Viele namhafte Künstler haben ein herausragendes Spätwerk hinterlassen, das von einer energievollen Neuerung und Produktivität geprägt wurde. Henri Matisse griff mit über Siebzig zur Schere und kreierte seine so eleganten wie avantgardistischen „papiers découpés“. Im hohen Alter und vom Rollstuhl aus beschoss Hans Hartung die Leinwand mit Farbspritzpistolen – dreihundert Werke entstanden allein in seinem Todesjahr. David Hockney ließ mit achtzig Jahren den Pinsel fallen und zeichnet seither mit jugendlicher Gourmandise digital auf dem iPad.
Der 1901 in Le Havre geborene Jean Dubuffet, einer der prägenden Künstler der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ist für sein Alterswerk weniger bekannt, und doch begann er mit über siebzig Jahren eine völlig neue Schaffensperiode, die zur produktivsten seines Lebens werden sollte. Man denkt bei Dubuffet zunächst an den Inspirator des Konzeptes der Art brut und an den vielseitigen Künstler-Pionier, der nach dem Zweiten Weltkrieg kunsthistorische Konventionen und ästhetische Normen über Bord warf. Er experimentierte mit groben Materialen wie Sand, Stroh oder Teer, um für seine Gemälde mit karikaturhaften Figuren archaische Textureffekte zu erzielen. Ebenso nachdrücklich hat Dubuffets Hourloupe-Zyklus die Kunstgeschichte geprägt.
Die gewaltige Werkserie entstand Anfang der Sechzigerjahre aus Kritzeleien bei Telefongesprächen. Dubuffet entwickelte daraus nicht nur eine eigene Bildsprache mit schwarz konturierten organischen Formen auf weißem Grund, die er mal in Rot und Blau ausfüllte mal schraffierte und wie Puzzle-Elemente ineinander verschachtelte. Unter der Wortschöpfung „Hourloupe“ kreierte der französische Künstler innerhalb von zwölf Jahren, bis 1974, auch eine Parallelwelt mit phantastischen Figuren und Skulpturen, die er aus synthetischen Materialien in zum Teil monumentaler Größe schuf. Eine der größten Hourloupe-Architekturen ist die sensationelle Closerie Falbala im Pariser Vorort Périgny-sur-Yerres, in deren Mitte sich die Villa Falbala erhebt. Auf einer Seine-Insel bei Paris lässt sich die vierundzwanzig Meter hohe „Tour aux figures“ besichtigen.
Eine Hourloupe-Figur bewacht den Eingang von Dubuffets Atelierhaus
Im Herbst 1974, über siebzig Jahre alt, entschied sich Jean Dubuffet trotz der internationalen Resonanz seiner Hourloupe-Kreationen für einen Neuanfang. Zu jener Zeit hatte er die Gründung seiner Stiftung nahezu abgeschlossen, eine Unternehmung, bei der man naturgemäß auf das vergangene Werk zurückblickt und Überlegungen hinsichtlich der Zukunft anstellt. Dubuffet siedelte seine Fondation an zwei Orten an. Im ehemaligen Skulpturenatelier bei der Closerie Falbala wird die stiftungseigene Sammlung seiner Werke aufbewahrt, während sich in einem Ateliergebäude in der Pariser Rue de Sèvres, in dem Dubuffet einst seine Art-brut-Sammlung untergebracht hatte (sie ist heute in Lausanne), die Archive befinden und zwei Ausstellungen pro Jahr ausgerichtet werden.

Das Pariser Stiftungsgebäude liegt gut versteckt in einem idyllischen Hinterhof. Eine Hourloupe-Figur bewacht den Eingang des dreistöckigen Atelierhauses mit großen Fensterfronten. Gleich im Vestibül hängt das Gemälde, das der Ausstellung zu Jean Dubuffets Spätwerk den mehrdeutigen Titel „Pulsions“ gegeben hat, was so viel wie Impulse, Antriebe, aber auch Begehren bedeutet. Die vitale Energie, die der Künstler in den Bildtitel legte, erstaunt umso mehr, als es sich um sein letztes Gemälde handelt, das mit dynamischen Graffitis in Weiß, Blau, Gelb und Rot auf schwarzem Grund im Dezember 1984 entstand, fünf Monate vor seinem Tod im Alter von 83 Jahren. Auch die letzte Zeichnung vom April 1985 hängt in der Ausstellung: Ein in Buntstiften auf Briefpapier gekritzelter Kopf, der enigmatisch erhaben wirkt wie der einer Moai-Statue von der Osterinsel und sich vor einem Nacht-blauen Hintergrund abhebt.
Er beeinflusste Arnulf Rainer ebenso wie Jean-Michel Basquiat
Die von der Sammlungsleiterin der Stiftung, Déborah Lehot-Couette, ausgerichtete Ausstellung zeigt in vier Abschnitten wie sich Jean Dubuffet nach dem langen Hourloupe-Zyklus 1974 noch einmal ans Werk macht und geistig jugendfrisch zwischen Figuration und Abstraktion eine neue Bildsprache entwickelt, die er, typisch für sein Arbeiten, in Serien vielgestaltig durchdekliniert. Sie heißen „Mondanités“, „Lieux abregés“ oder „Sites aléatoires“ – jedesmal verweist der Titel auf einen neuen Bildtypus. Insgesamt entstanden in dieser Zeit 21 Serien mit mehr als 1500 Gemälden und 1000 Zeichnungen, wobei die Stiftung fast 900 Werke davon besitzt. Es ist mit Abstand die intensivste Schaffenszeit und mit jeder Serie lotete Dubuffet etwas Neues aus: mal ein Werkzeug wie den Filz- oder Markierstift, dann eine neue Bildsprache und ein andermal ein anderes Format. In der Serie „Partitions“ oder den „Psycho-sites“ baut Dubuffet seine Werke wie einen mentalen Comicstrip auf, umrandet figürliche oder abstrakte Fragmente, die er im Bildraum miteinander verbindet. Gerade sein Spätwerk wurde zum Vorbild für Künstler der jüngeren Generation wie Pierre Alechinsky, Karel Appel, Arnulf Rainer oder Jean-Michel Basquiat.

„Man sollte das Altern“, schrieb Jean Dubuffet, „als eine Verlagerung der Schwerpunkte betrachten, bei der man, wie bei jeder Veränderung, auf der einen Seite gewinnt, während man auf der anderen Seite verliert.“ So passte er sich in Technik und Materialien dem alternden Körper an. Der Tisch wurde in den letzten Jahren zum unentbehrlichen Zentrum seines Schaffens. Sitzend können kleine Formate bearbeitet werden, die als ausgeschnittene Fragmente in Collage-Technik zu größeren und manchmal monumentalen Werken zusammengefügt werden, wie in der immensen Serie der „Théâtres de mémoire“ mit 96 Gemälden, die zwischen 1975 und 1978 entstanden.
Neben den mehr als sechzig Gemälden und siebzig Zeichnungen der Ausstellung sind die Archivmaterialien reizvoll, wie etwa die einsehbaren „Catalogues des travaux“ zu jeder Werkserie oder die akribisch von Dubuffet geführten Schulhefte, in denen er seit seinen späten Anfängen als Künstler – bis in sein vierzigstes Lebensjahr führte er einen Wein-Großhandel – jedes einzelne Werk durchnummeriert festhielt. Der Film „Dubuffet in Venedig“ wurde 1984 während der Biennale gedreht, als der 83-jährige Künstler mit seiner Serie „Mire“ den französischen Pavillon gestaltete. Noch im selben Jahr entschied er, dass die Serie der „Non-lieux“, in der es nichts Figuratives mehr gibt, sondern wie im Gemälde „Pulsions“ nur noch farbige Linien in einem schwarzen Raum tanzen, die letzte sein sollte. „Das ist die beste Antwort auf alle Fragen: einfach tanzen, “ schrieb Dubuffet 1983 in einem Brief. „Auch ich tanze. Ich sitze an meinem Arbeitstisch und tanze (…). Und ich lache dabei.“
Pulsions. Jean Dubuffet, les dernières années (1974–1985). Fondation Dubuffet, Paris; bis 24. Oktober. Ein Katalogheft kostet 7 Euro.
