
Die brisanteste Enthüllung heben sich Maggie Haberman und Jonathan Swan für das Ende ihres neuen Buches „Regime Change. Inside the Imperial Presidency of Donald Trump“ auf. Im letzten Kapitel geben die beiden Journalisten der „New York Times“ Gespräche zwischen Trump, CIA-Direktor John Ratcliffe und Außenminister Marco Rubio zum Teil wörtlich wieder. Die Möglichkeit eines Leaks aus dem Situation Room, gar illegaler Audioaufnahmen, wurde schon vor Erscheinen des Buches aufgeregt diskutiert, Medienberichten zufolge auch im Weißen Haus.
Die wörtlichen Zitate sollen aus einer Sitzung nach dem Besuch des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu Anfang des Jahres stammen. Dabei habe Ratcliffe Netanyahus Pläne für einen Angriff auf Iran als „Farce“ bezeichnet, woraufhin Rubio sekundiert habe: „Mit anderen Worten, das ist Bullshit.“ Doch Netanjahu sei es am Tag zuvor gelungen, Trump vom Ziel des „Regime Change“ zu überzeugen: Gemeinsam würden die USA und Israel das Mullah-Regime stürzen, Iran sei dann unfähig zu wirkungsvoller Gegenwehr. Trump soll Netanjahu geglaubt, die Bedenken seiner Fachleute verworfen und den Plan mit den Worten abgesegnet haben: „Klingt gut für mich!“
Am Ende ihrer detailreichen Aufarbeitung des ersten Jahres von Trumps zweiter Amtszeit liefern Swan und Haberman so eine ernüchternde Innenansicht aus dem Weißen Haus, eine banale Erklärung für den Krieg: Trump sei von Netanjahu leichter zu überzeugen gewesen als von den eigenen außenpolitischen Experten. Strategische Risiken zählten nichts, wenn der Präsident wieder einmal einen Eintrag im Geschichtsbuch witterte.
Von Lakaien umgeben
Vieles, was Trump motiviert und was im Buch eine große Rolle spielt, ist bekannt: Rachsucht, Narzissmus, die Forderung nach unbedingter Loyalität in seinem Umfeld. Aber die Autoren zeigen daneben eindrücklich, wie wenig Gegenkräfte es im Vergleich zur ersten Amtszeit gibt. Trumps Kontrolle der Republikanischen Partei sei inzwischen „fast absolut“, heißt es. Wo manche Konservative in der Regierung ihn während der ersten Präsidentschaft noch mäßigen wollten, sei Trump auch im Weißen Haus mittlerweile nur noch von Loyalisten umgeben. Mitarbeiterin Natalie Harp etwa folge ihm den ganzen Tag ehrerbietig, um sich um seine Bedürfnisse zu kümmern und ihm positive Berichte aus der rechten Presse vorzulegen. Harp schreibe Trump manchmal auch schwärmerische Briefe, wird zitiert mit: „Du bist alles, was für mich zählt.“
Allerdings gebe es selbst unter Trump 2.0 gewisse Grenzen. Ein Versuch des stellvertretenden Stabschefs Stephen Miller, auf Trumps Wunsch alle rechtlichen Selbstverteidigungsmöglichkeiten inhaftierter Einwanderer außer Kraft zu setzen, stieß auf Ablehnung unter Rechtsexperten der Regierung. Die Autoren zitieren aus entsprechenden Memos. Und unter den 1000 für das Buch interviewten Personen sind vereinzelte Mitarbeiter, die sich Sorgen machen, weil Trump Probleme ignoriere. Abgesehen davon gehe die Loyalität aber sehr weit, sagte Swan in einem Fernsehinterview. Die erste Reaktion vieler Trump-Mitarbeiter, wenn dieser eine unverständliche Entscheidung treffe, sei: „Vielleicht hat er das richtige Bauchgefühl!“
Haberman und Swan reihen sich in eine lange Liste von Büchern über Trump im Weißen Haus ein. Die vielen Details über den Hausherrn, der die Nächte allein und mit stundenlangen Truth-Social-Tiraden verbringe und viel Eiscreme und Chips esse, werden durch ein persönliches Interview mit Trump angereichert. Der Präsident behauptet dabei etwa, ein „Historiker“, der sich bei der Recherche als Golf-Caddie entpuppt, habe seine Macht mit der Alexander des Großen und Hitlers verglichen.
Das Buch wurde überwiegend positiv aufgenommen. Für Aufsehen sorgte, dass das Weiße Haus die wörtlichen Zitate, etwa Rubios Satz über Netanjahus Iran-Pläne, nie dementierte. War besonders Haberman in der Vergangenheit für ihren Zugang zu Trump und von manchen auch für ihre neutral-nüchterne Sprache kritisiert worden, loben Kritiker wie David Remnick vom „New Yorker“ nun die Reporterleistung.
Allerdings schwingt in den Reaktionen auf die Enthüllungen auch eine gewisse Resignation mit. In der „New York Times“ merkte Fintan O’Toole an, der politische Journalismus gehe auch in Trumps zweiter Amtszeit weiter von der alten Tragödienlogik aus: Enthüllung müsse demnach eigentlich zu Umkehr, Scham oder Sturz führen, Bücher wie „Regime Change“ müssten politische Konsequenzen haben. Doch bei Trump funktioniere das schlicht nicht. Aufschreiben, was geschieht, müssen Journalisten trotzdem.
