
Auf der Suche nach sogenannten Filmbösewichtern wird man natürlich auch bei Bruce Dern fündig. Obwohl sich seine Bedeutung als Schauspieler darin keineswegs erschöpft, gab er doch eine Reihe unguter, ja recht eigentlich fieser Figuren. Dafür war er nicht etwa durch ein entsprechendes Gesicht qualifiziert, das in seinem Fall keineswegs brutalistisch grob ist, sondern auf Grund eines außerordentlichen Mienenspiels, das von dem für ihn so typischen, grellen Aufreißen und Rollen seiner Knopfaugen übers tückische Grinsen bis hin zum bedrohlich entschlossenen Starren alles bereithält, um Mitspieler und Zuschauer in Angst und Schrecken zu versetzen.
Exemplarisch zeigt sich dies in einem Film, der nicht zu seinen bekanntesten zählt, in dem aber sein Spiel gerade im Duell mit Robert Shaw, einem anderen klassischen Filmbösewicht der Sechziger- und Siebzigerjahre, Kontur gewinnt: John Frankenheimers „Schwarzer Sonntag“ (1977), einem breit ausladenden, druckvollen Thriller über Palästinenser-Terror, in dem Dern einen vom Leben schwer mitgenommenen, zerrütteten Vietnamveteranen gibt, der die schon seit München 1972 berüchtigte und hier von Marthe Keller fanatisch unterstützte Gruppe „Schwarzer September“ so wirkungs- wie verhängnisvoll unterstützt. Obwohl Dern hier schon ins Stadium gereifterer Rollen eingetreten war, verströmt seine Figur neben dem eher grobschlächtigen, von Shaw gespielten Mossad-Agenten eine lauernde Unberechenbarkeit, deren unheimlich ruhige Konzentration jäh in Gewalt umschlägt.
Seine gesamtkörperliche Feinnvervigkeit
Dies und das meiste andere, mit dem er seiner Arbeit nachging, vollbrachte er mit gesamtkörperlicher Feinnervigkeit und einer Mimik, die in ihren Ausdrucksmöglichkeiten mit den eigentlichen Superstars seiner Generation – Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Al Pacino und Robert De Niro – ohne Weiteres mithalten konnte. Dass er es in deren Liga letztlich doch nicht schaffte, bleibt ein filmgeschichtliches Rätsel, lag vielleicht auch einfach nur daran, dass er selten richtige Hauptrollen bekam, etwa die ganz und gar vorzügliche des ökofanatischen Astronauten in “Lautlos im Weltraum“ (1972). Was er in der zweiten Reihe leistete, war aber auch sensationell, und zwar von Anfang an, wobei er, vor allem unter Roger Corman, selbst billigere Ware veredelte, etwa in „The Trip“ (1967, Drehbuch: Jack Nicholson), wo er Peter Fonda mit LSD abfüllt, oder in der beklemmenden Verbrecherballade „Bloody Mama“ (1970), wo er neben Robert De Niro einen der missratenen Shelley-Winters-Söhne gibt.
Dern war mithin unverkennbarer Teil von New Hollywood und gehörte doch nicht ganz dazu, und er arbeitete damals schon genreübergreifend: Grusel-, Kriminal- und Motorradfahrerfilme, Science-Fiction und nicht zuletzt Western, denen er wie nebenbei prägende Gesichter gab, etwa in „Hängt ihn höher“ (1968) an der Seite von Clint Eastwood und zweimal sogar mit John Wayne in „Die Gewaltigen“ (1967) und in „Die Cowboys“ (1972). Am besten aber kam seine Kunst in harten Thrillern zur Geltung, unter anderem in Stuart Rosenbergs „The Laughing Policeman“ (1973) neben Walter Matthau. Dabei konnte selbst der an sich gutmütige Schnurrbart, den er häufig trug, seine Erscheinung nur bedingt entschärfen.
Nicht weniger bemerkenswert agierte er unter klassischen Regisseuren, etwa in Robert Aldrichs „Wiegenlied für eine Leiche“ (1964), wo er gewissermaßen das Janet-Leigh-Schicksal aus „Psycho“ nachspielt und schon nach wenigen Minuten krass geköpft wird, und vor allem in Walter Hills „Driver“ (1978) als Gegenpart von Ryan O’Neal, wo er als sadistischer Bulle wahrscheinlich den Gipfel seiner Fiesheit erreicht, die in Hitchcocks finaler Komödie „Familiengrab“ (1976) natürlich fehl am Platz gewesen wäre.
Derns Stil war meistens auf Verausgabung aus, die, je länger er sie durchhielt, irgendwann in Zermürbung überging, etwa in Hal Ashbys preisgekröntem „Coming Home – Sie kehren heim“ (1978), wo er dem umfassenden Verlassenwerden am Ende nicht mehr standhalten kann, anders als in den spektakulären Altersrollen bei Alexander Payne, in dessen unorthodoxem Road Movie „Nebraska“ (2013) er einen gleichermaßen sturen und tapferen Alkoholiker-Familienvater gibt, oder in Tarantinos Brutalo-Western „The Hateful Eight“ (2015), wo er einem rassistischen General noch einmal ein seltsames Gesicht verleiht.
An diesem Donnerstag wird Bruce MacLeish Dern, der in Chicago geboren wurde, dessen Patentante Eleanor Roosevelt war und der sich mit seiner großen Tochter Laura gerade noch in Cannes blicken ließ, 90 Jahre alt.
