Auf den ersten Blick könnte man die Fotos von Walter Schels für Arbeiten von zwei verschiedenen Fotografen halten. Da sind Porträts von berühmten und unberühmten Zeitgenossen, Gesichter von Blinden, von Schwerkranken und Gestorbenen, Serien über Jugendliche, die ihr Geschlecht wechseln, dokumentarische Aufnahmen von Tieren und verwelkten Pflanzen. Dann gibt es Bilder, die nichts mehr von Abbildern haben, grafisch ausgezehrte Über- und Mehrfachbelichtungen, Action Paintings aus zerlaufenen Chemikalien, Abzüge von zerstörten Negativen, Polaroid-Reste, Labor-Ausschuss, zerpinselte Farbschlieren. Die Welt und ihr Gegenteil.
Beides interessiert Walter Schels, den Fotografen des Widerspruchs. Es quält, lockt und fasziniert ihn, 1936 im bayerischen Landshut geboren, arbeitete er als Schaufensterdekorateur in Barcelona, Kanada und der Schweiz, bevor er mit dreißig Jahren alles auf eine Karte setzte und ohne Auftrag mit seiner Leica nach New York ging. Von dort kehrte er als Profifotograf nach Deutschland zurück. Und er brachte Bilder mit, von Menschen in U-Bahnen, Kindern auf der Straße, Wolkenkratzern, Feuerleitern, Gullydeckeln in leuchtendem Schwarz-Weiß. Anderen genügte das, Schels nicht. Er fing an, mit seinem Material zu experimentieren. „City of Lights“ heißt eine seiner frühesten Aufnahmen. Sie zeigt die Hochhäuser Manhattans bei Nacht, unscharf, von Spiegelungen verdeckt. Von hier aus ging Schels weiter. Er überblendete die Skyline Manhattans mit Wolken und Ozeanwogen. Er setzt seine Negative dem Tageslicht aus, bis sich die Häuserfronten in schwarze Streifen und Quadrate auf schwarzem Grund auflösten. Die Solarisation wurde sein Markenzeichen, er praktiziert sie heute noch.

Das C/O Berlin hat Walter Schels zu seinem 90. Geburtstag eine Retrospektive geschenkt. Bei der ersten Besichtigung lief der Fotograf selbst mit einer Digitalkamera durch die Ausstellung, nahm die Bilder auf, ihre Hängung und Ausleuchtung und die Schrifttafeln zwischen den einzelnen Sektionen. „Ein Bild ist nie fertig“, sagt Schels. Das gilt auch für das Abbild seines Fotografenlebens, in dem Visionen und Revisionen sich abwechseln. Vieles, was er einmal gemacht hat, nimmt er ein zweites Mal in die Hand. Seine frühen, halb zersetzten Negative von der Felsenküste bei Barcelona – Angler, Frachtschiffe, ein amerikanischer Flugzeugträger hat er in den Siebzigerjahren wiederentdeckt und neu abgezogen. Heute wirken sie wie historische Dokumente.
Nach seiner Rückkehr aus New York eröffnet Schels ein Studio in München. Bis in die Neunzigerjahre arbeitet er für Werbekunden wie die Lufthansa und Magazin wie „Stern“, „Elle“ und „Playboy“ und daneben für sich selbst. Dabei kommt der Impuls, der seinen Blick neu einstellt, aus einer Auftragsarbeit. 1974 fotografiert Schels eine Geburt für die Zeitschrift „Eltern“. Der Anblick des Neugeborenen lässt ihn nicht mehr los, das Bild eröffnet eine ganze Werkgruppe mit Aufnahmen von Gesichtern, Händen und Füßen. In der Ausstellung sind die Babyfotos mit Porträts von Hundertjährigen zusammengehängt, die Schels vor der Jahrtausendwende gemacht hat, sodass evident wird, was er beim ersten Mal sah: „Statt in ein niedliches Babygesicht schaute ich in das Gesicht eines alten Menschen.“

2004 schließlich begleitet Schels zusammen mit seiner Lebensgefährtin Beate Lakotta unheilbar Kranke in einem Hospiz mit der Kamera: Greisinnen, Männer und Frauen mittleren Alters, sogar ein Säugling. In Berlin zeigt je ein Foto den Beginn und das Ende des Sterbeprozesses. Es ist der stärkste Eindruck, den man aus der Ausstellung mitnimmt. Der Tod erscheint in diesen Bildern wahrhaftig als die andere Seite des Lebens, die Gegenüberstellung von Gesicht und Leichenantlitz ergibt ein Doppelporträt. „Ihr seid, was wir waren, wir sind, was ihr sein werdet“, sagen die tanzenden Gerippe auf den Altartafeln und Kirchenportalen des Mittelalters, und diese Botschaft verkünden auch Schels’ Totenbilder. Man vergisst sie nicht.
Beuys und Warhol hat er das Lächeln „wegfotografiert“
Sie hat auch den Fotografen erreicht. Wenn es ein Motiv gibt, das sich durch seine sechs Jahrzehnte überspannende fotografische Arbeit zieht, dann ist es die Verflüssigung des scheinbar Festen, Ewigen – Häuser, Landschaften, Erinnerungen. Zugleich sucht er das Beständige in dem, was vergeht: das „mimikfreie Originalgesicht“ des Menschen. Wer sich vor seine Kamera setzt, den schaut er so lange durchdringend an, bis ihm oder ihr das Lächeln vergeht, hinter dem das Ich sich versteckt. Joseph Beuys hat diesen Blick erwidert, Andy Warhol ist ihm ausgewichen. Beiden hat Schels das Lächeln „wegfotografiert“, wie er es nennt. Aber er hat, wie die Ausstellung zeigt, mit ihren Gesichtern auch gespielt, sie verzerrt, überblendet, zerschnitten und neu zusammengesetzt. Seine Fotografie ist nicht frei von Machtgesten, sie verwandelt das Aufgenommene rigoros dem eigenen Kosmos an. Dessen Entwicklungslogik liest Schels aus dem Sonnenstand und der Sternkonstellation bei seiner Geburt, wie es der Titel der Ausstellung verkündet: 16 Grad, Fische, ein Fotografendasein als Schicksalsvollzug.
In den vergangenen Jahren hat Schels, neben einer berührenden Serie über transsexuelle Jugendliche und ihre körperliche Verwandlung, vor allem Pflanzen und Tiere fotografiert: vertrocknete Blumen, das Gitternetz eines Farns, ein Bär, eine Maus, ein Falke, Hunde, ein Elefant. Sie wirken einsam in seinen Bildern, wie Erscheinungen in einem Traum. Beim Fotografieren passiere „ein Beziehungsaufbau“ zwischen dem Tier und ihm, sagt Schels. Das mag man glauben oder nicht. Aber aus dem Blick des Geparden, den er schon 1982 aufgenommen hat, spricht tatsächlich etwas, was man bei einer Großkatze nicht vermutet hätte: Verständnis. Vielleicht hat er ja begriffen, worum es Walter Schels in seiner Arbeit geht.
Walter Schels: 16° Fische. Retrospektive. C/O Berlin, bis 2. September. Der Katalog ist bei Steidl erschienen und kostet 50 Euro.
