In der riesigen Halle des Messezentrums von Bordeaux herrscht reges Treiben. Benoît muss lauter sprechen, um seine Fluchtgeschichte am Telefon zu erzählen. Die Flammen sind am Sonntag noch 17 Kilometer vom Zentrum der Weinmetropole entfernt. Mitten in der Nacht, um 2 Uhr 57, wurde der Einundfünfzigjährige in seinem Hotelzimmer vom Alarmgeklingel der französischen Warnapp FR Alert aus dem Schlaf gerissen. „Evakuieren Sie sofort!“, stand auf dem Display. „Extreme Waldbrände!“ Die Halle 3 des Messezentrums stehe als Zufluchtsort zur Verfügung.
Wie Tausende andere ist Benoît der Anweisung gefolgt, hat schlaftrunken seinen Koffer ins Auto verladen und ist losgefahren. „Gespenstisch“ sei es gewesen, und er räuspert sich, bevor er den penetranten Brandgeruch beschreibt. Seine Lage sei nicht so schlimm, bei ihm falle nur der Urlaub aus. „Aber mir tun all die Leute leid, die ihr Zuhause und ihre Existenzgrundlage verloren haben“, sagt er. 42.000 Hektar hat der Brand schon verwüstet, und es werden stündlich mehr.
„In der Not halten alle zusammen“
Die Ausstellungshalle ist in ein provisorisches Lager verwandelt worden. Mehr als 7000 Menschen haben Zuflucht gefunden, darunter sind Familien mit Kleinkindern, ältere Menschen, die von Rettungskräften aus ihren Seniorenheimen geholt wurden und Touristen, die ihre Ferienplanung ändern müssen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Der neue Bürgermeister von Bordeaux, Thomas Cazenave, sagt, es sei Platz für 10.000 Menschen. Aber wie lange noch sind sie in Bordeaux in Sicherheit?

Mehr als 200 freiwillige Helfer schenken Kaffee und kalte Getränke aus. Bäcker haben Croissants und Baguettes gespendet, erzählt Benoît. Restaurants beliefern die Gestrandeten mit warmen Speisen. Es herrsche angesichts des Horrors der Waldbrände eine eigentümlich herzliche Stimmung: „Man hat das Gefühl, in der Not halten alle zusammen.“
Giftige Gase und hohe Feinstaubbelastung
Mehr als 220.000 Menschen erhielten bislang Evakuierungsbefehle und mussten ihre Wohnungen oder Ferienhäuser verlassen – einen so umfangreichen Exodus hat es seit dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich nicht mehr gegeben. Darunter sind auch Urlauber, die an der französischen Atlantikküste ausspannen wollten. Auf der Halbinsel vom Cap Ferret wie um das Becken von Arcachon und weiter südlich in Biscarrosse liegen beliebte Ferienorte, deren Bevölkerung im Sommer auf ein Zehnfaches anschwillt.
Nicht nur das Feuer, das immer weiter in Richtung Bordeaux vorrückt, besorgt die Behörden. Durch die Brände entstehen giftige Gase, die Luft ist schwer an Feinstäuben. Innenminister Laurent Nuñez hat 1,5 Millionen FFP-2-Masken zur Präfektur nach Bordeaux schaffen lassen, damit die Leute sich schützen. Die Lage ist weiterhin „ungünstig“, stellt der Innenminister am Sonntag nach einer „neuen schwierigen Nacht“ fest.
In den Abendnachrichten hat Nuñez zuvor bekundet, eine Evakuierung der Stadt Bordeaux solle auf jeden Fall vermieden werden, auszuschließen sei sie jedoch nicht. Feuerwehrleute äußern sich in den Nachrichtensendern pessimistisch. „Der Brand ist außer Kontrolle“, sagt einer. „So was habe ich noch nie erlebt.“
Auch die Armee wird ins Brandgebiet beordert
Der 48 Jahre alte Bürgermeister Cazenave hat den Evakuierungsplan für den Metropolraum Bordeaux aktiviert. „Die Stadt ist bereit“, sagt er. Für den früheren französischen Haushaltsminister entbehrt die Situation nicht einer gewissen Tragik. Er hat im Februar 2024 aufgrund der Sparzwänge im hoch verschuldeten Land mit seiner Unterschrift die Kredite annulliert, die für den Kauf von zwei Löschflugzeugen vom Typ Canadair vorgesehen waren. Nun wird allenthalben beklagt, dass die veraltete Flotte an Löschflugzeugen unzureichend sei. Von den zwölf Flugzeugen vom Typ Canadair waren am Wochenende nur sieben verfügbar.

Präsident Emmanuel Macron hat die EU um Hilfe gebeten. Das gemeinsam mit Deutschland entwickelte Transportflugzeug A400M wurde kurzfristig umgerüstet und hat am Samstag – zum ersten Mal – 20 Tonnen chemischer Löschsubstanz aus der Luft auf einen Brandherd bei Lacanau abgeworfen. 20 Tonnen entspricht der Kapazität von drei Canadair-Flugzeugen oder zwei Dash-Flugzeugen. Deutschland kündigte Hilfe an, Portugal, Schweden, die Tschechische Republik, Rumänien und die Schweiz schickten Feuerwehrleute und Löschflugzeuge.
Auch die französische Armee wurde ins Brandgebiet beordert. Mehrere Standorte, die für die nukleare Abschreckung wichtig sind, werden von den Flammen bedroht. Dazu zählt die Kernfusionsforschungseinrichtung CESTA, die den Laser Mégajoule beherbergt, die größte Versuchsanlage außerhalb der USA. Die Flammen nähern sich auch der Niederlassung des Raumfahrts- und Rüstungsunternehmens Ariane Group in Saint-Médard-en-Jalles, wo die Triebwerke für die ballistischen M51-Raketen gebaut werden. In der Dassault-Fabrik in Mérignac werden die Rafale-Kampfjets produziert, die nuklear bestückt werden können.
Der Flughafen in Mérignac funktionierte am Sonntag noch eingeschränkt – aber ein Teil der Bewohner der Stadt hat schon sein Zuhause verlassen müssen. Die Bahnverbindungen in den Süden, nach Bayonne und Hendaye, sind unterbrochen. Auch die Autobahn Richtung Spanien ist auf 60 Kilometer gesperrt.
Dieb raubte 44 Grand-Cru-Flaschen aus Weinkeller
Die Polizei und teils auch Soldaten patrouillieren in den evakuierten Wohnvierteln. So kam es auch zu der Festnahme eines Diebes im Vorort Eysines, der in seinem Kofferraum 44 Grand-Cru-Weine bester Jahrgänge transportierte. Er hatte sie offensichtlich aus einem unbewachten Weinkeller gestohlen.
Frankreich erlebt erstmals ein Phänomen, das Wissenschaftler als Pyrocumulonimbus oder auch „feuerspeiende Wolkendrachen“ bezeichnen. Gemeint sind explosive Gewitterwolken, die durch den Rauch und die Hitze des Feuers entstehen und die Glut- und Rußpartikel wie ein Schornstein in die Höhe blasen. Böen tragen die Glut auf diese Weise immer weiter. „Das Feuer ist extrem virulent und unberechenbar, es schafft einen eigenen Wind und breitet sich auf erratische Weise in Richtung des Ballungsgebiets von Bordeaux aus“, warnt Innenminister Nuñez.
Christophe Chantepy von der staatlichen Waldbehörde Office National des Forêts (ONF) erläutert, dass die starken Regenfälle zum Jahresbeginn zu „einem perversen Effekt“ geführt hätten. So habe es zunächst eine üppige Vegetation gegeben, die in den vergangenen Hitzewochen vertrocknet sei – ein schnell entflammbarer Brennstoff für das Feuer. Bei den Bränden in Kalifornien Anfang 2025 habe dieser „hydroklimatische Schock“ bereits eine Rolle gespielt, sagt Chantepy.
Hinzu kommt, dass die Waldgebiete hauptsächlich aus See-Kiefern bestehen, die sich kilometerweit von den Ausläufern des Baskenlandes bis zur Metropole Bordeaux erstrecken. Die Monokultur spiele aber nur eine zweitrangige Rolle, meint Fachmann Chantepy: „Bei den derzeitigen Klimabedingungen brennt alles lichterloh.“
