Herr Elmgreen, Herr Dragset, Sie richten gerade Ihre Ausstellung „Stillleben mit Gemüse“ im Städel Museum ein. Schon vor der Eröffnung kann man hier und da im gesamten Gebäude Ihre Kunst entdecken.
Elmgreen: Wir waren mehrmals am Ort, um herauszufinden, welche Werke wo mit welchen Dimensionen in die Räume passen. Es gibt zwei Installationen, die gewissermaßen ortsspezifisch sind. Sie füllen den Raum auf eine Weise, die uns genau richtig erscheint. Und wir haben eine Installation mitgebracht, die eigentlich ein älteres Werk ist, die wir hier aber unbedingt zeigen möchten, weil sie ortsspezifisch für Frankfurt ist. Und wir haben dafür einen sehr guten Ort im Städel gefunden.
Sie waren schon früher in Frankfurt, im alten Portikus, den es seit 2003 nicht mehr gibt.
Dragset: Wir haben diesen Raum geliebt. Er war großartig. Wir konnten ihn ganz nach unseren Vorstellungen nutzen. Es war ein sehr vielseitiger Raum, man konnte ihn in alles Mögliche verwandeln, und genau das war das Schöne daran. Und er hatte ein phantastisches Programm, denn in einem Monat waren dort Werke von Kunststudenten ausgestellt, und im nächsten Monat von Gerhard Richter – was meiner Meinung nach ideal für eine Institution ist.
In Ihrer Arbeit beschäftigen auch Sie sich mit Überraschungen. Die Besucher können sich auf eine Schatzsuche durch das Städel Museum begeben. Sie tauchen in Ihre Kunst ein.
Dragset: Ja, wir haben uns wie ein freundlicher Virus im ganzen Museum ausgebreitet. Wir verwandeln die Räume, sodass sie anders aussehen als ein gewöhnlicher Ausstellungsraum. Das ist typisch für uns, denn wir verbinden gerne verschiedene Raumtypen miteinander und erzählen neue Geschichten.
Die meisten Werke gab es schon vorher, aber Sie haben sich offensichtlich gut überlegt, wo Sie sie in der Städel-Ausstellung platzieren.
Elmgreen: Die beiden ortsspezifischen Installationen zeigen zwei Seiten unseres Alltags. Wenn man unten im Raum sehr hart arbeitet, kann man vielleicht oben die Rechnung bezahlen.
„Stillleben mit Gemüse“ – woher haben Sie diesen Titel?
Dragset: Es gibt oben in der Sammlung ein Werk, das das erklärt. Das Städel besitzt Werke aus über 700 Jahren. Und viele davon sind Stillleben. Das scheint für unsere Zeit nicht so relevant zu sein. Aber wenn man darüber nachdenkt, wie wir heute Bilder online nutzen, auf Instagram, präsentieren wir eigentlich auch ständig Stillleben. Die Art, wie wir unser Essen zeigen, wie wir gekocht haben, wie wir in einem Restaurant waren.

Das ist ein Thema, mit dem Sie sich viel beschäftigen – Digitalisierung, die Einsamkeit der Menschen mit ihren Geräten. Was würden Sie sich also wünschen, dass zum Beispiel Digital Natives bei Ihrer Installation denken?
Elmgreen: Wir hoffen, Menschen in einem physischen Raum zusammenzubringen und ihnen die Freude an einer physischen Erfahrung zu vermitteln.
Dragset: Und für Künstler, die Institutionen seit vielen Jahren kritisch betrachten, ist es meiner Meinung nach jetzt an der Zeit, dass wir auch Institutionen wie das Städel und andere Museen als Orte würdigen, die den Wert des Miteinanders und der analogen Begegnung wirklich hochhalten.
Mit den Jahren sind die Institutionen, mit denen Sie arbeiten, sozusagen von Jahr zu Jahr größer und renommierter geworden, Tate, Victoria and Albert, Städel … Sie haben einst in Off-Spaces angefangen.
Dragset: Schon davor, in Kopenhagen, haben wir unsere eigenen Veranstaltungen organisiert.
Woher nehmen Sie Ihre Ideen, die alle aus unserer Alltagswelt stammen?
Elmgreen: Natürlich enthalten diese Inszenierungen immer zahlreiche kunsthistorische Anspielungen, die nicht unbedingt wie Kunst wirken. Wir machen uns Notizen, führen Tagebücher und machen manchmal Fotos, und dann sind wir zu zweit. So erinnern wir uns auch gegenseitig an Dinge. Und jedes Mal, wenn wir eine Ausstellung machen, entstehen daraus Ideen für die nächste Ausstellung. Die ganze Zeit, in der man an etwas arbeitet, nimmt man die Atmosphäre des Ortes auf, an dem man arbeitet, und nutzt diese für die nächsten Projekte.
Sie diskutieren also viel miteinander?
Dragset: Ja. Wir führen einen fortlaufenden Dialog.
Sie arbeiten nun schon seit 30 Jahren zusammen. Und es wird offensichtlich nicht langweilig.
Elmgreen: Es wäre vielleicht langweilig, wenn wir nicht zusammenarbeiten würden, aber zu zweit zu sein, hilft uns, weiterhin neugierig zu bleiben, Spaß zu haben und die Probleme zu teilen, mit denen man auch konfrontiert ist. Wir haben nicht diese Einsamkeit eines Künstlers, der sich vielleicht missverstanden oder fehl am Platz fühlt. Wir haben immer einander, und das ist unsere Geschichte.
Haben Sie eine bestimmte Arbeitsteilung?
Dragset: Nicht wirklich, denn im Laufe der Jahre wechselt man manchmal die Rollen. Es ist ein bisschen wie in einer Ehe. Man durchläuft verschiedene Phasen. Und ich glaube, wir sind beide sehr vielseitig.

Sie arbeiten mit einem ganzen Team zusammen, da sind auch Managementfähigkeiten gefragt.
Dragset: Aber wir sind gerne unter Menschen, da wir im Theater gearbeitet haben, mögen wir Teamarbeit.
Das Theater passt zu Ihrer Kunst, die immer eine Art Inszenierung ist, auch ein bisschen wie ein Theaterstück. Es kann eine Tragödie sein, aber auch eine Komödie.
Elmgreen: Es ist fast so, als würden wir die Bühne bereiten, und die Besucher werden zu Schauspielern. In unseren Installationen neigen die Leute dazu, sich gegenseitig viel zu beobachten. Man nimmt die anderen Besucher wahr.
Aber wenn die Ausstellung eröffnet wird, sind Sie nicht da, Sie haben nicht das Vergnügen, zu sehen, wie die Leute auf Ihre Kunst reagieren.
Elmgreen: Jetzt können wir entspannt sein, weil das meiste bereits erledigt ist. Also gehen wir herum und schauen, was funktioniert, was nicht funktioniert und wie die Leute interagieren. Wie sie sich durch die Installationen oder die Räume mit den Skulpturen bewegen. Deshalb nehmen wir uns gerne Zeit für die Gestaltung einer Ausstellung.
Was erhoffen Sie sich, was soll Ihre Kunst den Besuchern bieten?
Elmgreen: Ungewissheit. Es gibt zu wenig Ungewissheit in unserer Welt mit ihren schnellen Wahrheiten, Fake News und all dem. Es gibt viel zu viel Gut und Böse, A oder B, mögen oder nicht mögen.
Elmgreen & Dragset im Städel Museum
Michael Elmgreen, 1961 in Kopenhagen geboren, und Ingar Dragset, 1969 in Trondheim geboren, arbeiten seit 1995 als Künstlerduo zusammen. Sie schaffen subversive, oft humorvolle Interventionen und Installationen, verwandeln Museen und Ausstellungshäuser oder erfinden selbst museale Räume, Künstler, Architekten. Eines ihrer bekanntesten Werke ist „Prada Marfa“ (2005), ein fiktiver Prada-Shop mitten in der texanischen Wüste. Elmgreen und Dragset leben in Berlin. „Stilleben mit Gemüse“ ist von 20. Mai bis 17. Januar 2027 im Frankfurter Städel Museum zu sehen.
