
Hach, die gute alte Jugendzeit. „Bro’Sis“, „Overground“ und „No Angels“, Arabella Kiesbauer, Detlef Soost und Sabrina Setlur: Wer um die Jahrtausendwende groß wurde, kam an solchen Figuren des Fernseh-Reality-Show-Zeitalters kaum vorbei. Jetzt begegnet man ihnen unvermittelt wieder – und staunt über peinliche Outfits, mit viel Haargel fixierte Frisuren und die mitunter hysterisch gute Laune der Beteiligten. „Vom Nobody zum Star“ lautet das Motto des knallig gestalteten, reich bebilderten Bandes „Popstars backstage“. „Das offizielle Buch zur emotionalsten Real Life Show“ ist 2004 im Schlüchterner Rockbuch Verlag erschienen.
Weil „Popstars backstage“ im Wettbewerb „Die Schönsten Deutschen Bücher“ jenes Jahres prämiert wurde, kann man den Band im Frankfurter Museum Angewandte Kunst noch einmal in die Hand nehmen und darin herumblättern. Denn anlässlich ihres sechzigjährigen Bestehens zeigt die Stiftung Buchkunst eine Auswahl aus rund 90 prämierten Büchern der vergangenen sechs Jahrzehnte. Die neun Kuratoren, unter anderem Autoren, Gestalter, Verleger und Buchhändler, „versenkten sich ins Archiv“ der Stiftung Buchkunst, sagt deren Geschäftsführerin Birte Kreft.
Die vom Kuratorium getroffene Auswahl wird in einer Ausstellungsarchitektur aus schwarzen Modulboxen präsentiert, die mit eigens gestalteten Deckeln versehen sind, um die Bände unterschiedlichster Formate zeigen zu können. Die Ausstellungsmacher verzichten auf erläuternde Texte zu den einzelnen Titeln. Es gibt lediglich Informationen zu Autor, Verlag, Gestaltung, Druck und Erscheinungsjahr. „Es geht darum, dass die Bücher für sich selber sprechen können“, so Kreft.
„Bücher sind gestaltetes Kulturgut“
Zu den ältesten Exponaten zählt eine bei Insel erschienene sechsbändige Rilke-Gesamtausgabe. Ebenso wie der von der Büchergilde Gutenberg verlegte Band „Beat in Liverpool“ stammt sie aus dem Gründungsjahr der Stiftung Buchkunst, 1966. Schon diese beiden Exponate demonstrieren die Spannweite der Ausstellung: hier die zeitlos-elegant gestaltete Rilke-Ausgabe, dort die zeitgeistige Fibel mit 214 Abbildungen und nur 48 Textseiten. Dass die ausgestellten Bücher angefasst werden dürfen, betont das haptische Erlebnis der unterschiedlichen Papiere und Einbände.
Wie schnell als didaktisch wertvoll erachtete Inhalte altern können, zeigt sich am „Diercke Weltatlas“ aus dem Westermann Schulbuchverlag. In dem 1988 publizierten Altas stößt man etwa auf ein Schaubild zu den „Rassen der Menschheit“, auf einen Innenstadtplan der sowjetischen Hauptstadt Moskau und auf eine Wirtschaftskarte der beiden deutschen Staaten. Die deutsche Teilung schlägt sich auch in der Auswahl der Exponate nieder: Bis zur Wiedervereinigung pflegte die DDR ihren eigenen Wettbewerb um die schönsten Bücher. Die in Frankfurt ansässige Stiftung Buchkunst konzentrierte sich auf in der Bundesrepublik verlegte und gedruckte Titel. „1990 ist der DDR-Wettbewerb in die Stiftung Buchkunst eingegangen“, erläutert Birte Kreft.
Von diesem schicksalhaften Jahr handelt ein opulenter, 2020 im Leipziger Verlag Spector Books erschienener Band: „Das Jahr 1990 freilegen“ nannte Alexander Kluge seine dokumentarisch-essayistische Bild- und Textcollage, die eindrücklich vor Augen führt, welche Welten sich damals anschickten, zusammenzuwachsen – und warum sie mitunter bis heute miteinander fremdeln. In die unmittelbare Gegenwart weisen die drei jüngsten, aus dem Jahr 2025 stammenden Bücher. Laut Kreft beeinflusst die Lage der Branche auch die Buchgestaltung. Der auf Verlagen lastende Kostendruck und der Wegfall vieler Druckereien führten etwa zu kleineren Formaten und einer Tendenz zum Softcover.
Den diesjährigen Preis der Stiftung Buchkunst aber hat ein Hardcover-Titel gewonnen: Das von Laura Momo Aufderhaar und Verena Hochleitner illustrierte und gestaltete, für Leser von 10 Jahren an geeignete Sachbuch „Was tun, wenn … – Kleine Hilfe bei großen Katastrophen“ wurde anlässlich der Ausstellungseröffnung mit dem mit 10.000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet. Die Jury würdigte „die von den Autorinnen im Pingpong entstandenen Texte und stilistisch abwechslungsreichen Illustrationen“ des im Mannheimer Kunstanstifter Verlag erschienenen Bandes.
Den auch in der Ausstellung sichtbaren Anspruch der Stiftung Buchkunst formulierte ihr Vorstandsvorsitzender Joachim Unseld: 60 Jahre nach ihrer Gründung stehe die Stiftung „unverändert für die Überzeugung, dass das gedruckte Buch weit mehr ist als Informationsträger, sondern gestaltetes Kulturgut“. Und es ist ein Zeitdokument, möchte man hinzufügen – eine Kapsel, die den Leser auch in weit entrückte Jugendjahre zurück katapultieren kann.
Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Schöne Bücher. Bis 1. November im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt.
