Stefan Hochberger war sechs Jahre lang nicht mehr beim Christopher Street Day (CSD). „Nach Corona habe ich ein bisschen die Lust verloren“, sagt er. Umso mehr freue er sich, wieder dabei zu sein. Gerade sind die Kundgebungen auf dem Römerberg zu Ende gegangen, Hochberger steht um die Ecke an der Braubachstraße. Seine Freunde schenken Sekt in bunte Plastikflöten ein.
Es ist der 34. Frankfurter CSD, und die Bedingungen könnten kaum besser sein. Der Himmel ist wolkenlos, und mehr als 26 Grad sollen es nicht werden. Immer wieder stellen sich bunt gekleidete CSD-Besucher in den Wind und schließen für einen Moment genießerisch die Augen. Vor ihnen liegt ein langer Tag.
„Mir war alles zu extrem geworden“, begründet Hochberger seine CSD-Pause. Er habe das Gefühl gehabt, dass die queere Community immer mehr fordere. Dass sie selbst weniger tolerant geworden sei. „Aber wir müssen auch leben lassen. Wenn jemand nicht gendern will, dann will er eben nicht gendern.“ Einer seiner Freunde drückt ihm lächelnd eine Sektflöte in die Hand. „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde das alles gut und richtig.“ Er macht eine ausschweifende Bewegung. „Aber ich denke, wir müssen auch mal zufrieden sein.“

Hinter Hochberger macht ein Mann im Latexoutfit ein Selfie. „One More Time“ von Daft Punk wummert über die Menschenmenge. Die Musik kommt von einem großen weißen Partybus des Frankfurter Veranstalters Xtremeties. Seit über zwei Jahrzehnten organisiert Xtremeties Partys für die Frankfurter LGBTQIA+-Community.
Lässt man den Blick schweifen, scheint die Altstadt in ein Regenbogenmeer getaucht: T-Shirts in Regenbogenfarben, Glitzer auf Gesichtern und Körpern, Fahnen in den Händen. Dazwischen schweben pinke Luftballons.
Angriffe während der Nacht zum CSD
Von Zufriedenheit wird unter den Gesprächspartnern an diesem Tag nur Hochberger sprechen. „Die echte Gleichberechtigung liegt noch vor uns“, sagen die Redner am Römerberg. Der Frankfurter Kämmerer Sebastian Bergerhoff (Die Grünen) und der hessische Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) sprechen von einem „Rollback“ – von Rückschritten für die queere Community. Mit dem Erstarken von rechtsextremen Parteien komme es in Europa zunehmend zu gewaltvollen Übergriffen auf queere Menschen.
In Frankfurt ist der jüngste keine 24 Stunden her. Die Polizei berichtet am Morgen von einem 62 Jahre alten Mann, der in der Nacht zu Samstag mit einer Glasflasche attackiert worden sei. Er sei mit seinem Partner händchenhaltend unterwegs gewesen. Auch eine queere Szenebar in der Alten Gasse sei angegriffen worden: Eine Gruppe von Menschen soll die Bar mit Glasflaschen attackiert haben.

„Deswegen ist es uns auch wichtig zu betonen, dass der CSD keine Parade und kein Umzug ist“, sagt Sebastian Reggentin vom Verein CSD, der die Veranstaltung jedes Jahr organisiert. „Der CSD ist eine Demo.“ Jubel und Applaus gehen durch die Menge. Laut Reggentin sind 250 Ehrenamtliche im Einsatz.
Partybusse von CDU, FDP und der Feuerwehr
Birgit Tschierschwitz ist mit ihrer Tochter und deren Freund hier. Regenbogen-Sticker sind die Farbtupfer ihrer sonst neutral gehaltenen Outfits. Die drei bezeichnen sich als „Allies“ – ein Begriff, der an diesem Tag noch öfter fallen wird. Das englische Wort steht für Verbündete: Menschen, die sich nicht selbst als queer identifizieren, sich aber für die Rechte queerer Menschen einsetzen. „Ich finde einfach gut, was da heute passiert“, sagt sie.
Tschierschwitz steht wie Hochberger auf dem Bürgersteig an der Braubachstraße. Dort hat sich der Demonstrationszug in Bewegung gesetzt. Auch der Xtremeties-Bus rollt los. „Ich war schon immer für leben und leben lassen. Alles andere verstehe ich nicht“, sagt Jonas Belzen, der Freund von Tschierschwitz’ Tochter. Er sei zum ersten Mal auf einem CSD. „Ist das nicht geil“, klinkt sich Tschierschwitz ein. „Ich hab ihn gefragt, und er wollte sofort mitkommen.“ Sie muss gegen den Lärmpegel anschreien. Ein Partybus nach dem anderen fährt an ihnen vorbei, Busse der CDU, der FDP, der Feuerwehr Frankfurt. Seifenblasen schweben durch die Luft, platzen an einem Regenbogengesicht. Von manchen Bussen fliegen kleine Päckchen mit Gummibärchen in die Menge, andere Zuschauer werden von Wasserspritzpistolen unfreiwillig erfrischt.

Ein Freund von Hochberger stört sich an der Menge, die „nur zusieht“. Das sei früher anders gewesen, da seien fast alle mitgelaufen. Emma McLellan vom Flinta-Kollektiv Sapphic Pearls sieht das anders: „Die sind ja trotzdem Teil von uns.“ McLellan ist vor zwanzig Jahren aus London nach Frankfurt gezogen – der Liebe wegen, wie sie erzählt. Ihre Freundin habe sie inzwischen geheiratet.
McLellans Augen werden von einer extravaganten Sonnenbrille verdeckt. Wenn die Stimmungsmacherin des Xtremeties-Busses ihre Parolen ruft, schmeißt McLellan ihre Arme in die Höhe. Sie ist DJane und hat mit dem Veranstalter schon öfter zusammengearbeitet. Frankfurt sei für sie längst eine queere Stadt. „Ich schätze die Offenheit.“
Der Xtremeties-Bus ist am Roßmarkt angekommen. „Demokratie braucht keine Alternative“, schallt das diesjährige CSD-Motto über den Platz. Die Frankfurter, die ihren Samstag im Café verbringen, schauen neugierig. Sie wippen den Kopf zur Musik und nippen an ihrem Espresso.
Zusammenhalt dank queerer Community
Plötzlich hält ein Mann sein Smartphone vor die Gesichter seiner Freunde. „Jens Spahn ist zurückgetreten“, sagt er. Begeisterte Rufe werden laut, ein Mädchen schüttelt lachend den Kopf: „Ja, jetzt kriegt er nicht mehr alles unter einen Hut mit der Care-Arbeit.“ Spahn hatte mit seinem Mann ein Kind mithilfe einer Leihmutter bekommen. Das führte zu Diskussionen – auch weil er sich in der Vergangenheit als CDU-Politiker gegen die Legalisierung von Leihmutterschaft ausgesprochen hatte.

Die von der Polizei auf 17.000 Menschen geschätzte Menge zieht die Hochstraße entlang. „We have other problems than girls kissing girls“, steht auf dem Plakat eines Mädchens. „Vagitarians“ steht auf einem anderen – eine Wortneuschöpfung aus Vagina und Vegetarian (Vegetarier). Eine Besucherin erzählt, dass sie sich erst vor wenigen Jahren geoutet habe. Für ihre Familie sei das schwierig gewesen. Gerade deswegen gebe ihr die queere Community ein Gefühl von Zusammenhalt.
In Deutschland findet der CSD inzwischen in mehr als 150 Städten statt. Gemessen an der Teilnehmerzahl ist die Frankfurter CSD-Demonstration die fünftgrößte des Landes.
„Pup Play“ mit Hundemasken
Neben Menschen in Leder und Latex, halb nackt oder mit überdimensionaler Kopfbedeckung sticht eine weitere Gruppe unter den Teilnehmern hervor: Männer mit Hundemasken. Dazu tragen sie Ganzkörperanzüge in unterschiedlichen Farben. Das Material erinnert an Neopren. „Wir sind von Pup Play“, sagt einer von ihnen. Mupsi Rex alias Marcin Streb zieht seine Schnauze ab. Mupsi Rex ist Strebs Pup-Name. Unter der Maske kommt ein freundliches Gesicht mit einem Nasenring zum Vorschein. Streb ist Koch, in Polen aufgewachsen und vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen – auch weil man in seiner Heimat als schwuler Mann nicht gut leben könne.
„Es geht nicht nur um Sex“, sagt er direkt zu Beginn des Gesprächs. Streb will ein Vorurteil aus dem Weg räumen: „Pup Play“ oder „Puppy Play“ sei ein Rollenspiel, bei dem Menschen das Verhalten von Hunden nachahmten. Weil die Szene ursprünglich aus dem BDSM-Bereich stamme, dächten viele, Pup Play sei lediglich eine Sexfetisch-Praktik. „Aber es geht eigentlich viel tiefer“, sagt Streb. Für ihn sei Pup Play eine Gemeinschaft und für viele Mitglieder eine Möglichkeit, sie selbst zu sein. Besonders schüchterne Menschen fühlten sich laut Streb davon angesprochen, weil sie sich hinter der Hundemaske verstecken könnten. „Sogar unter Autisten sind wir beliebt. Weil sie bei uns sozialen Normen entkommen können.“
Auch Streb sagt schließlich die magischen vier Wörter: „Wir wollen leben und leben lassen.“

Vor ein paar Monaten hat er eine Reha-Klinik verlassen und dazu ein Foto mit seinem Mann auf Facebook gepostet. Am Tag darauf ging er zur Polizei in Wiesbaden, so erzählt es Streb. Unter seinem Facebook-Post hätten mehr als 600 Kommentare gestanden, der Großteil massiv homophob.
„Ich verstehe es nicht, was ist an dem Foto provokant?“, fragt er. Auf dem Bild sitzen er und sein Mann im Auto, tragen T-Shirts und lächeln. Das Einzige, was auffällt, sind die Nasenringe der beiden. Genau daran störte sich ein Großteil der Kommentierenden. Außer der Empfehlung, eine Onlineanzeige zu erstatten, habe die Polizei nichts unternommen. Streb postet seitdem nichts mehr öffentlich.

Der Xtremeties-Bus ist auf Stellplatzsuche, die Menge ist am Mainufer angekommen. Mit einem Bier in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand tanzen hier vor allem ältere Menschen zu der Musik aus selbst mitgebrachten Boxen. Essensstände reihen sich aneinander, es riecht nach Pizza und Bratfett. Der CSD hat hier etwas von Volksfest.
Auf einer der drei Bühnen werden Geschichten erzählt: von der Situation eines queeren Mannes in Ungarn, von einem Femizid in Deutschland. Die Geschichten zeigen, dass Queerness kein abstraktes politisches Thema ist, sondern für viele gelebter Alltag.
