Marni
Meryll Rogge will das Alte bewahren, um daraus Neues zu schaffen. Das war schon an der Einladung abzulesen. Das Bühnenbild der letzten Show wurde recycelt und in handgeschöpftes Papier verwandelt; daraus entstanden gelbe Papierflieger, die an die Gäste verschickt wurden. Dieser Prozess lässt sich auch an der Kollektion ablesen, die dem typischen Marni-ABC folgt: mal schrill, mal spröde, mal seltsam, mal nur schön. Jedes Kleidungsstück hat dabei seinen eigenen Reiz. Die Kontur eines Büstenhalters ist in ein Kleid integriert und kehrt damit die innere Schicht nach außen. Knöpfe werden zu verspielten Designelementen. Etuikleider aus Double-Duchesse-Seidengabardine zeigen vergrößerte Drucke, die von den Oberflächen früherer Kleidungsstücke stammen. Die Minikleider aus Seide und Leder mit applizierten Kristallen werden sicher in Erinnerung bleiben.

Das alles ist spielerisch, aber nie kindisch, sondern an den entscheidenden Stellen präzise. Ihr sei Kontinuität wichtig, sagt Rogge nach der Schau. Sie wolle eine Formensprache etablieren, sich auch damit auseinandersetzen, was hinzugefügt oder weggelassen werden kann. Am Ende hat man das Gefühl, dass die Belgierin das Beste aus dem Marni-Kosmos rausgeholt hat.
Jil Sander
Der erste Entwurf, den Simone Bellotti für Jil Sander über den Laufsteg schickt, ist schwarz: ein kragenloses Mantelkleid aus Leder, streng und präzise, wie man es von Marke kennt. Doch es stellt sich bald heraus: Bellotti setzt bei seiner dritten Kollektion für Jil Sander auf Brüche, man könnte auch sagen: auf den geplanten Kontrollverlust. Hier ein verknitterter Blazer, dort eine aufgeblähte Bluse, die fast unförmig wirkt. Unvermittelt taucht ein Bleistiftrock mit japanischer Landschaft als Print auf. Das voluminöse gelbe Kleid aus drapiertem Stoff sieht aus wie das Gegenteil von Minimalismus.

Offensichtlich will Kreativdirektor Bellotti auf seine Weise die DNA durchbrechen, die Jil Sander als Namensgeberin der Marke gesetzt hat. „Eine Kollektion zu entwerfen, ist wie eine Therapie“, sagt er nach der Schau. „Man zerlegt Dinge, um zu verstehen, was man behalten möchte. Dann setzt man sie wieder zusammen.“ Am Ende der Kollektion kehrt er wieder zu dem zurück, was Jil Sander ausmacht und was er perfekt beherrscht, immerhin hat er die längste Zeit seiner Designerkarriere mit Männermode verbracht: den klassischen Look, der Strenge verlangt. Es ist auch ein Ausdruck von Macht und Ordnung, aus dem Bellotti in seiner Kollektion für Frühjahr und Sommer 2027 kontrolliert ausgebrochen ist.
Fendi
„I like my body when it is with your body“ steht in großen Leuchtbuchstaben im Foyer. Eine Zeile aus einem Gedicht des amerikanischen Schriftstellers E. E. Cummings. Starke, mitunter rätselhafte Statements gehören zur Handschrift von Maria Grazia Chiuri, die ihre Fangemeinde schon aus ihrer Zeit bei Dior kennt. In ihrer zweiten Show für das Modehaus Fendi soll es also um die Betrachtung des Körpers gehen. Das Problem: Man kann ihn schlecht betrachten, denn die Models laufen in einem riesigen Glaskasten über den Laufsteg, in dem die Zuschauer sich selbst gespiegelt sehen. War das mit der Vermischung der Körper gemeint? Spiegeln wir uns in den Models wider?

Wer genau hinschaut, sieht vor allem Leichtigkeit. Lingerie ist ein großes Thema in der Kollektion. Büstenhalter als Oberteile unter transparenten Stoffen. Lange schwarze Kleider mit Cut-outs am Rücken oder mit Fransen aus Perlen und Pelz (vor der Schau protestierten Peta-Aktivisten lautstark vor dem Eingang). Die tief aufgeknöpften Hemden sind vermutlich eine Anspielung auf Adriano Celentano, dessen Siebzigerjahre-Hit „Prisencolinensinainciusol“ das Defilee untermalt. Zu hören ist auch Rafaella Carràs Tanzhit „Rumore“, der nicht nur für Disco-Glamour sorgt, sondern auch unterstreicht, dass alles an diesem Nachmittag „Made in Italy“ ist.
Etro
Der Laufsteg mit den riesigen Halmen aus Stroh sieht nach Spätsommer aus. Fehlen nur noch das Zwitschern der Vögel und das Zirpen der Grillen. Es ist die erste Kollektion ohne Kreativdirektor Marco de Vincenzo, der das Modehaus im Frühjahr verließ. Die Personalie folgte, kurz nachdem die Familie Etro dem Unternehmen endgültig den Rücken gekehrt und 38 Prozent an die Gruppe abgegeben hatte, der die Marke nun gehört. Ein neuer Chefdesigner ist noch nicht verkündet worden. Was heißt das für die Mode? Vor allem Unsicherheit. „In diesem flimmernden Licht scheinen sich die Etro-Muster aufzulösen“, heißt es im Pressetext. Gehört Paisley nun der Vergangenheit an? Genau das aber war zuletzt das Problem der Marke: Zu viel Paisley in einer Kollektion wurde als einfallslos gewertet. Zu wenig als nicht Etro-like.

In der Kollektion für den nächsten Sommer ist Paisley nur noch als verblasste Variante zu sehen, wie ein vergilbtes Foto, das an frühere Zeiten erinnert. Stattdessen zeigte das Designteam einen luftig fließenden Bohemian-Stil mit zarten, pudrigen Farben. Kleider aus leichten Stoffen, dazu Gladiatorensandalen und Ballerinas, weiche Taschen, die sich an den Körper schmiegen. Am Ende, als alle Models verschwunden sind, bleibt der Laufsteg leer und hinterlässt ein Gefühl der Ratlosigkeit.
Max Mara
Das italienische Modehaus hat sich für die Sommerkollektion von Frauen inspirieren lassen, die in den Dreißigerjahren auszogen, Abenteuer zu erleben, die damals eigentlich den Männern vorbehalten waren. Dazu gehören etwa die englische Entdeckerin Freya Stark oder die amerikanische Flugpionierin Amelia Earhart. Es waren Frauen, die reisten, um Grenzen zu überschreiten. Was heißt das für die Mode?

Das Herzstück der Kollektion ist die neu interpretierte Safarijacke aus strukturiertem Leinen oder glänzendem Gabardine. Sie ist großzügig geschnitten, kann drapiert oder seitlich geknotet werden. Dazu werden hoch taillierte und weit geschnittene Hosen getragen. Es sind Kleidungsstücke, die Funktion und Eleganz miteinander verbinden. Dazu gehören auch Stoffe, die in heißen Sommermonaten für Leichtigkeit sorgen, das zeigen die Overalls aus Organza.
Praktisch gedacht sind auch die Multitaschen, die von einer Umhängetasche über eine Clutch bis hin zu einem Rucksack verwandelt werden können. Natürlich erleben Frauen heute meist weniger riskante Abenteuer. Die größte Herausforderung mag das Multitasking im Alltag sein. Dafür immerhin sind sie mit Max Maras Sommerkollektion gut gerüstet.
Diesel
Der belgische Designer Glenn Martens verabschiedet sich bei Diesel mit einem Paukenschlag. Auf den ersten Blick ist es eine normale Kollektion. Doch das täuscht. Was aussieht wie Leder ist in Wahrheit beschichtetes Denim, das mit dem Laser bearbeitet wurde. Das Hemd kommt mit dem Trompe-l’œil-Print wie ein Lammfellmantel daher, den Martens in seiner ersten Kollektion für Diesel 2021 gezeigt hat. Die Kollektion, heißt es im Pressetext, soll aussehen, als hätte man sich nach einer intensiven Nacht zu schnell angezogen – mit verdrehten Blumenkleidern und Hemden, die sich in sich selbst verheddern.

Noch verblüffender ist das, was im Publikum passiert, als sich plötzlich Menschen anfangen zu küssen. Es dauert eine Weile, bis man merkt, dass es sich um eine Performance handelt. 200 Schauspieler des Künstlerkollektivs „(LA)HORDE“ aus Marseille mischen das letzte Defilee des Belgiers für Diesel auf. Zum Schlussapplaus, an dem die Neuinterpretation von „Love to Love You Baby“ von Donna Summer läuft, tanzen sie ekstatisch. „Wir sitzen alle im selben Boot: Lasst uns noch einmal durchstarten“, kommentiert der Designer das Ereignis. Ein bisschen ist es wie der Tanz auf dem Vulkan, den Glenn Martens, seit 2025 auch Kreativdirektor der Marke Martin Margiela, zu seinem Abschied inszeniert.
