Im ersten Moment könnte es naheliegen, eine Verbindung zwischen dem berühmten, 2022 im Alter von 84 Jahren verstorbenen Wiener Aktionisten Hermann Nitsch und dem neuen österreichischen Choreographie-It-Girl der internationalen Kunstwelt, Thirty-Something Florentina Holzinger, zu sehen. Hatte Nitsch nicht in seinem eine Autostunde von Wien entfernten Sitz Schloss Prinzendorf Rituale durchgeführt, in denen Opfertiere geschlachtet, Menschen gekreuzigt und mit Tierblut begossen wurden, Prozessionen in die Weinhänge führten? Jedes Jahr zu Pfingsten versammelte der Maler und Performance-Künstler eine Schar von Menschen, um den Heiligen Geist der Erneuerung zu empfangen, in einer Vermischung von heidnischer Zeremonie und christlicher Symbolik.
Es ist nicht schwer zu verstehen, welche intensiven Effekte auf die Teilnehmer und bleibenden Bilder das erzeugt haben mag. Doch je länger diese seltsamen Siebzigerjahre zurückliegen, desto deutlicher wird, wie problematisch und ambivalent sie waren, diese Hochzeit der Beschwörung kommunenhaften Zusammenseins, der sexuellen Freizügigkeit auf Kosten vieler Frauen, der Fetischisierung des Körpers, des rauschhaften Konsumierens von Natur und Naturprodukten, als wären alle ökologischen Ressourcen unendlich und als käme es nur auf die gesellschaftsverändernden neuen Verhaltensregeln dieser Avantgarde an.
Freiwillig verstümmelt
Auch Holzinger ist für Freiheit. Die sexuellen Kinks, sagen ihre Stücke, bring sie auf die Bühne, sei, wie du bist, nackt und wild, und tu dir weh, weil es dir Lust bereitet. Hantiere mit Körperflüssigkeiten, lass das Blut aus deinen Piercing-Wunden fließen, halte deine Vagina der ersten Reihe hin, habe Sex auf der Bühne oder pinkle in die Ecke. Denn wie der Österreicher den Katholizismus, so muss der Tanz das Ballett überwinden, diese unterdrückerische Disziplinierungsmaschine.

Holzinger ist nicht neu, auch wenn das im Programmheft ihres „Pfingstspiels“ steht. Aber bevor es hinausgeht nach Schloss Prinzendorf, wobei 900 Zuschauer sich in zehn Bussen vom ersten Spielort, dem Wiener Eislaufverein, ins Weinviertel fahren lassen, für 120 Euro Eintritt, bezieht sich Stunt-Choreographin Holzinger erst einmal auf eine andere Arbeit der Siebzigerjahre, auf Trisha Browns New Yorker Performance „Man walking down the side of a building“ von 1970.
Die Wiener Hochhausabseilung benutzt die Breitseite des Hotels Intercontinental, dessen Gäste ungläubig aus den Zimmerfenstern beobachten, wie eine Nackte sich mit ihren Turnschuhen nach unten tastet, im Neunzig-Grad-Winkel zur Wand. Danach ist die unten am Rand wartende Holzinger dran. Eine Piercerin durchbohrt ihr beide Wangen und schiebt einen Dolch durch Haut und Mund und Fleisch. Auf diese Weise freiwillig verstümmelt und mit dem blanken Mordinstrument im Gesicht, steigt sie zu einer BMW-Fahrerin ins Auto. In der Mitte der Fläche, auf der sonst Eisläufer ihre Runden drehen, werden über dem blanken Beton Kübel mit Wasser ausgeschüttet. Auf dieser Aquaplaning-Fläche rast der schwarze Wagen im Kreis, als würde er schwimmen.
Muss Piercing schön sein
Holzinger klettert vom Beifahrersitz anschließend aufs Dach hinaus und hält sich nur an einem Tampen auf ihrem Auto-Stier. Die Zuschauer umstehen das Geviert hinter Sicherheitssperren, wie sie Amokfahrten auf öffentliche Plätze verhindern sollen. Hier ist es umgekehrt. Nackte Musikerinnen, eine von ihnen schwanger, befinden sich im Inneren des Areals. Offenbar hält man es für vollkommen ausgeschlossen, dass die Fahrerin die Kontrolle über das Auto verliert. Würde man sein ungeborenes Leben sonst einer solchen Gefahr aussetzen? Und was würde wohl mit Holzingers Kopf bei einem eventuellen Unfall passieren? Das wirft die Frage auf, was im Kopf von Milo Rau vorgehen muss oder in dem seiner Geschäftsführung. Erstaunlich, dass man eine Versicherung gefunden hat, die das abdeckt.
Später im Schloss steht auf der Fotografie eines Ausweidungsmoments bei einem Nitsch-Ritual folgendes Zitat des Künstlers, das einen entscheidenden Unterschied zu Holzingers Einstellung dokumentiert: „Bei mir hört die Freiheit der Kunst dort auf, wo ich es mit meinem persönlichen Gewissen nicht verantworten kann und ich den Eindruck habe, dass ich den anderen, dem Leben an sich und mir selbst schade.“
Die folgenden fünf Stunden in Prinzendorf enthalten lange Pausen, etwa wenn 13 Performerinnen gepierct werden müssen, damit sie im Schlussbild an Schäkeln mit eingehakten Ketten nach oben zu ziehen sind wie Opfer eines bösen Puppenspielers. Auch Holzinger baumelt da. Als alle an ihrer Rückenhaut hängen und sich durch Beinbewegungen hin und her schwingen, geht in der Betongrube unter ihnen ein Feuerwerk los. Muss Piercing schön sein.
Spiel um Angst, Sex und Tod
Mit nur einer Operateurin, die alle 26 Löcher sticht und die Metallhaken einbringt, sowie den Kettenkontrollen und vielen Nachfragen unter den Gepiercten, ob alles fein ist und sie hochgezogen werden können, dauern diese Vorbereitungen mindestens anderthalb Stunden. Das Publikum darf dabei sein, wenn Holzinger und ihr Ensemble das verbringen, was sie sich unter einem gelungenen Abend vorstellen. Es ist ein bisschen so, als müsste man stundenlang vor Sandra Hüllers Make-up-Wohnwagen sitzen und dürfte anschließend erst den Film mit ihr sehen.
Die wenigen Szenen, die in den früheren Abendstunden gezeigt werden, sind ähnlich banal. Eine nackte Frau wird in Kreuzigungshaltung vor einer weißen Fläche hochgezogen und mit Farbkanonen rot besprüht. Ein Taubenkopf wird über einen Helm gestülpt, dann nimmt die Friedensfliegerin eine kleine Maschine, aus der sie abspringt, um hinter dem Schloss zu landen. Helmkameras und eine Drohne versorgen die Wartenden mit Bildern. Zuvor wurde ein Monstertruck angeworfen und über einen aus Holz nachgebauten Panzer gefahren: No War!
Holzinger hat einfach einen Technik-Fetisch. Nur die Kunstwelt sieht darin einen Verweis auf den entsetzlichen Einsatz von Drohnen im Krieg, wie man den Gesprächen der Besucher entnehmen kann. Die Kunstwelt selbst hat einen Körper-Fetisch. Sobald lebende Körper erscheinen und sich etwas aussetzen – Nacktheit, Schmerzen, der Gefahr, zu ertrinken oder zu ersticken –, wird das ausgestellt und bewundert. Tino Sehgals Körper im Dunkeln auf der Documenta, Anne Imhofs Dobermänner, SUVs und Ballerinen des American Ballet Theatre sind andere Beispiele dafür, dass die Kunstwelt das große Spiel um Angst, Sex und Tod am liebsten mit lebenden Körpern besetzt.
Choreographen nehmen das große Geld, das in Museen und Biennalen verdient wird, gerne mit. 9000 Euro teure Fotografien von Holzingers Pavillon in Venedig verkauft ihr Galerist Thaddaeus Ropac, erzählen Zuschauer sich in Prinzendorf. 1000 davon verkauft er bestimmt. Dagegen wirkt Holzingers österreichische Einmal-Performance auf Nitsch-Grund manchmal provinziell: Nackte Musikerinnen trommeln, streichen und singen „Frieden!“ und schenken Wein aus. Jürgen Teller steht in rosa Shorts zufrieden da und schaut zu, wie ein wie Nitsch aussehender Alter mit Bart und Bauch eine Fackel hochhält. Der Intendant der Berliner Festspiele zerbricht aus Versehen eine Bierflasche im Garten. Die Cis-Männer dürfen zwar nicht mitmachen, aber zuschauen und Geld verdienen damit dürfen sie schon. Der herabkommende Geist müsste gar nicht heilig sein. Geist würde schon reichen.
