Der Titel ist ein Kalauer. Und vermittelt die Essenz: „Born to Fake“. Geboren, um zu fälschen, oder ‒ der geborene Fälscher. Das könnte Michael Born gewesen sein, der Pseudojournalist, der vor sieben Jahren starb und den heute keiner mehr kennt, der aber Mitte der Neunzigerjahre einen der größten Skandale der deutschen Fernsehgeschichte heraufbeschwor.
An die dreißig Beiträge, an denen wenig bis nichts stimmte, hatte er bei verschiedenen Magazinen untergebracht, vor allem bei „Stern TV“. Sie erschienen spektakulär und waren genau das, was die sensationsgeilen Fernsehmacher wollten. Da gab es Bilder vom Ku-Klux-Klan in der Eifel, von der PKK beim Bombenbau, von kleinen Kindern in Indien, die für europäische Hersteller Teppiche weben, von aus England importierten BSE-Rindern, von einem Katzenjäger oder von Drogenabhängigen, die an einer Kröte lecken, deren Sekret sie angeblich high macht. Das war alles gestellt – ein „Fake“, wie Born selbst sagte und meinte, nur etwas nachgeholfen, aber keine Fälschungen verbreitet zu haben. Denn wo es kein Original gebe, könne auch keine Fälschung existieren. Der Filmemacher lieferte Fiktion. Die allerdings wurde den Zuschauern als Wahrheit verkauft, als Abbild der Realität. Und das hatte gravierende Folgen.
Der Bart des „Katzenjägers“ fiel fast runter
Um diese geht es in dem Dokumentarfilm „Born to Fake“ von Erec Rehmer und Benjamin Rost eher am Rande. Sie erzählen vielmehr die Moritat vom Leben eines Blenders, der sich den Ruhm eines großen Erzählers erträumte, und demonstrieren, was es mit der Realität des Filmemachens auf sich hat. Das beginnt mit den ersten Einstellungen. Wir sehen, wie der Produzent Roland Berger das Vermächtnis seines verstorbenen Freundes und Mitarbeiters Michael Born, den er angestellt hatte, nachdem dieser aus dem Gefängnis entlassen worden war, hebt: Kartons mit alten Filmkassetten stehen vor ihm. Nach seinem Tod, habe Born ihm gesagt, sei er „verantwortlich für das ganze Material“. Daraus macht Berger, wie sich noch erschließt, ein Theaterstück und – diesen Film, dessen eigentlicher Erzähler er ist und dessen Perspektive er maßgeblich bestimmt.
Das war schon eine Show, die Michael Born vor 30 Jahren im Landgericht Koblenz abzog. Der Mann, den man bei „Stern TV“ und anderswo vor der Kamera mit Vollbart und kugelig erlebt hatte, saß da, abgemagert und rasiert, animierte seinen Verteidiger, die Fernsehgrößen, die in den Zeugenstand traten, mit Fragen nach ihrer Mitverantwortung zu piesacken; gab dem Saal Nachhilfe in Schnitt und Ton, räumte unumwunden ein, wie er da und dort „gefaked“ hatte, und führte wie ein kleiner Junge mit Freuden seine Filme vor.
Bei deren Zusammenschau mochte man nicht glauben, was vor allem „Stern TV“ alles durchgewinkt hatte. Die angeblichen Ku-Klux-Klan-Leute in ihren selbstgeschneiderten Kutten hantierten mit falsch dargestellten Hakenkreuzen, der angeklebte Bart des Katzenjägers erinnerte an den Nikolaus, der Kameraassistent, der an einer Colorado-Kröte lecken musste, hatte zwei Flaschen Whisky intus, damit ihm nicht schlecht wurde. All das hatte ihm das RTL-Magazin abgenommen und im Schneideraum nichts bemerkt? Was war da los? War der Redaktion im Sensationsrausch alles gleich? Er sei kein einziges Mal beim Schnitt dabei gewesen, erklärte Günther Jauch, der Chefredakteur und dann nur noch Moderator von „Stern TV“ war. Es war die dunkelste Stunde seiner journalistischen Karriere. Groß geschadet hat es ihm nicht. Wie all die anderen Magazinchefs, die vor Gericht erschienen, stellte er sich als unwissend Betrogener dar.

Aufgefallen waren die Fakes nicht ihm oder anderen Verantwortlichen in den Redaktionen, sondern einem Kriminalbeamten, der wahrnahm, dass ein Statist von Borns Ku-Klux-Klan-Fake schon einmal an anderer Stelle aufgetaucht war. Da brach das Kartenhaus zusammen. Verurteilt wurde der Märchenerzähler aus Lahnstein, der sich mit – echten – Aufnahmen aus Kriegsgebieten einen Namen gemacht hatte, bevor er mit dem Fälschen anfing, schließlich wegen siebzehnfachen Betrugs durch gefälschte Fernsehfilme zum Nachteil verschiedener Sender, versuchten Betrugs und einer Reihe weiterer Straftaten, die er während seiner Filmarbeit begangen hatte, zu vier Jahren Haft, von denen er zwei absaß.
So harmlos war das alles nicht
Dem Landgericht war nicht entgangen, welche realen Folgen Borns „Fakes“ hatten. „Stern TV“ geriet in den Verdacht, es habe der PKK beim Bombenbau zugesehen, bevor es in der Türkei tatsächlich zu einem Anschlag kam. Die Polizei fahndete nach dem Ku-Klux-Klan, in Mecklenburg-Vorpommern wurde nach BSE-infizierten Rindern gesucht, die es nie gab. So harmlos, wie Born es darstellte, war das alles nicht. Nicht justiziabel indes war der Betrug an den Zuschauern.
Mit deren Perspektive spielen Erec Brehmer und Benjamin Rost in „Born to Fake“ insofern, als sie ihre eigene Filmarbeit transparent machen. Da erscheinen ein ehemaliger Redakteur und der einstige PR-Mann von „Stern TV“ (die sich in der Erinnerung an Borns Fälschungen widersprechen) nicht einfach im Bild. Ihr Auftreten wird mit Regieanweisung gezeigt: wann sie losgehen sollen und von wo nach wo. So halten es Brehmer und Rost auch mit der Schwester und der ehemaligen Lebensgefährtin von Michael Born, mit einer Medienwissenschaftlerin, die das „Beobachterparadox“ erklärt, und dem Produzenten Berger.
Das sorgt für eine gewisse Komik, hat aber auch etwas plump Didaktisches und relativiert die Grenzüberschreitung zwischen erlaubter Inszenierung, wie sie jeder Filmemacher braucht, will er nicht nur redende Köpfe zeigen, und den Aufführungen Borns. Der war ein Fälscher alter Schule, in den Wildwestzeiten des Privatfernsehens; ein analoger, plumper Handwerker, dessen Tricksereien heute museal anmuten und der im Film am Ende – damit wir kapieren, wie viel leichter so etwas im KI-Zeitalter ist – mit künstlicher, echt klingender Stimme zu uns spricht.
Die KI lasse sogar einen „Taugenichts“ wie ihn wieder lebendig werden, sagt der gefakte Born. Heute könne jeder fälschen, könnten wir da noch irgend etwas glauben? KI sei ja auch keine Fälschung, denn es existiere ja kein Original, oder? So raten uns die Filmemacher Brehmer und Rost zu gesunder Skepsis. Ganz verstanden, was KI bedeutet, was diese mit einem „Original“ macht und wie Journalismus sich gegen Schausteller wie Michael Born oder Claas Relotius und „Flood the Zone with Shit-“Propagandisten wie Steve Bannon oder die Lügenmaschinen von Putin und Trump behaupten muss, haben sie indes nicht. Dafür finden sie viel Gefallen an ihrem Protagonisten Michael Born. Dem glaubte am Ende, als er seinen Prozess noch einmal „aufrollen“ wollte und als Ökobauer in Griechenland verfiel, wohl niemand mehr, nicht einmal er selbst. Zu seiner Beerdigung kam nur seine Schwester.
