitze breiter wird, aber um 20 oder 24 Teams auf einem Großturnier-Niveau zu haben, braucht es noch Entwicklung. Für das Turnier in Deutschland sehen wir aktuell keinen Grund, die Teilnehmerzahl zu verändern.
Wie stehen Sie grundsätzlich zur Vergabe des nächsten UEFA-Turniers an den DFB?
Als UEFA-Repräsentantin bin ich neutral. Wir hatten sehr starke Bewerbungen. Deutschland hat sich aber sehr engagiert und das Turnier überzeugend geholt. Wir freuen uns darauf. Für mich persönlich ist es besonders, weil es mein Land ist. Die Schweiz hat gezeigt, was möglich ist. Mit 29 von 31 ausverkauften Spielen und einem spürbaren internationalen Interesse. In Deutschland kann das noch einmal deutlich größer werden: The sky is the limit!
„Es gibt keine Grenzen“ – wie meinen Sie das?
Wir müssen uns bewusst sein: Erwartungshaltung und Druck werden in Deutschland anders sein – für die UEFA, den DFB, die Klubs und alle Beteiligten. In der Schweiz haben viele nicht erwartet, dass es so gut wird. Das war das erste Frauenturnier, das nahezu komplett ausverkauft war. Ein Eröffnungsspiel, ein Finale, Partien von Deutschland oder England – das verkauft sich leicht. Aber wir hatten eine Auslastungsquote von rund 98 Prozent. Auch bei Nationen, die früher keine mitreisenden Fans hatten, reisten Fans mit. Wir hatten 35 Prozent internationale Zuschauer – das alles steht für ehrliches Interesse. Und ich bin sicher, dass das in Deutschland noch mal eine andere Dimension wird. Zuschauertechnisch kann das die doppelte Größenordnung werden: Wir denken an deutlich über eine Million. Deutschland ist ein Fußballland: infrastrukturell, kulturell. Ich hoffe auf einen Sommer 2029, in dem alle entweder im Stadion sind oder vier Wochen den Fernseher anlassen – zwischendrin essen und duschen gehen – und sich freuen, dass dann wieder Fußball kommt.
Sie wurden rund um die EM in der Schweiz darauf angesprochen, ob auch im Frauenfußball Ablösen jenseits von 100 Millionen Euro möglich wären, und Sie meinten, wenn es so weiterginge, dann dauere es nicht allzu lang. Bleiben Sie dabei?
Der Transfermarkt wächst sehr schnell, die Transfereinnahmen haben sich in den letzten fünf Jahren ungefähr versiebenfacht. Wenn sich dieses Tempo fortsetzt, sind zweistellige Millionenbeträge absehbar. Und wer weiß, was dann noch möglich ist. Positiv ist hervorzuheben, dass Klubs nun endlich auch Transfereinnahmen verbuchen können.
Sie benennen Wachstumsquoten im Fußball der Frauen. Aber was, wenn das Interesse stagnieren sollte, Märkte gesättigt sind oder Investoren abspringen? Gibt es vonseiten der UEFA eine Strategie für einen Plan B?
Das Ziel ist, ein System aufzubauen, das sich langfristig selbst trägt. Wir sehen klare positive Signale, etwa bei Nationalmannschaftswettbewerben und bei den Einnahmen der Frauen-Europameisterschaft, die sich seit 2017 stark erhöht haben. In Deutschland 2029 wollen wir den nächsten Schritt machen und Einnahmen generieren. Jeder Euro, der reinkommt, geht zurück in den Frauenfußball.
Sie sind seit Kurzem „Botschafterin“ des 1. FC Kaiserslautern. Warum haben Sie dieses Ehrenamt übernommen?
Ich bin dort aufgewachsen. Ich bin in dem Stadion groß geworden. Ich bin FCK-Fan, seit ich fünf Jahre alt bin. Wenn dein Klub anruft und dich fragt, ob du ein bisschen helfen kannst, dann unterstützt man die gute Sache. Die Frauenmannschaft ist gerade Meister in der Landesliga geworden. Speziell bei uns in der Region muss mehr für den Frauenfußball passieren. Der FCK ist ein Aushängeschild. Solch ein Traditionsverein hat eine unglaubliche Strahlkraft und kann extrem viel für Mädels bewirken. Deshalb ist das eine Herzensangelegenheit.
Der FCK hatte bis 2024 über vier Jahrzehnte gar kein Fußballangebot für Frauen und Mädchen. Auch Borussia Dortmund und Schalke 04 haben den Trend spät erkannt und mussten ganz unten beginnen. Sollten Klubs in den oberen Ligen in Europa verpflichtet werden, Frauenfußball nachweisbar zu fördern – mit verbindlichen Strukturen?
Das haben wir verankert. Es ist vorgesehen, dass jeder Verein, der eine UEFA-Lizenz beantragt, entweder ein eigenes Frauenteam haben oder eine Frauenfußball-Initiative unterstützen muss.
Meine Reise geht bei der UEFA weiter. Ich bin sehr glücklich in meiner Rolle und konzentriere mich darauf, unser „Unstoppable“-Projekt in die Realität umzuwandeln. Darauf liegt mein Augenmerk.
