Fast 30 Jahre lang haben die Praunheimer Werkstätten an der Hohemarkstraße im Frankfurter Stadtteil Niederursel ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung betrieben. 2020 jedoch wurde diese Nutzung aufgegeben, seitdem steht das Haus mit großem Garten leer. Im Sommer 2027 soll dort nun wieder Leben einziehen. Die Entwicklungsgesellschaft KEG, an der die Stadt Frankfurt mit 50 Prozent beteiligt ist, hat Pläne entwickelt, das Gebäude in ein Wohnheim für Auszubildende umzubauen. Sieben eigenständige Wohngemeinschaften mit insgesamt 22 Plätzen sowie Gemeinschaftsräume sollen in dem Wohnheim entstehen, das den Namen „Ursel“ trägt.
Etwa 345 Euro Kaltmiete werden Auszubildende für ein vollmöbliertes Zimmer in dem Wohnheim zahlen müssen, auf die Fläche umgerechnet sind das 11,90 Euro je Quadratmeter. Für Frankfurter Verhältnisse sei das günstig, sagt KEG-Geschäftsführer Arne Kilian. Denn 2025 habe ein WG-Zimmer in Frankfurt durchschnittlich 665 Euro gekostet. Bei Ausbildungsvergütungen, die oft nur knapp die 1000-Euro-Grenze überschreiten, ist das kaum zu finanzieren. Auch deshalb bleiben viele Ausbildungsplätze in Frankfurt unbesetzt.
Unternehmen können sich günstige Mieten sichern
Vier bis fünf Millionen Euro wird die KEG laut Kilian in den Umbau stecken. Gelingen soll die Investition ganz ohne Bankkredite. Zur Finanzierung setzt die KEG auf Fördermittel von Stadt und Land und die Unterstützung von Unternehmen. Diese haben die Möglichkeit, für einen einmaligen Baukostenzuschuss von 50.000 bis 60.000 Euro das Recht zu erwerben, 30 Jahre lang einen Wohnheimplatz mit eigenen Auszubildenden zu belegen. Ohne diesen Zuschuss müsste die monatliche Miete um rund 150 Euro höher sein, rechnet Kilian vor.
Einige große Unternehmen aus Frankfurt, etwa aus der Verkehrs- oder Pflegebranche, hätten schon Interesse bekundet, fügt der KEG-Geschäftsführer hinzu. Eine verbindliche Unterschrift gebe es aber noch nicht. „Für uns ist das ein Pilotprojekt.“ Über die Wirtschaftsförderung und die Kammern geht die KEG gezielt auf Betriebe zu, für die das Modell interessant sein könnte. Sie würden sich damit nicht nur günstige Mieten zum aktuellen Zeitpunkt, sondern auch für die Zukunft sichern. Auch wenn der Vertrag über 30 Jahre laufe, gingen die Unternehmen kein großes Risiko ein, sagt Kilian. Das Belegungsrecht könne auch weiterverkauft werden.

Für das Umbauprojekt in Niederursel rechnet die KEG mit Fördermitteln aus dem Modernisierungsprogramm der Stadt Frankfurt sowie mit Zuschüssen des Landes für Azubi-Wohnen. Der neue Fördertopf der Stadt Frankfurt, aus dem Wohnheime für Studierende und Auszubildende finanziert werden, gilt hingegen nur für Neubauten. Die KEG kann darauf für ihr zweites Projekt zugreifen, das sie derzeit vorbereitet. Es handelt sich um einen Neubau im sogenannten Klimaschutzquartier Hilgenfeld am Frankfurter Berg, in den die KEG sieben bis acht Millionen Euro investiert.
Am östlichen Rand des Neubaugebiets entstehen sieben Wohneinheiten mit insgesamt 42 Plätzen, die von der Wohnrauminitiative Frankfurt betrieben werden. Die Quadratmetermiete liegt hier bei 10,90 Euro – das ist die Obergrenze, die das städtische Förderprogramm zulässt. Da ein Neubau andere Grundrisse zulässt, ist ein Zimmer deutlich kleiner als im Bestandsgebäude in Niederursel: 15 Quadratmeter haben die Auszubildenden für sich allein, zusammen mit dem Anteil an den Gemeinschaftsräumen ergibt sich eine Mietfläche von 21,50 Quadratmeter. 235 Euro fallen dafür monatlich an.
Wohngemeinschaften für mehr soziale Kontakte
Bei beiden Projekten setzt die KEG nicht auf klassische Wohnheimzimmer, sondern auf Wohngemeinschaften. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer, Bäder, Küche und Aufenthaltsräume werden gemeinschaftlich genutzt. Im Projekt Hilgenfeld wird auch die Küche gemeinschaftlich genutzt. Kilian begründet die Entscheidung für diese Grundrisse mit den hohen Abbruchquoten, die Unternehmen bei Auszubildenden verzeichnen. Durch eine Wohnsituation, die soziale Kontakte fördert, sollen die Nachwuchskräfte motiviert werden, bei der Stange zu bleiben. Die beiden KEG-Projekte richten sich an volljährige Auszubildende. Bei Wohnheimen für Minderjährige müsse eine sozialpädagogische Betreuung vorgehalten werden, erläutert Kilian. Das sei sehr schwer zu finanzieren.
Eine von der Frankfurter Wirtschaftsförderung in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie zum Azubi-Wohnen hat einen Bedarf von mindestens 1900 Wohnheimplätzen ermittelt. Versuche, diesen Bedarf zu decken, sind bisher aus unterschiedlichen Gründen gescheitert. Ein leer stehendes Bürogebäude an der Ludwig-Landmann-Straße kann zum Beispiel nicht in ein Wohnheim umgebaut werden, weil es in einem Gewerbegebiet liegt, wo Wohnen nicht zulässig ist.
2025 hat die Stadt ein Förderprogramm aufgelegt, von dem jetzt auch das Projekt im Hilgenfeld profitiert. Darüber hinaus strebt die Koalition aus CDU, Grünen und SPD an, ein Auszubildendenwerk zu gründen, das ähnlich wie das Studierendenwerk günstigen Wohnraum bereitstellt. Vorbilder dafür gibt es München und Hamburg, wo Azubi-Werke in Form eines Vereins beziehungsweise einer gemeinnützigen Stiftung tätig sind.
Für Frankfurt hat ein Beratungsunternehmen empfohlen, einen Trägerverein zu gründen. Ziel sei es, „eine tragfähige Struktur zu entwickeln, die die besonderen Bedarfe von Auszubildenden in Frankfurt aufgreift und die bestehenden Angebote sinnvoll ergänzt“, teilt das Dezernat für Planen und Wohnen mit. Gespräche würden mit Sozialpartnern, stadtnahen Gesellschaften und interessierten Unternehmen geführt.
