Wenn man an die Lebensadern und die essenzielle Infrastruktur einer Großstadt wie Frankfurt denkt, hat man das Bankenviertel, die Rechenzentren, den Flughafen und die Verkehrsadern im Kopf. Doch die Stadt besitzt auch ein im wörtlichen Sinne weitreichendes Netzwerk, das oft übersehen wird und doch für das Überleben systemrelevant ist: die Biodiversität. Im Osten Frankfurts, am Berger Hang, an seinem südlichsten Rand, und dem angrenzenden Lohrberg, zeigt sich derzeit eindrucksvoll, wie urbane Lebensrealität und Forschung aufeinandertreffen.
„Hier findet sich das größte zusammenhängende Streuobstgebiet in Hessen“, sagt Steffen Pauls, Professor für Allgemeine Entomologie und Abteilungsleiter Terrestrische Zoologie am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum. Und das Streuobstgebiet hat es in sich: „Die Kleinteiligkeit der Bewirtschaftung führt zu einer hohen Diversität. Die Pflanzenvielfalt fördert andere Arten, Vögel, Fledermäuse und Insekten“, sagt Pauls. Alles wird hier beobachtet, abgehört, datentechnisch erhoben.
Es ist eine Fundgrube. Forscher würden sagen, es ist ein „Reallabor“ für die Wissenschaft. Im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderten Verbundprojekts „SLInBio“ haben sie hier vor einigen Jahren begonnen, spannende Fragen zu klären: Wie diktieren städtische Lebensstile – vom gepflegten Schrebergarten bis hin zur intensiven Nutzung urbaner Grünflächen – das Überleben von Hummeln, Libellen und Heuschrecken?

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung fördert dieses Projekt nun aus der Überzeugung heraus, publizistisch und gesellschaftlich Verantwortung für den Erhalt der regionalen Lebensgrundlagen zu tragen. Mit dem Geld der F.A.Z. kann die Fläche größer werden, das Projekt länger laufen, mehr Aktivität in der Natur überwacht werden.
Genutzt wird die Umwelt-DNA der Insekten
Bemerkenswert an den Vorhaben Pauls’ ist der methodische Ansatz. Unter seiner Leitung wird die Natur nämlich nicht mehr mit dem althergebrachten Schmetterlingsnetz abgefischt, sondern mit dem Sequenziergerät erforscht. Die Frankfurter Wissenschaftler lesen die Wiesen am Berger Hang dadurch wie ein offenes Buch. „Anstatt die Insekten einzufangen und zur klassischen Bestimmung zu töten, nutzen wir die sogenannte Umwelt-DNA“, beschreibt Pauls den Ansatz. Denn jedes Insekt, sei es der imposante Kleine Eichenbock oder der zarte Aurorafalter, hinterlässt auf den Blüten und Blättern mikroskopisch kleine genetische Spuren. Dieser genetische Abdruck wird über die Blüten eingesammelt und im Labor ausgelesen; die Vielfalt der Arten ist riesig, es sind Hunderte.

Diese nicht invasive Hochtechnologie direkt vor der Haustür belegt nebenbei, dass Hessen sich zu einem internationalen Knotenpunkt für Biodiversitätsgenomik entwickelt hat. Und auf den Flächen am Berger Hang erprobt das Team nun in einem Praxistest, wie sich die empfindliche Insektengemeinschaft entwickelt, wenn ihr durch partielle, seltene Mahd und das bewusste Liegenlassen von Totholz wieder mehr Raum zur Entfaltung geboten wird.
Um diese Insekten zu fördern, ist jedoch eine sorgsame Pflege der Streuobstwiesen notwendig. Dabei wird Pauls von seiner Frau unterstützt, der Professorin Imke Schmitt vom Senckenberg Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum an der Goethe-Universität Frankfurt.
Wenn man mit dem Forscherpaar durch die Wiese streift, merkt man schnell, „wer hier die Evolutionsbiologin ist“, sagt Pauls, denn in der Hinsicht muss er immer wieder passen. Schmitt pflanzt und pflegt auch immer wieder neue Bäume auf dem Gelände; beide bemerken dabei, wie sehr die Trockenheit den Pflanzen in der letzten Zeit zusetzt.
Begleitet wird all das von Aktionstagen und Exkursionen, die Schülern und Bürgern die Augen für diese verborgene Welt öffnen sollen. Was die Stadtgesellschaft aus diesem Projekt lernen kann, ist simpel wie drängend: Die Sechsbeiner sind der Kitt des ökologischen Systems – sie arbeiten unermüdlich als Bestäuber und Aasbeseitiger. „Merke: Wespen sind doch nützlich und natürliche Schädlingsbekämpfer“, sagt Pauls.
