Der Berg verzeiht vieles. Und so steht eine Weihnachtsbaumsuchdelegation aus Frankfurt in 2300 Meter Höhe oberhalb von Königsleiten in zwei Gruppen aufgeteilt am Hang und jodelt. „Höhiti“, „Hohiti“ und „Hollarahiti“ schallt es ins Tal hinab. Auch Thomas Feda überwindet, angeleitet von Lehrer Christian „Jodel-Meister“ Eder, erstaunlich schnell seine Hemmungen beim Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme. In der dritten Proberunde federt er schon beschwingt mit den Beinen, die Arme schwingen zur Unterstützung des Gesangs mit. Und schon ist eine weitere Idee geboren. „Das wird phantastisch, wenn die Besucher auf dem Römerberg zur Eröffnung am 23. November unter Anleitung vom Herrn Eder im zweistimmigen Jodelchor für Alpenatmosphäre sorgen“, sagt Feda, Geschäftsführer der Tourismus- und Congressgesellschaft Frankfurt (TCF).
Die Tourismuswerber sind sich für keine Albernheit zu schade, das haben sie als Veranstalter der Volksfeste in den vergangenen Jahren hinlänglich bewiesen – etwa mit der Einführung eines Maskottchentags auf der Dippemess, eines Signature Drinks für den Wäldchestag oder der Veranstaltung von Autoscooterball-Turnieren. Der Klassiker unter den TCF-Aktionen ist aber nach wie vor die Weihnachtsbaumsuche, für die Jahr für Jahr eine Delegation in ein Waldgebiet entsandt wird.
Zum Ausgleich wird anderswo wird aufgeforstet
Der Frankfurter Weihnachtsmarkt könnte in diesem Jahr aber noch eine weitere revolutionäre Neuerung erleben, wenn die erstaunlich begeisterungsfähigen Weihnachtsbaumpartner aus dem Pinzgau Wort halten sollten: Sie wollen eine Lastwagenladung Schnee an den Main transportieren, damit sich die Kinder kaum drei Schneeballwürfe vom Römerberg entfernt über eine Schneemannbaustelle freuen dürfen. Man kann sich allerdings vorstellen, dass das Vorhaben noch am Widerstand mancher scheitert, die für Verrücktheiten nicht ganz so empfänglich sind wie die TCF, die nach einem halben Jahrzehnt mit Bäumen aus der Region erstmals wieder im Ausland auf Suche geht.

Und schon ist man mitten in der Diskussion um Nachhaltigkeit, ökologische Fußabdrücke und Spritpreise.„Wir wissen natürlich auch, dass man die Aktionen kritisieren kann mit Verweis auf den ökologischen Fußabdruck“, sagt Feda. „Aber der Weihnachtsmarkt bringt andererseits so viele positive Effekte für Zwischenmenschlichkeit und Zusammenhalt, das muss man in Relation setzen.“ Dennoch unterstützt die TCF freiwillig das Aufforsten eines durch einen Sturm zerstörten Waldstücks in Dietzenbach mit 200 Schwarzkiefersetzlingen. Und sie weist darauf hin, dass das Holz des Baums nach Weihnachten nachhaltig genutzt werde.
Die Vorfreude des Örtchens Königsleiten Wald, 1100 Einwohner, aber fast fünfmal so viele Gästebetten, wirkt ansteckend. Tourismuschef Peter Hofer ist regelrecht beseelt, wenn er von der Zusammenarbeit mit Frankfurt und der Idee spricht, einen Baum auf eine 600 Kilometer lange Reise in die „große Metropole“ zu schicken, was die Ortschaft immerhin eine deutlich fünfstellige Summe kosten dürfte. Bürgermeister Michael Obermoser verfolgt das Projekt genauso motiviert. Mittlerweile sind Delegationen gebildet sowohl für die Ankunft des Baums in Frankfurt am 3. November wie auch für die Eröffnung am 23. November, wenn beide Male der Weihnachtsbaum aus Königsleiten im Mittelpunkt steht.
Die schönsten Tannen stehen nicht im Wald
Während der vier Wochen Weihnachtsmarkt wird der Ort in einer Hütte unterm Baum für sich und seine Sommer- wie Winterattraktionen werben, für die Jodelkurse auf einem Rundwanderweg mit acht Stationen, für die Eröffnung der Skisaison Mitte Dezember in Kooperation mit dem Frankfurter World Club Dome, für Bogenschieß-Parcours oder Pflege alter Mühlen.
Der Wander- und Skiort im Pinzgau ist Teil eines touristisch geprägten Landstrichs mit vielen Millionen Bäumen, zu 90 Prozent sind es Fichten, und nur eine davon muss den Anforderungen an einen Frankfurter Weihnachtsbaum entsprechen: Es muss einen Grund geben, dass der Baum ohnehin gefällt werden muss. Er muss zudem halbwegs unkompliziert gebunden und für den Transport verladen werden können. Vor allem aber muss er dem Anspruch von Feda genügen. Der TCF-Geschäftsführer will Jahr für Jahr Maßstäbe setzen, wenn schon nicht im internationalen Vergleich mit dem Rockefeller Plaza in New York, dann zumindest im Wettbewerb mit allen Weihnachtsmärkten zwischen Nürnberg und Hamburg.
„Da geht es nicht darum, dass wir den Größten haben, die größten Bäume sind fast immer eher zerfledderte Exemplare“, sagt Feda und nennt als Beispiel Manni, der 2024 auf dem Römerberg stand. „Es geht stattdessen um Schönheit.“ Das Schönheitsideal definiert er mit einer Größe von 25 bis 26 Metern, einem Durchmesser an der breitesten Stelle von gut acht Metern, einem dichten Astbewuchs und mindestens drei schön anzusehenden Seiten – die vierte kann zum Römer hingedreht und gewissermaßen versteckt werden. Den Rest erledigt Weihnachtsbaumkosmetiker Jörg Renneissen, der eine Woche lang mit allerlei Tricks den Baum aufhübscht.
Einen Baum, der Feda gefällt, findet man vor lauter Wald gar nicht so einfach. Deshalb vertraut der Tourismuschef, obgleich er in zwei Jahrzehnten der Baumsuche einen Kennerblick entwickelt hat, mittlerweile auf die Vorarbeit seines Weihnachtsbaumscouts Matthias Krug. „Den idealen Weihnachtsbaum dieser Größe gibt es eigentlich nicht im Wald“, sagt Krug. Man könne schließlich nicht einfach einen herausziehen, ohne Schäden anzurichten.
Stattdessen richtet Krug seinen Blick auf Bäume, die nahe an Straßen oder auf Privatgelände stehen, zumal es dort bisweilen nötig sein kann, den Baum als Gefahrenquelle zu fällen.

Eher pflichtschuldig zeigt Baumscout Krug zwei Bäume, die er zwar für tauglich erachte, aber letztlich nicht ernsthaft in Erwägung gezogen habe. Viel zu überzeugend sei das Gesamtpaket des Auserwählten. Der steht auf dem Gelände eines Betriebs des Energieversorgers des Salzburger Lands. Dort sei er durch seine Größe zu einer Gefahr für den benachbarten Wertstoffhof geworden. Die Delegation betrachtet den Baum aus mehreren Positionen, schaut ihm ins Astwerk und zeigt sich alsbald zufrieden. Der Baum ist gefunden.
Schwieriger gestaltet sich die Namenssuche. Ein Frauenname muss es nach Frau Holle im Vorjahr nicht sein, zumal der Baum zumindest auf Meinungsführer Feda einen männlichen Eindruck macht. Waldi scheidet schnell aus, andere Namensvorschläge könnten im Ort polarisieren, so insistieren die Einheimischen, die sich insgeheim eine Schneekönigin erhofft hatten. Und so wird es am Ende Nikolaus, als verbindendes Element zwischen Königsleiten und Römerberg. Die Nikolaikirche auf dem Römerberg wie auch die Pfarrkirche St. Nikolaus in Wald im Pinzgau haben denselben Namenspatron. Gejodelt werden soll in den Kirchen dann aber immerhin nicht.
