
Bergfest, Arbeitswochenmitte, neue Technologie erfolgreich eingeführt. Das wird gefeiert. Kollege Franz zapft das Fässchen an, füllt eine schmale Kölschstange nach der anderen. Das Bier schmeckt frisch. Hände klauben Nüsse aus Knabberschalen. Ein fröhliches Kommen und Gehen.
Ganz normal, das Ritual. Zumindest für die Kollegen der zwei Stockwerke. Der Außendienstler aber reibt sich die Augen. Urig, das Fünf-Liter-Holzfass aus Eiche, hätte man im stylishen Neubau nicht vermutet. Es stammt auch nicht von hier, sondern reist (einmal im Monat) an diesen besonderen Tagen mit dem Kollegen aus Köln an.
Ein Hauch Start-up-Stimmung
Der wohnt dort nämlich einen Steinwurf entfernt von einer kleinen Brauerei und lässt das Fass regelmäßig frisch füllen, transportiert es nach Frankfurt und stellt es dort kalt. Der Einsatz des gebürtigen Erzgebirglers verbreitet einen Hauch Start-up-Stimmung. Franz macht das voller Elan, er ist – wie einige der Belegschaft – Köln-Fan und wird nicht müde, die Vorzüge der quirligen, feierfreudigen Domstadt zu referieren.
Der Weg ist ihm nicht zu weit, das Fässchen wird an solchen Tagen im Rucksack verstaut. Was ein Aufwand. Wir sind schon von der sperrigen Tortentransportbox genervt, die wir pflichtbewusst zu Geburtstagen mitschleppen, jedenfalls alle paar Jahre, bequemer ist der Gang zur Konditorei unseres Vertrauens vor Ort.
Junge und alte Kollegen, Praktikanten und Demnächst-Rentner prosten sich zu: Die einen staunen heimlich still und leise, weil sie in dem etablierten Traditionsunternehmen solche Treffs nie vermutet hätten, die anderen registrieren freudig, dass es sich ein wenig wie früher anfühlt, als starrer gearbeitet, aber lockerer gefeiert wurde. Zumindest in der verklärten Rückschau.
Heutzutage trifft man sich bei Franz. Der Umtrunk hat Kultcharakter. Und bringt wahrscheinlich mehr als anberaumte Teambuilding-Seidnettzueinander-Achtsamkeits-Maßnahmen. Einfach nur so. Operation Bernhardiner, die allerdings nie ein Rumfässchen getragen haben. Wir gesellen uns wieder dazu. Den Termin merken wir uns. Ganz achtsam.
In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.
