Vom 5. bis 14. Juni finden die Internationalen Händel-Festspiele in Halle statt. Sie beschäftigen sich umfassend mit Geschlechterrollen in historischer Perspektive. Wir sprachen vorab mit Florian Amort, seit einem Jahr Direktor des Händelhauses und Intendant der Festspiele.
„Mannsbilder“ lautet Ihr Thema in diesem Jahr bei den Händel-Festspielen in Halle, Untertitel: „Helden, Herrscher, Herzensbrecher“. Warum nicht „Meuchler, Memmen, Muttersöhnchen“?
Oha, das wäre eine Alternative gewesen! Wir hatten allerdings nach positiv besetzten Begriffen gesucht, weil die Geschichten bei Händel meistens gut ausgehen. Nur „Tamerlano“ ist ein Fall, wo es mit dem Suizid des gefangen genommenen Sultans Bajazet nicht so glücklich endet. Aber es gibt in den Werken von Georg Friedrich Händel eher eine positive Grundhaltung – daher Helden, Herrscher, Herzensbrecher in der Alliteration mit Händel.
Dennoch gibt es in Händels Opern viele schwache Männer, die sich von starken Frauen dominieren lassen. Ich denke nur an die brillante Satire „Agrippina“.
Genau das ist ja das Spannende! Wir haben uns gefragt: Was bedeutet Männlichkeit in der Barockzeit? Das bedeutete damals, seine Gefühle zu kontrollieren und zu konditionieren, also seine Affekte nicht zu zeigen. Auf der anderen Seite aber gibt es die Welt der Oper, die von Affekten geradezu geladen ist. Ein mentaler Widerspruch. Die Männerbilder, die uns Händel präsentiert, sind sämtlich wandelbar. Männer werden verführt, sind rein, müssen sich aber beweisen, sind schlecht und müssen gut werden. Was die Handlung vorantreibt, ist immer wieder das gerade nicht regelkonforme Verhalten von Männern, ihre Un-Höflichkeit, die Missachtung von Moral und gesellschaftlichem Anstand. Die Folgen dieses Verhaltens aus sicherem Abstand zu beobachten, hat Menschen schon immer fasziniert. Deshalb gibt es diese Memmen und Muttersöhnchen, die unterwegs zum Ideal ihrer Zeit sind.

Die Oper „Rinaldo“ steht dieses Jahr auf dem Programm. Da zeigt der kriegserfahrene Mann auch Herz.
Händel lässt in „Rinaldo“ verschiedene Gefühlsebenen in seinen Männerfiguren zu. Argante ist ein Super-Macho-Typ, der kriegerisch-dominant auftritt. Man hat den weisen Goffredo, der für intellektuelle Stärke steht; dann den Bruder Rinaldos, Eustazio, der sehr emotional reagiert; schließlich Rinaldo selbst, der auf unterschiedlichste Situationen anders antwortet. Da gibt es keine Stereotype, sondern ein ganzes Spektrum von Männlichkeiten.
Im Programm tauchen auch eine Fashionparty und Dragworkshops auf. Wie bringen mir solche Veranstaltungen Händels Kunst näher?

wollen wir mit dieser Fashionparty nachzeichnen. Die Kunsthochschule Halle auf der Burg Giebichenstein hat eine Abteilung mit eigener Auszeichnung, wo sich junge Menschen mit Mode beschäftigen. Da kann man beobachten: Die Geschlechtergrenzen der Mode sind offen. Es wird immer fluider, damit auch die Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Das können wir spiegeln in einer Welt des Barock, die uns mit Kostümen überwältigt. Der Dragworkshop ist dagegen experimentell. Er beschäftigt sich mit einer Kunstform der Überschreitung von Geschlechtergrenzen, die auch politisch zu deuten ist. Man definiert sich über Sprache, Performance, Kleidung in einem Spiel der Geschlechter. Auch wenn dieses Spiel der Geschlechter Händel und seine Zeitgenossen am Phänomen der Kastraten wahrscheinlich nicht fasziniert hat, so fasziniert es doch unsere Zeit. Schauen Sie sich nur Cecilia Bartoli auf dem Cover ihres Farinelli-Albums an, das sie als langhaarige Frau mit Vollbart zeigt! Oder umgekehrt: Bruno de Sá, der sich auf dem Cover von „Roma Travestita“ stark geschminkt fotografieren lässt. Von hier aus ist der Schritt zu einem Dragworkshop nicht weit.
Sie sprachen es gerade an: Die Händel-Zeit hat den Kastraten eher als geschlechtslos wahrgenommen.
Man muss da zwischen Deutschland, England und Italien unterscheiden. In Italien war und blieb ein Kastrat einfach ein Mann. Man hörte ihn nicht nur in der Oper, sondern jeden Sonntag in der Kirche. Kastraten waren in Italien alltäglich und vertraut. Aus England und Deutschland kommt dann eine Abneigung, die vor allem moralischer und nationaler Natur war. Die Kritik richtete sich dabei nicht nur gegen die Kastraten selbst, sondern gegen die als dominant empfundene italienische Oper insgesamt. Deshalb stilisierte man die Kastraten zu etwas moralisch Verwerflichem, um sich national dagegen zu behaupten.
Berühmt ist Friedrich Schillers „Pfui! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert“ als Inbegriff von Unnatürlichkeit und höfischer Verstellung.
Diese Urteile sind eng mit größeren ideologischen Frontstellungen verknüpft. In Deutschland waren Kastraten Teil der exklusiven Hofkultur. Kastratenkritik war auch Absolutismuskritik. Gleichzeitig beschreibt beispielsweise Goethe seine Besuche römischer Schauspielbühnen, in denen ihm Männer in Frauenrollen auffielen, die ihm viel authentischer schienen und seiner Meinung nach besser gespielt hätten als Frauen. Goethe konnte dem etwas abgewinnen.
Gibt es nicht zwischen Händels Mannsbildern und unseren einen großen Unterschied hinsichtlich der Wahlfreiheit?
Die Barockzeit funktionierte gesellschaftlich völlig anders. Es gab die Ständehierarchie aus Klerus, Adel und dem dritten Stand. Frauen waren nicht rechtelos; auch Männer durften nicht alles tun. Es handelt sich um eine Zeit, die nicht nach Geschlecht, sondern nach sozialem Stand gliederte. Erst im 19. Jahrhundert erfolgte die Hierarchisierung nach Geschlechtern. Dass man durch Kleidung auffallen wollte, Signale von Ambition, Zugehörigkeit und Aneignung setzte, das gab es damals schon. Das Konzept von „Drag“ wäre aber für Händels Zeit undenkbar, weil man über Geschlecht ganz anders dachte. Man unterschied nicht nach Homosexualität, Heterosexualität und Transsexualität. Dadurch hatte das Spiel mit den Grenzen dazwischen weder Reiz noch Sinn.

Was war Georg Friedrich Händel selbst für ein Mannsbild?
Wir wissen wenig über ihn. Er schrieb auch kaum etwas über seine Beweggründe. Uns bleiben nur Anekdoten. Für mich war er jemand, der unbedingt Erfolg haben wollte, deshalb Konventionen sprengte, wenn er etwa im „Rinaldo“ singende Spatzen auf die Bühne bringt. Händel suchte Effekte, um aufzufallen. Er brauchte den finanziellen Profit, ging selbst auch zweimal pleite. Er hielt Anteile an der South Sea Company, die am atlantischen Sklavenhandel beteiligt war, veranstaltete andererseits Benefizkonzerte mit Anthems für das Foundling Hospital in London. Ein vielschichtiges Mannsbild also. In unserer Sonderausstellung „Mannsbilder – Too hot to Händel?“ werden wir auch verschiedene Händel-Bilder thematisieren. Jede Zeit machte sich nämlich ihr eigenes. In der NS-Zeit war es kein Problem, dass Händel in England wirkte, solange die Engländer als „befreundetes Arier-Volk“ noch nicht in den Krieg gegen Deutschland eingetreten waren. Nach dem Kriegseintritt Großbritannien wandelte sich Händel zum „Wikinger der Musik“, der in Feindesland zu wahrer Größe wuchs. Ebenso wurde früh darüber gestritten, ob Händel antisemitisch war, weil er in seinen Oratorien über das jüdische Volk Geschichten erzählte, die ein negatives Bild zeichnen, oder doch ein „Freund der Juden“, wie ihn jüdische Stimmen bezeichnen, weil er das Leid der Juden thematisiert habe. Aber Händels persönliche Empfindungen sind eine Leerstelle in seiner Biographie.
Anekdotisch erscheint er als protestantischer Leistungsethiker, der sein nicht vorhandenes Liebesleben durch Fresssucht kompensiert.
So hat ihn zumindest Joseph Goupy karikiert: Händel als Schwein, das an der Orgel sitzt. Als Kupferstich wurde das mit dem Titel „The charming brute“ – also der charmante Grobian – verbreitet. Dieses Bild zieht sich durch die Literatur. Händel soll ein Choleriker gewesen sein, der seine Interessen ohne Abstriche durchzusetzen suchte. Dem steht eine Musik gegenüber, die neben allem Pomp und Feuer überaus zarte Seiten kennt.
Unter lauter Mannsbildern gibt es bei Ihnen eine bemerkenswerte Frau: Maria Antonia Walpurgis von Bayern, spätere Kurfürstin von Sachsen, deren italienische Oper „Talestri – Königin der Amazonen“ Sie aufführen lassen. Warum?
In der Zeit vor der Französischen Revolution war es zwar ungewöhnlich, aber nicht undenkbar, dass Komponistinnen in die Öffentlichkeit gingen. Erst mit der Verbürgerlichung der Gesellschaft im 19. Jahrhundert setzte die stärkere Reglementierung ein, nach der diese öffentliche Kreativität nicht zum Bild der Frau passe. In der Barockzeit war das viel eher möglich. Ich möchte jedes Jahr die Oper einer Komponistin der Barockzeit bei den Händel-Festspielen zeigen. Da gibt es eine ganze Reihe von Werken, die eine Aufführung lohnen. Wir beginnen dieses Jahr mit „Talestri“, wozu eben jene bayerische Prinzessin, die nach Sachsen verheiratet wurde, das Libretto wie die Musik schrieb. Sie war auch in Bad Lauchstädt zur Kur und hat deshalb eine Verbindung zu unserem hallischen Umfeld. „Talestri“ thematisiert mit den Amazonen die männlichsten Frauenfiguren der Mythologie, die sich im Hass auf die Männer einig sind. Und dann verliebt sich die Königin Talestri in einen Mann! Sie bricht ihr Gelübde. Da werden ähnliche Konflikte wie bei Händel aus einer weiblichen Perspektive erzählt.
Man vergisst oft, dass die ganze feministische Polemik nur für das bürgerliche Zeitalter nach der Französischen Revolution voll und ganz triftig ist, während die Position der Frau im vorbürgerlichen Zeitalter als Rechts-, Vermögens- und Autorensubjekt eine andere war.
Genau. Man sah damals die kompositorische Begabung von Frauen als gottgegebenes Wunder an, das Entfaltung und Achtung verdiente. Eine völlig andere Vorstellung als im 19. Jahrhundert! Kaiser Joseph I. beschäftigte in Wien in seiner Regierungszeit von 1705 bis 1711 allein drei Komponistinnen, die Oratorien für die Passionszeit schrieben. Es war kaiserlicher Ehrgeiz, komponierende Frauen aus Italien für den Habsburger Hof abzuwerben. Für das nächste Jahr habe ich bereits das Oratorium „Il figliuol prodigo“ von Camilla di Rossi ins Auge gefasst.
Wäre bei den Händel-Festspielen also auch das Motto „Weibsbilder“ denkbar?
Inhaltlich durchaus. Allerdings ist der Ausdruck „Weibsbilder“ viel despektierlicher. Bei „Mannsbilder“ schwingt immer noch ein Fünkchen Anerkennung und ein Augenzwinkern mit.
