Washington Irving war, als er seinen Bericht über die Tour in die Prärien schrieb, der berühmteste nordamerikanische Autor. Berühmt gemacht hatte ihn sarkastischer Spott über die zeitgenössische Politik in seiner „Geschichte New Yorks“ von 1809 und unheimliche Kurzgeschichten, in denen er Motive europäischer Sagen ins Amerikanische übersetzte: „Rip Van Winkle“ und „Sleepy Hollow“. Einige deutsche Märchenerzähler hätten getrost einen Plagiatsprozess gegen ihn anstrengen können. Weltliteratur aber entsteht durch unverzollte Importe.
Eigentlich waren es ja Exporte, denn Irving lebte von 1815 an in England, Schottland und Spanien. Als er 1832 in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, wurde er triumphal empfangen, doch er traute der Begeisterung nicht. Noch waren die Nordamerikaner unsicher, ob ihre Literatur mit der britischen und kontinentalen mithalten könne. Mittels seiner Reise in den wenig erschlossenen Westen wollte Irving bekräftigen, dass er eine nationale Figur war. Über die Möglichkeit Walter Scotts, einen historischen Roman über die große Vorgeschichte seiner Nation zu schreiben, verfügte er nicht, denn sie hatte keine oder nur die schreckliche, von der James Fenimore Cooper erzählt hatte. Irving hatte das gelesen. Also reiste er in eine nahezu geschichtslose Zone, um zu erspüren, was sein Land ausmachte.
Mehr Männlichkeit, Einfachheit und Selbständigkeit in der Prärie?
„A Tour On the Prairies“ ist eine der ersten literarischen Erkundungen dessen, was später „The Frontier“, das Grenzgebiet genannt wurde. Die zunehmende koloniale Erschließung des Landes war 1835, als Irvings Reisebericht erschien, bis nach Missouri, Arkansas und Oklahoma vorgedrungen. Alles, was westlich davon lag, galt als Prärie. Unter Präsident Andrew Jackson begann die Umsiedlung von Indianern aus südöstlichen Staaten wie Georgia in diese Gebiete.

Irving erschienen sie als ein Park, in dem nur hier und da ein Dorf, ein Schloss oder die Türme eines Familiensitzes fehlten, um europäischen Landschaften zu ähneln. Anstatt Wildnis fand er eine Natur, die sich selbst kultiviert habe. Das erschien ihm typisch für Nordamerika. „Wir schicken unsere Jugend nach Europa, wo sie luxuriöse und effeminierte Haltungen lernt; dabei scheint mir, eine vorhergehende Tour über die Prärien würde mehr Männlichkeit, Einfachheit und Selbständigkeit hervorbringen, die mit unseren politischen Institutionen übereinstimmt.“
Diese nationalen Töne werden gedämpft durch die Komposition der Reisegruppe Irvings, die aus einem Schweizer Grafen, einem Engländer und einem französischen Faktotum mit indianischer Verwandtschaft besteht. An der Grenze ging es auch sonst heterogen und hybrid zu, weil sich dort allerlei abenteuerliche Leute einfanden. Irving spricht mit einem Ausdruck, den wir uns merken sollten, von „nondescript beings“, unbestimmbaren Existenzen, die ihm dort begegneten: halb ungehobelt, halb zivilisiert. Das galt für die Ureinwohner so gut wie für diejenigen, die er als Landsleute ansprach. Der Reisebericht streift mitunter die Einsicht, dass die Zivilisierten genauso wild sind wie diejenigen, die sie, als seien es Kinder, zur Zivilisation erziehen wollen.
Die „Tour On the Prairies“ ist voller Anekdoten, Szenen und Gerüchten. Die Leser erfahren aber wenig über die Tatsachen des Lebens der Indianer, der kolonialen Abenteurer und der staatlichen Amtsträger. Für einen Reisebericht ist das etwas enttäuschend. Am Ende ist das Leben an der Kolonialgrenze für den Autor vor allem eine Stimmung. Vignetten ersetzen Analysen. Das unterscheidet Irvings Stil von dem sehr viel härteren James Fenimore Coopers.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
