
Auf alten Gemälden trägt der gute Mensch Engelsflügel. Dem bösen wurden hingegen gerne Fledermausflügel verliehen, weiß Petra Geerdink. „Und diese Mythen halten sich bis heute hartnäckig.“ Geerdink ist die Fledermaus-Beauftragte des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) in Hessen. Sie setzt sich für den Schutz der sensiblen Tiere ein. In diesem Zusammenhang trifft sie bei Menschen häufig auf Vorurteile und unbegründete Ängste: „Sie finden es gruselig, dass Fledermäuse nachtaktiv sind. Manche denken auch, sie fliegen einem in die Haare.“ Geerdink kann etliche solcher Anekdoten erzählen.
Der Lebensraum der Tiere ist inzwischen – und das ist im Übrigen nichts Neues – zu großen Teilen die Großstadt, wie etwa Frankfurt. „Unsere Gebäude sind für die Fledermäuse der Felsersatz.“ Schon vor 50 Millionen Jahren hätten sie in dunklen Spalten gelebt. Einen eigenen Lebensraum, wie beispielsweise Vögel ihr Nest, könnten sich die Tiere nicht aufbauen.
In Hessen kommen 20 der insgesamt 25 in Deutschland vertretenen Fledermausarten vor. „Ohne dass wir etwas davon mitbekommen, wohnen in vielen Häusern bis zu 40 Fledermäuse“, sagt Geerdink. Dort ziehen sie sich untertags in Betonspalten zurück und schlafen. Nachts fliegen sie aus, um Insekten zu jagen; von ihnen leben die Tiere.
Mit diesem Rückzug und der geringen Sichtbarkeit der Tiere geht allerdings auch ein Problem in der Forschung einher: „Konkrete Bestandszahlen lassen sich kaum feststellen“, sagt Geerdink. Zu der ohnehin schwierigen Lokalisierung der Tiere komme hinzu, dass Fledermäuse zu jeder Jahreszeit ihre Quartiere wechselten. Aktuell befinden sich die Weibchen in den sogenannten Wochenstuben, in denen sie ihre Jungen aufziehen. Die Männchen ziehen sich in dieser Zeit in eigene Quartiere zurück.
Fledermäuse purzeln geschwächt aus ihren Verstecken
Und die Hitze, wie gehen die Tiere damit um? „Das ist tatsächlich ein großes Problem“, sagt Geerdink. Fledermäuse sind auf stabile Temperaturen angewiesen, wie sie sagt. Mit ungewöhnlichen Schwankungen kämen sie nicht gut zurecht. Wie bei uns Menschen führe Hitze von mehr als 30 Grad auch bei Fledermäusen zu Schwächeanfällen. Die reihten sich in ein ohnehin risikoreiches Leben ein, sagt die Fledermaus-Beauftragte. Für die Aufzucht ihrer Jungen müssten die Weibchen noch häufiger auf Insektenjagd gehen – und die Kleinen allein lassen. Längere Hungerphasen seien für sie bei 38 Grad noch schwieriger zu bewältigen. „Und dann purzeln sie einfach herunter.“
Der Klimawandel geht also auch an den von Mythen umrankten Flugtieren nicht spurlos vorüber. „Deswegen sollten wir eigentlich froh sein, sie in Deutschland noch so artenreich vorzufinden“, sagt Geerdink. Denn mit dem Klimawandel sei auch ein weltweites Insektensterben verknüpft, wodurch den Fledermäusen ihre Nahrungsgrundlage entzogen werde. Fledermäuse fräßen in einer Nacht ein Drittel bis die Hälfte ihres eigenen Körpergewichts – das könnten bis zu 4000 Mücken oder andere Insekten sein. Die Fachfrau berichtet von häufigeren Funden abgemagerter Fledermäuse in den vergangenen Jahren. „Das führen wir auf geringere Insektenmengen zurück.“
Jemand, der regelmäßig Fledermäuse in der Nähe seines Zuhauses beobachte, sollte sich freuen, sagt Geerdink. Es sei ein Hinweis darauf, dass das Ökosystem funktioniere. Und noch einen Vorteil haben die Kobolde der Nacht: „Wir kriegen oft die Rückmeldung, dass man dank der Fledermäuse viel entspannter auf der Terrasse sitzen kann.“ Mückenkerzen oder Ähnliches würden dann nicht mehr gebraucht, denn die Insekten verschwänden in den Mägen der fliegenden Jäger.
Fledermausfreundliche Fahrradwege
Manche Menschen lassen sich ihr Haus sogar absichtlich auf eine Weise bauen, die die Tiere anzieht, wie Geerdink sagt: „Wenn man sich ein fledermausfreundliches Haus baut, bekommt man von uns ein Zertifikat.“ Der zunehmende Verlust hänge nämlich auch mit dem Klimawandel zusammen. „Der Trend geht immer mehr in Richtung energetisches Bauen, also gutes Dämmen. Dadurch fehlen den Fledermäusen ihre geliebten Risse und Spalten.“
Aufwendig sei ein fledermausfreundliches Bauen nicht: Oft reiche es, kleine Einschlupfmöglichkeiten am Haus für die Tiere zu schaffen. „Klimafreundliche Häuser und Lebensraum für Fledermäuse sind also keineswegs unvereinbar.“
Hessen nimmt beim Fledermausschutz eine Vorreiterrolle ein. Neben Bauprojekten gibt es in Frankfurt laut Geerdink sogar Überlegungen für fledermausfreundliche Fahrradwege. Künstliches Licht mieden die Tiere zwar, doch mit angepasster Beleuchtung ließen sich die Bedürfnisse von Mensch und Tier miteinander vereinbaren. „Wenn man das Licht dimmt und weniger grell gestaltet, profitieren beide Seiten“, sagt sie.
Wer Fledermäuse einmal aus nächster Nähe erleben möchte, hat dazu bald Gelegenheit: Seit 1997 findet am letzten Samstag im August die sogenannte Batnight statt. In mittlerweile 39 Ländern werden dabei Führungen und Beobachtungstouren zu den nächtlichen Jägern angeboten.
