In einer Liste der schönsten Gemälde aus der italienischen Renaissance hätte Filippo Lippis „Anbetung im Walde“ einen Ehrenplatz. Aber Lippis Bild ist nicht nur kunsthistorisch, sondern auch realgeschichtlich bedeutend. 1459 entstanden, diente es als Altarbild für die Privatkapelle, die sich die Medici-Familie mit päpstlicher Erlaubnis in ihrem Hauspalast in Florenz, dem heutigen Palazzo Medici Riccardi, eingerichtet hatte. Eingerahmt wurde es von einem Freskenzyklus, in dem der Maler Benozzo Gozzoli den Zug der Heiligen Drei Könige in eine Festprozession von Mitgliedern des Klans der Medici verwandelt hatte, hinter denen eine erlesene Gesellschaft von Klerikern und gekrönten Häuptern ritt, darunter der Kaiser von Konstantinopel, Johannes VIII., der 1439 nach Florenz gekommen war, um die Union der orthodoxen mit der katholischen Kirche zu besiegeln, die sein Reich vor dem Ansturm der Osmanen retten sollte.
Das Ziel des Prozessionszugs aber, der von beiden Seiten die Kapelle durchschritt, war Lippis „Anbetung“. 35 Jahre lang hing es im Palast der Medici, dann wanderte es nach ihrer Vertreibung aus Florenz durch das Heer des französischen Königs in den Palazzo Vecchio, den Ratspalast. Nach der Rückkehr der Familie im Jahr 1512 kehrte es an seinen alten Platz zurück, wo es etwa drei Jahrhunderte blieb. In den Wirren der napoleonischen Herrschaft über Italien kam es schließlich in die Sammlung des in Berlin tätigen englischen Kaufmanns Edward Solly, der im Jahr 1821 aus Geldnot seinen gesamten Kunstbesitz an den preußischen Staat verkaufte. Heute hängt die „Anbetung im Walde“ in der Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum hinter dem Potsdamer Platz, während in Florenz eine Kopie zu sehen ist.
Der Firnis ist in winzige gewölbte Partikel zerbrochen
Genauer gesagt: Sie hing. Denn jetzt steht Lippis Hauptwerk auf einem Arbeitstisch in der Restaurierungswerkstatt auf der Rückseite des Kulturforums. Vor dem Tisch dagegen steht die Restauratorin Anja Wolf und erklärt, was es mit ihrem Projekt zur Rettung und Bewahrung des Bildes auf sich hat. Bei der Neurahmung der „Anbetung“ vor drei Jahren, sagt sie, sei eine Vielzahl kleiner Ausbrüche in den Farbschichten von Lippis Tempera-Malerei und in dem darüberliegenden Firnis entdeckt worden. Eine Untersuchung mit dem Mikroskop ergab, dass der aus dem neunzehnten Jahrhundert stammende Firnis in zahllose winzige Partikel zerbrochen war, die sich an den Rändern aufwölbten und dabei die originale Farbe teilweise von der Grundierung ablösten.
Die Herausforderung ihrer Arbeit, sagt Anja Wolf, werde darin bestehen, den Firnis zu entfernen, ohne die Malschicht mitabzureißen. Zu diesem Zweck will sie den gelblich gealterten Firnis mit Mikrofasertüchern aufsaugen, die zuvor mit Lösungsmitteln getränkt wurden. Um den Abriss der Originalfarbe zu verhindern, wird Wolf an den betroffenen Stellen kleinste Mengen Methylcellulose-Schaum unter die aufgebogenen Ränder der Firnispartikel gießen; so soll die Farbschicht an der Grundierung von 1459 befestigt werden. Wolfs Arbeit, die von der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Schoof’schen Stiftung für zwei Jahre finanziert wird, kann nach dem Abschluss vorbereitender Untersuchungen in Kürze beginnen.

Eine erste Probe des zu erwartenden Resultats hat die Restauratorin am unteren linken Rand des Gemäldes bereits erstellt. Dort hat der Maler den nackten Körper des Jesuskinds auf eine Wiese aus blühenden wilden Rosen und Lilien, Kräutern, Gräsern und Farnen gebettet. Nach der Abnahme des Firnis schimmert einer der Farne in hellem, leuchtendem Gelb. Die Strahlkraft der Blumen und Wiesenkräuter dürfte durch die Reinigung in ähnlicher Weise zunehmen, allerdings unter Verlust der bei manchen Altmeister-Freunden beliebten goldbraunen Firnistöne: „Die Farben werden kühler sein“, sagt Anja Wolf. So kühl, wie der Künstler sie gemalt hat.
Diese Abkühlung wäre ein atmosphärischer Gewinn für Lippis Gemälde, das seine Anbetungsszene mit Gottvater, dem Heiligen Geist und dem Johannesknaben in eine von merkantilem Geist geprägte Gebirgslandschaft stellt. Der Kiefernwald der ansteigenden Felsenkulisse dient erkennbar der Holzgewinnung, überall liegen gefällte und entastete Stämme herum, selbst die Signatur des Malers, „Frater Philippus“, findet sich auf einem Ast, der in einem Baumstumpf steckt. Der Bach, der von rechts oben herunterrauscht, ist durch Dämme und Brücken gezähmt, an seinen Ufern sitzen Reiher. Topographisch zuschreibbar wird die Landschaft durch die Figur des heiligen Romuald im linken Bildteil. Die Region um Camaldoli, wo der von Romuald gegründete Orden residierte, war ein Zentrum der toskanischen Holzindustrie. Im Kloster der Camaldulenser hatten die Medici einen eigenen Gebetsraum, den Lippi ebenfalls mit einem Tafelbild schmückte; auch dort erscheint Romuald mit Vollbart und weißer Ordenstracht.

Aber das Wunder von Lippis „Anbetung“ ist die Gestalt der Maria. Ihre Pose im blauen Prunkmantel mit dem in Dreiviertelansicht gezeigten Gesicht und den wie unter Zauberbann gefalteten Händen ist von einer Innigkeit, die im Florenz der Frührenaissance nichts Vergleichbares hat. Dieses Wunder soll nach der Restaurierung neu erstrahlen. Der jetzige Zustand des Bildes gibt trotz aller Schäden Anlass zur Hoffnung, dass sich dieses Versprechen erfüllt. An sich, sagt Anja Wolf, sei das Gemälde geradezu „phantastisch“ gut erhalten – ein verlässlicher Bildträger aus Pappelholz, stabile Pigmente von Bleiweiß, Ultramarin und Zinnober, eine Grundierung, die keine Probleme mache. Nur am rechten Bein des Johannesknaben gibt es Spuren größerer Retuschen, und am oberen Rand hat die Malsubstanz bei einer früheren Rahmung gelitten, vermutlich in der Zeit vor 1830, als die Berliner Gemäldegalerie aus der Zusammenführung königlich-preußischer Kunstbestände mit der Sammlung Solly entstand.
Wenn das Restaurierungsprojekt in zwei Jahren vollendet ist, wird das Museum am Kulturforum eine jener kostbaren Ikonen zurückerhalten, die seinen internationalen Rang ausmachen und von denen das Massenpublikum, das vor der „Nachtwache“ oder der Mona Lisa Selfies macht, bis heute viel zu wenig weiß. Aber vielleicht fällt von dem Lichtstrahl, der jetzt auf die „Anbetung im Walde“ fällt, ja auch ein wenig Helligkeit für die vielen anderen Spitzenwerke der Berliner Altmeistersammlung ab.
