Um kurz vor sechs leert sich die Kleinmarkthalle merklich. Einige Stände sind schon geschlossen, woanders wird fleißig geputzt. Der japanische Messerschleifer schaut erschöpft in den Raum, am Tapas-Stand wird am Aperitif genippt. Der große Rummel ist vorbei. Nur bei Ilse Schreiber ist plötzlich noch einmal richtig viel los.
Zehn Leute stehen in der Schlange, einer filmt mit seinem Smartphone, wie sie die Wurst in ein Stück Papier wickelt. Senf dazu, ein helles Brötchen, „so, bitte, macht vier Euro vierundvierzig“. Dann kommt der Nächste. „Was darf’s sein, mein Schatz?“, fragt Schreiber. Die Rindswurst ist schon aus, aber eine Fleischwurst hätte sie noch. Oder eine Krakauer. Über ihrem Stand hängt ein Holzschild: „Hier läuft die Ware nicht vom Band, hier schafft man noch mit Herz und Hand.“
Ilse Schreiber ist, wie es im Boulevardjournalismus so schön und häufig heißt, Kult. Seit 1974 steht sie hinter der Theke ihres kleinen Geschäfts in der Frankfurter Kleinmarkthalle und verkauft Brühwürste. Von Montag bis Samstag, von morgens bis abends. Gerade ist sie 86 Jahre alt geworden, ans Aufhören denkt sie trotzdem nicht.
Lampenfieber kennt Ilse Schreiber nicht
Und jetzt erscheint auch noch ein Buch über Ilse Schreiber. Ihre Lebensgeschichte, aufgeschrieben vom früheren Suhrkamp-Geschäftsführer Rainer Weiss. „Worscht mit Weck oder Brot?“, lautet der Titel. Am Stand hängt ein Zettel, der für die Buchpremiere in der Volksbühne im Großen Hirschgraben wirbt. Hat sie schon Lampenfieber? „Nee, gar nicht“, sagt sie. „Ich geh da hin, was soll’s, die können mich alles fragen.“

Schreiber hat viel zu erzählen. Und man spürt schnell: Es macht ihr Spaß. An einem der Stehtische in der Kleinmarkthalle schwärmt sie von ihren Enkelkindern, die längst erwachsen geworden sind, berichtet sie von den Opernbällen, die sie mit ihrem Mann früher immer so gerne besucht hat, und klagt über ihre Füße, die nach einem langen Tag in der Kleinmarkthalle heftig schmerzen. Vor zwei Jahren, da musste sie in die Uniklinik, sie hatte Wasser in der Lunge und im Herzen. Jetzt nimmt sie Tabletten dagegen. „Ist alles wieder gut.“
Ilse Schreiber sagt, sie freut sich, dass sie so alt geworden ist. Dass sie glücklich ist, dass sie noch immer die Kraft hat, an ihrem Stand zu arbeiten. „Ich hatte ein schweres Leben, aber auch ein schönes Leben.“
„Neun- oder zehnmal“ hat der Publizist Rainer Weiss sich mit ihr getroffen. Ins Restaurant „Herr Franz“ im Westend sind sie dann gegangen, haben etwas gegessen, ein Gläschen Sekt getrunken. Ilse Schreiber hat erzählt, Rainer Weiss „wie ein Verrückter“ mitgeschrieben. „Das ist ihr Sound“, sagt er über das Buch, das aus diesen Gesprächen entstanden ist. „Das ist ihr Text.“
Der Zweite Weltkrieg und der Wiederaufbau haben sie geprägt
Schreibers Biographie ist die einer Frau, deren Leben vom Zweiten Weltkrieg, von den Jahren des Wiederaufbaus und vom deutschen Wirtschaftswunder der Fünfziger- und Sechzigerjahre geprägt wurde. Ihre ersten Lebensjahre verbringt sie in Oberschlesien, in der Stadt Beuthen, die heute zu Polen gehört und Bytom heißt. Als sie geboren wird, im Februar 1940, ist ihr Vater nicht dabei, er kämpft als Soldat. In den letzten Tagen des Kriegs flieht ihre Mutter mit ihr und ihrer älteren Schwester „mehr oder weniger Hals über Kopf“ in Richtung Westen.
In Eichenberg im Spessart stößt der Vater wieder zu ihnen, 1953 zieht die Familie nach Aschaffenburg. Der Vater macht sich als Polsterer und Dekorateur selbständig. Im Betrieb ist ständig viel zu tun, auch für die Tochter. Leicht ist das Leben trotzdem. Ins Kino geht es nun immer häufiger, dort läuft „Ich denke oft an Piroschka“ mit Lilo Pulver oder „Der Förster vom Silberwald“. Ilse geht beim Stoffhändler Ernesto Lombardi in die Lehre, wird zur Groß- und Einzelhandelskauffrau ausgebildet.

Ihren Mann lernt sie in Frankfurt kennen. Beim Maskenball im Gesellschaftshaus im Palmengarten. Es wird getanzt, gesungen, geschunkelt, es ist das große Glück. Der schlanke, gut aussehende Hans ist Metzger, er arbeitet im Familienbetrieb. Mit 18 Jahren heiratet Ilse ihn. Die Mutter von Hans war kurz zuvor gestorben, darum wird Ilse nun „an allen Ecken und Enden im Geschäft“ gebraucht. „Ich war das Mädchen für alles“, erinnert sie sich.
„Arbeit ist mein ganzes Wesen“
1974 wird die Metzgerei der Familie Schreiber im Stadtteil Bockenheim geschlossen. „Mein Mann war sehr, sehr krank“, sagt Ilse Schreiber. Weitergeführt wird der Wurststand in der Kleinmarkthalle, den die Familie vom vorherigen Betreiber übernommen hat. Tag für Tag steht Schreiber dort nun hinter der Theke. „Ich habe die Ärmel hochgekrempelt, damit das Geschäft weiterläuft.“

Und wie es läuft, bis heute. Ilse Schreibers Stand in der Kleinmarkthalle ist eine „Institution“, ein Stück Vorzeige-Frankfurt, schöne alte Welt. Die Zeitungen schreiben über sie, das Fernsehen kommt, in zahlreichen Reiseführern wird das Geschäft empfohlen. Nachdem ein Journalist aus Tokio ein großes Porträt über sie veröffentlicht hat, wird der Wurstimbiss zum Ziel japanischer Touristen. „An meinem Stand trifft sich die Welt“, sagt die Betreiberin.
Warum arbeitet sie immer weiter? Warum geht sie nicht in den Ruhestand? „Klar, ich könnte mich auch zu Hause hinsetzen und Däumchen drehen, aber das liegt mir nicht“, sagt Schreiber. „Arbeit ist mein ganzes Wesen.“
Schon als Kind sei sie immer aktiv gewesen. „Ich war ein Deiwel, hatte Hummeln im Hintern.“ Ihre Eltern hatten darunter oft zu leiden, konnten sie nur schwer bändigen, das Kind strotzte vor Energie. Aber so war es eben. Und so ist es bis heute. „Ich arbeite mit dem Herzen, und das merken die Leute.“
Jeden Morgen stehe sie weiterhin um 5 Uhr auf, erzählt sie. Dann setzt sie sich erst einmal auf den Balkon, trinkt einen Kaffee, sieht den Flugzeugen am Himmel zu. Und dann macht sie sich fertig und geht zur Arbeit. Anders kennt sie es nicht.
„Ja, so ist das alles, mein Schatz“, sagt Ilse Schreiber. Dann geht es zurück zu ihrem Stand. „Ich packe euch noch Würste ein“, ruft sie. Und erklärt dann, wie man die Rindswürste am besten zu Hause zubereitet. Auf 80 Grad gehört das Wasser erhitzt, dann wird die Temperatur heruntergedreht, bevor die Würstchen hineinkommen. Den Fehler, sie nur kurz zu brühen, dürfe man auf keinen Fall machen, mahnt die Verkäuferin. „Mindestens zehn, besser 20 Minuten“ sollten die Würste im Topf bleiben. „Das ist das i-Tüpfelchen beim Kochen: sich die Zeit zu nehmen.“
Buch und Lesung
„Worscht mit Weck oder Brot?“, das Buch über Ilse Schreiber, erscheint am 8. Mai im Frankfurter Societäts-Verlag (80 Seiten, 15 Euro). Der Publizist Rainer Weiss hat es in Zusammenarbeit mit Schreiber geschrieben. Am 10. Mai, 11 Uhr, stehen die beiden nun auch gemeinsam in Frankfurt auf der Bühne. Dann wird in der Volksbühne im Großen Hirschgraben das Erscheinen des Buchs mit einer Matinee gefeiert. Theaterleiter Michael Quast spricht mit Schreiber und Weiss.
