
Am Mittwoch hat es in Berlin, aber auch in Moskau lange Gesichter gegeben. Überall hatte man der Vorstellung der deutschen Militärstrategie entgegengefiebert – und dann feuerte der Verteidigungsminister nur Hochglanz-Banalitäten ab, wie ein General die schon lange bekannten Gemeinplätze genannt haben soll. Das wirklich Neue blieb geheim, weil man ja nicht will, dass der Kreml es erfährt. „Sonst könnten wir Wladimir Putin auch gleich in unseren E-Mail-Verteiler aufnehmen“, begründete Pistorius die Verschwiegenheit.
So ganz traut der Minister der Geheimhaltung aber nicht, wie seine Bitte an uns Presseleute belegt, die Verschlusssachen nicht zu veröffentlichen, falls wir „auf irgendwelchen unerfindlichen Wegen“ in ihren Besitz kämen. Damit stürzt er uns Journalisten in einen Gewissenskonflikt. Auf der einen Seite ist es schließlich unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, den Unsinn öffentlich zu machen, den unsere Politiker und Generäle aushecken, insbesondere dann, wenn sie ihn vor der Öffentlichkeit verbergen wollen. Auf der anderen Seite will man aber auch nicht zu Putins nützlichen Idioten in Deutschland gehören, davon gibt es schon genug.
Daher entlastet es uns, dass Pistorius jedenfalls die fast hundert Seiten umfassende „Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda für den Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung“ selbst veröffentlichte. Mit 153 völlig unbürokratischen Maßnahmen soll die Truppe noch kriegstüchtiger werden.
Mit Arbeitszeiterfassung und Digitalisierung
Wie das geht? Natürlich wie auch überall sonst: mit Arbeitszeiterfassung und Digitalisierung. Zum Beispiel werden Termine in der Kleiderkammer oder beim Sanitätsdienst demnächst – schon in zweieinhalb Jahren – auf elektrischem Wege gemacht. Das muss auch gar nicht viel schneller möglich sein, weil der Russe frühestens 2029 kommen kann, wie es auch Pistorius immer wieder sagt.
Wenn Putin sich nur ein wenig verspätet und erst in 36 Monaten aufkreuzt, ist auch schon „die psychologische Einsatzbereitschaft der Soldatinnen und Soldaten hergestellt“. Sie wird dann fortlaufend erhalten, denn „dies steigert die individuelle psychische Resilienz, stärkt die Motivation und erzeugt ein ,Combat Mindset‘ zur Entwicklung von Emotionskontrolle, Emotionsregulation und Entscheidungskompetenz unter Druck. Damit wird die Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr gestärkt.“
Das hätten wir freilich nicht so offen hinausposaunt, sondern der Truppe nur in den „modernen Arbeitsbereichen zum kreativen Austausch, z.B. Kollaborationsräume, Sitzecken“ mitgeteilt, „in denen Mitarbeitende reflektieren oder vertrauliche Gespräche führen können“. Die Raumkonzepte dafür sollen, wie die Begegnungszonen vor den Truppenküchen, sogar schon in 31 Monaten zur Verfügung stehen.
Allerdings hat Putin es jetzt schwarz auf weiß, dass die Bundeswehr bereits in drei Jahren die jedenfalls psychisch stärkste Armee Europas sein wird. An seiner Stelle würden wir nicht darauf warten, sondern uns vorher einen seiner Überraschungsbesuche abstatten, die er ja liebt.
Aber so ganz scheint Putin Pistorius’ Bekanntmachungen nicht zu trauen, die Fristen für die spektakulären Maßnahmen zur Steigerung der Kampfmoral sind ja auch wirklich unrealistisch kurz gesetzt. Daher bemühen die Russen sich weiterhin auf den üblichen Wegen, an die geheimen Papiere zu kommen, in denen wohl die ganze Wahrheit steht.
Nicht nur Klöckners Signal-Account wurde gehackt
Daher zum Schluss eine Warnung: Falls jemand auf „Signal“ eine Nachricht vom Verfasser dieser Zeilen bekommen haben sollte oder noch bekommt, die Putin oder Trump lobt, dann stammt sie nicht vom Verfasser dieser Zeilen, sondern von den dunklen Mächten, die den Account gehackt haben. Unsere psychische Resilienz und unseren Combat Mindset konnte dieser Angriff aber natürlich nicht beeinträchtigen.
