
Mitte der Neunzigerjahre boomte Amerika. Die Investitionen in Informationstechnik stiegen. Die Arbeitslosigkeit fiel am Ende des Jahrzehnts unter vier Prozent. Trotzdem widersetzte sich Fed-Chef Alan Greenspan Forderungen nach einer strafferen Geldpolitik. Seine Begründung: Höhere Produktivität dämpfe die Inflation. Die Zinsen könnten daher niedriger bleiben, ohne die Wirtschaft zu überhitzen.
Greenspan behielt recht. Wachstum und Beschäftigung zogen an, die Inflation blieb niedrig.
Dreißig Jahre später wünscht sich Präsident Donald Trump einen Chef der Federal Reserve, der wie einst Greenspan den vermuteten Produktivitätsschub durch Künstliche Intelligenz (KI) als preisdämpfend einbucht. Zugleich soll er die preistreibende Trump-Politik – Iranangriff und Einfuhrzölle – und die jüngsten Inflationsdaten ignorieren.
Kevin Warsh ist der Mann, den Trump mit dieser Greenspan-Rolle betraut hat. Er wird am 15. Mai neuer Chef der Federal Reserve als Nachfolger von Jerome Powell. Man darf sich Sorgen machen. Denn Trump hat ihn nominiert, weil er glaubt, ihn besser steuern zu können als seinen Vorgänger. Der US-Präsident hat ein ums andere Mal verdeutlicht, dass er die Unabhängigkeit der Federal Reserve von ihm und seinen Vorstellungen nicht für wünschenswert hält. Die beunruhigende Möglichkeit ist da, dass Warsh dem Präsidenten den Eindruck vermittelt hat, er leiste die gewünschte Folgsamkeit.
Die Geschichte widerlegte Warsh
Warsh hatte lange einen Ruf als Falke, Trump dagegen wünschte stets niedrige Leitzinsen. Das passt nicht. Doch ein genauerer Blick zeigt bei Warsh eine Entwicklung. Die Reputation als Falke stammt aus der Zeit, als er schon einmal Notenbankgouverneur der Federal Reserve war. Zwischen 2006 und 2011 arbeitete Warsh eng mit dem damaligen Fed-Chef Ben Bernanke zusammen in der Bändigung der Finanzkrise und der nachfolgenden Rezession.
Warsh warnte damals selbst bei einer Arbeitslosigkeit in Höhe von zehn Prozent noch vor Inflationsrisiken. Es setzten sich aber die Notenbankgouverneure durch, die mit niedrigen Leitzinsen und Anleihekäufen den Arbeitsmarkt stimulieren wollten und sich weniger Sorgen um die Teuerung machten.
Die Geschichte widerlegte Warsh. Von 2009 bis Anfang 2020 überschritt die Inflationsrate selten die eigene Zielmarke der Federal Reserve von zwei Prozent.
Mit Trumps Wahl wurde Warsh nachgiebiger
Nach seinem Ausscheiden aus der Notenbank in den Jahren der Präsidentschaft von Barack Obama, die von schleppendem Wachstum und der niedrigsten Inflation seit 50 Jahren geprägt war, forderte er eine Straffung der Geldpolitik und kritisiert, dass die Fed zu lange an der Politik der quantitativen Lockerung festgehalten habe.
Der Wandel kam mit dem politischen Wechsel: Mit Trumps Wahl wurde Warsh nachgiebiger. Im „Wall Street Journal“ warnte er 2018 eindringlich vor einer Straffung der Geldpolitik, obwohl die Wirtschaft brummte. Inzwischen argumentiert er nach Greenspan-Manier: Die Fed könne die Zinsen senken, weil Künstliche Intelligenz die Produktivität steigere und das Wachstumspotential der Wirtschaft erhöhe, ohne die Preise in die Höhe zu treiben.
Das klingt nur plausibel, bis man auf einen zentralen Unterschied stößt zwischen der Entwicklung Mitte der Neunzigerjahre und heute. Als Greenspan sich weigerte, auf die geldpolitische Bremse zu treten, war der Produktivitätsschub nur eine Ahnung, aber keine Gewissheit. Man rechnete nicht mit ihm. Deshalb funktionierte Greenspans Geldpolitik damals. Wenn aber alle mit künftigen Produktivitätsgewinnen rechnen – und damit mit höherem Wohlstand –, holen sie Kaufkraft aus der Zukunft in die Gegenwart.
Wer über sein Leben gerechnet mehr Einkommen erwartet, will schon heute mehr ausgeben. Das Problem ist dann, dass sich das Produktivitätswunder noch nicht materialisiert hat und die Kapazitäten noch nicht gewachsen sind. Wer dann künftigen Wohlstand schon heute verkonsumiert, kann damit die Wirtschaft überhitzen. Deshalb muss die Zentralbank dann das Sparen attraktiver machen und die Menschen zum Aufschub ihres Konsums bewegen. Sonst läuft die Wirtschaft heiß – und die Inflation lässt sich schwer zügeln.
Die Unterscheidung ist nicht trivial, sondern im Gegenteil zentral. Aktuell treibt der KI-Boom die Preise von Energie und Computerchips und befeuert die Börsenkurse in Erwartung künftiger Gewinne. Der damit verbundene Vermögenseffekt hat die Konsumausgaben vor allem der Besserverdiener hochgehalten. Das deutet auf einen vorgezogenen Wohlstandseffekt hin, der eher Leitzinserhöhungen erzwingt.
Warsh hat sich in den Job hineingeredet. Nun muss er erklären, wie er aus der Falle herauskommt: Trump erwartet Zinssenkungen. Die Lage spricht eher dagegen.
