Rückschläge scheinen ihn nicht zu erschüttern. Nach dem technischen Defekt beim Großen Preis von England und einer Strafe (Rang 16) tauchte Kimi Antonelli am Freitag in Belgien wieder an der Spitze auf. Unverdrossen sauste der Mercedes-Pilot im zweiten Training der Formel 1 für das Rennen am Sonntag auf der Piste von Spa-Francorchamps (15.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1/auf Sky und RTL) allen davon. Allein Weltmeister Lando Norris blieb ihm im McLaren bei einem Rückstand von 0,190 Sekunden auf den Fersen. Schon Max Verstappen (Red Bull) brauchte auf seiner schnellsten Runde fast 0,5 Sekunden länger.
Freitagszeiten der Formel 1 sind mit Vorsicht zu genießen. „Wir haben unseren Motor aufgedreht, die anderen wahrscheinlich nicht“, sagte Norris: „Es sieht also ganz so aus, als wären wir derzeit die Viertschnellsten.“ Selbst mit einem Sprung käme er nicht weit. Weil McLaren die Steuerungselektronik wieder erneuern musste und das zugelassene Kontingent erschöpft ist, wird der Engländer in der Startaufstellung um zehn Plätze zurückgestuft. Auch andere Piloten erwartet eine Versetzung. Verstappens Teamkollege Isack Hadjar zwingt ein Antriebswechsel zum Start aus der letzten Reihe.
Das schafft einen Freiraum für die am Freitag wie gebremst wirkenden Verfolger. Rekord-Pilot Lewis Hamilton landete als Vierter im Ferrari zwar wieder vor seinem Teamkollegen Charles Leclerc (11.), sprach aber ob des Rückstands (0,7 Sekunden) von viel Arbeit. Rätselhaft erschien Antonellis Teamkollegen George Russell (8.) die Distanz zum jüngsten Führenden der Formel-1-Geschichte: „Die Hinterreifen fühlten sich kalt an, aber 1,2 Sekunden?“ Der Rückstand in der ersten Trainingsstunde hatte „nur“ bei 0,3 Sekunden gelegen. Die Zeiten des Engländers schwanken mitunter, aber nicht in diesem Maß.
Gut zu erklären ist immerhin die Entdeckung einer allgemeinen Langsamkeit. Die Bestzeit Antonellis vom Freitag liegt rund 5,4 Sekunden über der „schnellsten“ Runde beim Qualifying im vergangenen Jahr 2025. Das hängt mit der Regelreform zusammen und der damit notgedrungenen Konzentration auf das Energiemanagement. Namhafte Fahrer befürchten, Opfer des neuen Systems zu werden auf der Piste durchs Hohe Venn, die wegen spektakulärer Jagdszenen durch lang gezogene Kurven, wegen atemraubender Überholmanöver wie schrecklicher Unfälle so viel Anziehungskraft entfaltet.
Weil die Streckenführung über lange Geraden und relativ „schnelle“ Bögen kaum Spielraum für das Laden der Batterie lässt, wird die Kraft nicht reichen für eine Runde über fast sieben Kilometer am Limit. Keine Strecke im Formel-1-Kalender ist länger. Deshalb gehören automatisierte Tempoverschleppungen zum Rennprogramm. Dort, wo früher Rad-an-Rad-Duelle bei Höchstgeschwindigkeit die Fans bannten. Etwa am Ende der Kemmel-Geraden. Silberpfeil-Pilot Mika Häkkinen überholte an dieser Stelle in der Saison 2000 Michael Schumacher (Ferrari) zum Ende eines harten Duells. Beide überrundeten dabei Ricardo Zonta im BAR-Honda kurz vor der Kurvenkombination „Les Combes“.
Ferando Alonso, 2001 in die Formel 1 eingestiegen, schwärmt von den Zeiten, als „wir die Autos am Limit bewegten“. Nach der zu dieser Saison eingeführten Regelreform diktiert die Batteriekapazität auf Kursen wie Spa oder Anfang September in Monza das Fahrverhalten. Vor der Les-Combes-Passage werden wohl alle in den Lademodus schalten, auch vor der Schikane nach der Vollgastour durch die frühere „Mutkurve“ namens Blanchiment.
Dennoch oder gerade deshalb könnte der Grand Prix wie in Silverstone unterhaltsam werden. Nur kaum für Alonso: Letzter im zweiten Training mit 5,474 Sekunden Rückstand. Sein Aston Martin entspricht in etwa dem Stand der Testfahrten vom Februar, wie der Spanier (überspitzt) behauptete. Nächste Woche in Ungarn soll ein großes, nagelneues Aerodynamik-Paket den zweimaligen Weltmeister beflügeln: „Ich liebe es, auf der Piste gegen andere zu kämpfen.“
Alonso, am Freitag wegen seiner Trainingspause im ersten Durchgang zugunsten seines Nachwuchspiloten noch nicht auf Touren gekommen, wird am Samstag zulegen. Aber für eine Attacke auf die Konkurrenz im Umfeld fehlt dem Honda-Antrieb im Heck die Power. Der einzige Deutsche im Feld, Nico Hülkenberg (17.), ahnt zwar, warum er 2,38 Sekunden länger brauchte als Antonelli. Aber mit dem Audi fuhr er immerhin gut drei Sekunden schneller als Alonso.
