Die Buhrufe und Gesten der Enttäuschung, mit denen zahlreiche Fans der Eintracht auf den letzten Bundesliga-Auftritt in der vergangenen Saison beim 2:2 gegen den VfB Stuttgart reagiert hatten, liegen erst zwei Monate zurück. Doch das, was gestern war, ist heute für viele schon nicht mehr von zentraler Bedeutung.
Aktuell stehen auf den Zuschauerplätzen rund um die Rasenflächen an der Frankfurter Fußballarena die Menschen dicht an dicht. Zu Hunderten kamen sie in den vergangenen Tagen, um der Eintracht beim Training zuzusehen. Ein Erlebnis, das es früher regelmäßig gab, doch mittlerweile besonders ist in einer Branche, die sich gern abschottet. Die Eintrittskarten, die nötig waren, um aus nächster Nähe zuschauen zu dürfen, wie die Profis der SGE ihrer Alltagsarbeit nachgehen, wurden vom Klub verlost und waren binnen Minuten vergeben.
Hütters Anspruch
Nachdem Adi Hütter und die Spieler aus dem Profi-Camp auf Mountainbikes angeradelt kamen, brandete Applaus auf. Später, als der Trainer dem Publikum winkend entgegentrat, riefen die Fans seinen Namen. „Mein Zuhause ist der Stadtwald“, hatte es Hütter anlässlich seiner Rückkehr plakativ und in Anspielung auf die Eintracht-Spielstätte formuliert – und eine Absicht benannt, an der er sich messen lassen wolle: „Wir müssen wieder Begeisterung und Euphorie entfachen.“

Das Verhältnis zwischen Publikum und Eintracht-Protagonisten, das im Laufe der vergangenen Rückrunde abgekühlt war und von dem Vorstand Axel Hellmann überzeugt ist, dass es als „energetisches Band“ unbezahlbare Extraenergie liefern kann, soll in diesen Sommerwochen durch vertrauensbildende Maßnahmen gestärkt werden. Auch am Chiemsee, zu dem die Eintracht mit einem 60-köpfigen Tross aufbrach, um sich bis zum 1. August auf das kommende Pflichtspielprogramm vorzubereiten, erhalten Fans – unter anderem bei einem Grillabend – die Gelegenheit zur Begegnung.
Viele Transfers hängen noch in der Schwebe
Wie die Mannschaft aussehen wird, die die Hoffnung auf bessere Zeiten verkörpern soll, ist erst in Ansätzen erkennbar. Viele Transfers sind intern auf einer To-do-Liste notiert worden, doch die Abwicklung der Zu- und Abgänge ist und bleibt ein Geschäft mit Unwägbarkeiten. Sportvorstand Markus Krösche sagte im Hinblick auf die Aufarbeitung des freudlosen Tuns im Frühjahr, dass er eine spürbare Verkleinerung des Kaders anstrebt. Ihm schwebt eine Mannschaft vor, bei der „17 Spieler auf Topniveau“ auf den Positionen 18, 19 und 20 durch „eigene Talente“ ergänzt werden. Dafür ist noch Verhandlungsgeschick vonnöten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Hütter wiederum, der vor fünf Jahren Frankfurt den Rücken gekehrt hatte, weil er (fälschlicherweise, wie ihm schnell dämmerte) annahm, dass er in Mönchengladbach bessere Gestaltungsmöglichkeiten vorfinden würde, machte deutlich, dass er nicht noch einmal am Main angetreten ist, um kleine Brötchen zu backen. Er kündigte zeitnah personelle Veränderungen an: „Je schneller die Schlüsselspieler auf den Schlüsselpositionen da sind, desto besser ist es.“ Eine davon, so sind er und Krösche überzeugt, wird von Noël Aséko besetzt werden.
Aséko hat in der zweiten Liga Eindruck hinterlassen
Mit dem U21-Nationalspieler soll das zentrale Mittelfeld gestärkt werden, das zu den Schwachstellen gehörte, die zur mangelhaften Abwehrkraft beitrugen; die Frankfurter mussten als Tabellenachter in der Bundesliga 65 Treffer hinnehmen, nur die Absteiger Wolfsburg (69) und Heidenheim (72) waren schlechter. Von Aséko erhofft sich die Eintracht mehr Stabilität. Zuletzt war er an den FC Bayern gebunden. Ein Gespräch mit dem Münchner Trainer Vincent Kompany offenbarte dem 20-Jährigen aber, dass er in den Reihen des Meisters nicht so zum Zug kommen dürfte, wie er das gern wollte. Also entschied er sich zum Weggang.
Aséko sprach von einem „Plan“, der ihm von Krösche und Hütter dargelegt worden sei und der ihm geeignet scheint, „Spielzeit zu sammeln und mich bestmöglich weiterzuentwickeln“. Die Statistik wies ihn zuletzt als einen der prägenden Zweitligaakteure aus, weil er – während seiner Leihe zu Hannover 96 – regelmäßig zu Dribblings ansetzte (91) sowie mit seinen Pässen 33 Chancen kreierte. Hütter, so erzählte es Aséko, habe ihm erklärt, dass er ihn als Sechser einordne – eine Position, für die mit Ellyes Skhiri, Farès Chaïbi, Hugo Larsson und Oscar Højlund bereits ein Quartett unter Vertrag steht, das auf unterschiedlichste Art, aber immer wieder hinter den Erwartungen zurückblieb.
Geprägt vom Kiez-Kick in Berlin-Neukölln
„Ich finde, ich bringe viel Intensität mit“, lautete Asékos Selbstbeschreibung, „ich bin mutig, zweikampfstark.“ Er sei, sagte Aséko bei seiner Vorstellung in Frankfurt, „N’Golo-Kanté-like“. Der mittlerweile 36 Jahre alte Franzose galt über viele Spielzeiten weltweit als das Role Model eines eifrigen Schaffers an der Nahtstelle zwischen Angriff und Abwehr; Kanté gewann die englische Meisterschaft, die Champions League und mit der Équipe Tricolore die Weltmeisterschaft (2018). Er stach dabei nie als einer hervor, der sich hinterher bei den Siegerinterviews vor die Kameras drängte, sondern durch sein unermüdliches Engagement die Triumphe möglich machte.
Aséko sagte auf sich bezogen, dass sein Pressing „ordentlich“ sei und er gern bei der Eintracht auf Anhieb Verantwortung übernehmen würde: „Ich möchte den Ball haben, ich möchte Spiele gewinnen.“
Seine Fußballmentalität führte er unter anderem auf seine Kindheit zurück: „Ich bin in Berlin-Neukölln aufgewachsen und bin Straßenfußballer.“ In den Kicker-Käfigen in seinem Kiez habe er vieles gelernt, was ihm aktuell helfe: „Wenn man den Ball verliert, will man ihn gleich wiederhaben und ihm nicht hinterherlaufen.“ Sieben Gelbe Karten im Einsatz für Hannover 96 sind in seinen Augen auch ein Indiz dafür, dass es ihm an Robustheit nicht mangelt: „Das macht Spaß und ist ein Zeichen, das ich dann setzen will.“
Die Eintracht, für die er sich wegen des „Gesamtpakets“ entschied, soll Aséko, wie er unverblümt berichtete, als Sprungbrett auf die internationale Fußballbühne und in die DFB-Auswahl dienen: „Jeder möchte eines Tages für die A-Nationalmannschaft spielen. Ich denke, das sollte auch mein Ziel sein. Ich würde lügen, wenn ich ‚Nein‘ sagen würde.“
Die zurückliegenden Probleme der Eintracht, die die Teilnahme am Europapokal verhinderten, hat er seinen Worten zufolge aus der Distanz nicht als solche „wahrgenommen“. Vielmehr sei es der zuvor erworbene gute Ruf der Eintracht gewesen, der ihn überzeugte, den angebotenen und bis Ende Juni 2031 datierten Vertrag zu unterschreiben: „Ich habe schon oft gehört, dass das Stadion hier auch mal richtig brennen kann.“ Tritt Aséko künftig so auf, wie er an seinem ersten Arbeitstag sprach, könnte er dabei den Zündfunken spielen.
