
Es sind schonungslose Worte nach dem Großen Preis der Niederlande, und es sind die richtigen: „Das war definitiv frustrierend. Ich bin hier, um zu gewinnen, und ich glaube auch, dass dieses Team gewinnen kann. Selbst wenn es hier für uns nicht um den Sieg ging, müssen wir jeden Punkt sichern, den man bekommen kann. Mein Ziel ist es, Ferrari zur Weltmeisterschaft zu führen.“
So muss ein Teamchef reden, wenn mögliche Podestplätze verschenkt werden und der direkte Gegner sich absetzen kann. Der Fehler in diesem Musterbeispiel aus der Formel 1 liegt nur darin, dass hier nicht Teamchef Fred Vasseur seinen Ferraristi eine Gardinenpredigt gehalten hat, sondern sein Chauffeur Lewis Hamilton, der sich bemüßigt sah, auf den Ernst der Lage hinzuweisen.
Mit der Erfahrung von sieben Weltmeistertiteln weiß der wiedererstarkte Brite genau, dass es zu Beginn der zweiten Saisonhälfte der Königsklasse dringlich wird, den bisherigen Tabellenführer Kimi Antonelli nicht enteilen zu lassen. Zwar ist McLaren zur neuen dominierenden Kraft auf der Rennstrecke geworden, aber das macht es für den bisherigen Spitzenreiter Mercedes und Verfolger Ferrari nicht einfacher. Der Traditionsrennstall wird ihnen Punkte wegnehmen, und deshalb müssen die anderen Maßnahmen ergreifen, um das eigene Ergebnis zu maximieren.
Wie man das macht, exerzierte die Silberpfeil-Fraktion vor. George Russell musste seinen zweiten Platz mit Antonelli tauschen. Der Italiener konnte durch dieses Manöver seinen Vorsprung in der Gesamtwertung auf 59 Punkte vor Russell und Hamilton ausbauen. Bereits in der Fahrerbesprechung am Sonntagmorgen hatte Mercedes-Teamchef Toto Wolff das Szenario angesprochen – und klar entschieden: „Wenn wir miteinander kämpfen, dann verlieren wir Punkte.“
Hamilton fordert nichts anderes als eine klare Stallorder
Hamilton legt dieses Verfahren auch seinem italienischen Arbeitgeber nahe: „Sie werden aufgefordert und folgen sofort ihren Anweisungen. Bei uns ist das anders.“ Die ganze Rennwelt konnte erst miterleben und dann mithören, wie Charles Leclerc den schnelleren Hamilton aufhielt und sich dann sogar weigerte, in die Boxengasse abzubiegen, wo die verdatterten Ferrari-Mechaniker arbeitslos standen.
Erst einen Umlauf später beugte sich der Monegasse der unmissverständlichen Anweisung. Hamilton kommentierte sarkastisch: „Das war der beste Weg, um Zeit zu verschwenden. Klasse Arbeit!“ Tatsächlich verhinderte am Ende genau diese aus der Uneinigkeit entstandene Bummelei, dass Hamilton noch Dritter geworden wäre, wenn nicht sogar Zweiter.
Solche vermeintlichen Kleinigkeiten können am Ende über den Titel entscheiden. Ferrari-Teamchef Vasseur, ein Meister des Relativierens, gab später zumindest eine gewisse „Konfusion“ zu. Das stimmt zwar, war aber zu milde ausgedrückt.
Die Ego-Disziplin Formel 1 ist in Wirklichkeit ein Mannschaftssport
Hamilton wird vor dem anstehenden Ferrari-Heimspiel in Monza zur Aussprache bitten, und er dürfte auch Ferrari-Boss John Elkann einbeziehen. Im Prinzip fordert er nichts anderes als eine klare Stallorder. Etwas, was Ferrari in der Schumacher-Ära stets perfekt exerziert hatte, selbst als diese Art des Platztausches zwischenzeitlich vom Reglement verboten war.
Schön ist das zwar nicht, aber es ist selbst in seiner Gnadenlosigkeit nur Ausdruck dessen, dass die Ego-Disziplin Formel 1 in Wirklichkeit vor allem eine Mannschaftssportart ist. Die Machtverhältnisse müssen dementsprechend vor einem Rennen geklärt werden, nicht währenddessen.
