Im Oktober 2017 hat Farin Urlaub, Sänger und Gitarrist der Ärzte, die Platte „Berliner Schule“ veröffentlicht. Und mit ihr mehrere Warnungen. „Nahezu unhörbar“ seien die darauf versammelten Stücke. Im Grunde handle es sich um „Ausschuss: abgelehnte Lieder, deren Texte zu schlecht waren; Songs mit langweiliger (oder offensichtlich geklauter) Musik, Lieder, die niemand hören wollte“. Gute Strategie. Ist die Fallhöhe überschaubar, wird’s am Ende nicht nur nicht so schlimm, sondern bekömmlich. „Nachdem ich jahrelang immer wieder mit meinem Überschuss an Kreativität geprahlt habe“, schrieb Farin Urlaub vor neun Jahren, „ist es mal an der Zeit, die Hosen runter zu lassen“.
Apropos Hosen. Auf dem neuen und letzten Album der Toten Hosen, „Trink aus, wir müssen gehen!“, singt Farin Urlaub mit. Nicht irgendwo mittendrin oder versteckt als Teil eines Chors. Er übernimmt den von ihm selbst geschriebenen Opener „Hier sind die Hosen“. Auf „Berliner Schule“ gibt es den Song „Hier sind die Ärzte“ (2007). Und darin heißt es: „Hier sind Die Ärzte, und wir singen euch ein Lied / Hier sind Die Ärzte, und ihr wisst, was euch jetzt blüht / Aus allen Rohren und Verstärkern feuern wir / auf eure Ohren – Die Ärzte sind hier“. Im neuen Song ist Folgendes zu hören: „Viele Metamorphosen, jetzt am Zenit / Hier sind die Hosen, und wir singen euch ein Lied“.
Ist das noch Punkrock?
Zweitverwertung, aber nicht uncharmant. Wir unterstellen keine Faulheit, sondern diagnostizieren Fanservice, egal ob gewollt oder ungewollt. Kleine Winke von Lieblingsmusikern kommen bei Eingeweihten jedenfalls super an. Noch ein Vergleich der beiden Lieder, vielleicht etwas weit hergeholt. Farin Urlaub, dessen neues Soloalbum im September erscheint, für die Ärzte: „Weiter geht’s: immer schneller, höher, weiter / All die Jahre waren wir euch treue Begleiter“. Farin Urlaub für die Hosen: „Ein ganzes Leben lang zusammen, für euch und für uns / Ich kann es kaum glauben, wir sind immer noch hier“. Der Ärzte-Text ist witzig: „Die Koryphäen, die nur Töne programmier’n / Können jetzt gehen – Die Ärzte sind hier“. Der Text für die Hosen ist feierlich: „Höhen und Tiefen, Freude und Schmerzen / Manche hab’n uns verlassen, doch wir tragen sie im Herzen“.
Dass seit vierzig Jahren immer wieder so getan wird, als wären beide Bands nur unter Rivalitätsbedingungen zu haben, ist natürlich Quark. Rodrigo González, Bassist der Ärzte, hatte vor neun Jahren einen Gastauftritt im Hosen-Video zu „Wannsee“. Ein Jahr später traf man sich in Berlin; die Hosen spielten in der Waldbühne den Ärzte-Song „Schrei nach Liebe“, Rod González begleitete sie an der Gitarre. 2022 traten die Toten Hosen in der Düsseldorfer Merkur Spiel-Arena auf, die Ärzte kamen während eines Zugabenblocks dazu. Die Liste gemeinsamer Auftritte ließe sich mühelos erweitern und mit wiederholt geäußerten Respektsbeteuerungen beider Seiten flankieren.

Nachdem sich die Ärzte 1988 aufgelöst hatten, trafen sich Campino, Sänger der Toten Hosen, und Farin Urlaub zufällig in Berlin. Die beiden schlossen eine Wette ab. Einsatz: tausend Mark. Campino sagte, in spätestens fünf Jahren dürfe man mit einer Reunion der Ärzte rechnen. Farin Urlaub sagte: niemals. Als sich die Ärzte 1993 schließlich wiedervereinigt hatten, schickte Letzterer einen Brief an Ersteren. Inhalt: eine Karte, auf der stand, „Du hattest recht“ – und tausend Mark. Daraufhin hat Campino den Schein zerschnitten und eine Hälfte zurückgeschickt mit der Bemerkung, man könne beim nächsten Treffen die Summe gemeinsam verfeiern.
Was die Fans vom neuen Song halten, lässt sich in den Social-Media-Kommentaren nachvollziehen: „Ist das noch Punkrock, wenn Du Pipi in den Augen hast?“, „Bestes ‚Hosen-Lied‘ seit Jahren“, „Das ist grad krass . . . das ist next Level . . . wie so viele schräge Dinge momentan“. Musikalisch geht’s zahm los, Klavier, ruhiger Gesang, dann wird’s lauter, ohne in Krawall auszuarten, ein bisschen Pathos, etwas Witz: „In Wirklichkeit bin ich zwar kein Bandmitglied / Doch wir sind die Hosen, und wir singen euch ein Lied“. Mehr Verneigung geht nicht. Mehr Vereinigung erst recht nicht. Die Ärzte und die Toten Hosen sind die zwei Seiten der deutschen Punkmedaille.
