Mit Blick auf den Terminplan gibt es berechtigte Hoffnung, dass sich das öffentliche Leben des Fußballprofis Fabian Reese normalisieren wird. Am Freitag steht das Heimspiel gegen den SV Darmstadt 98 an, dann die diesmal drei Wochen lange Länderspielpause – und vielleicht haben die meisten Menschen am 10. Oktober bei der Partie 1. FC Nürnberg gegen den VfL Wolfsburg vergessen, warum sie eigentlich so wütend auf Fabian Reese waren.
Es gibt bis dahin auch sicher etwas anderes oder jemand anderen, an dem sie ihren Frust auslassen können. Insofern war der Wolfsburger Auftritt am Samstagabend in Hamburg ein Schritt in Richtung Akzeptanz. Stürmer Reese begann auffällig, schoss einen Ball mit rechts gegen die Latte, dann mit links beinahe ins Tor des FC St. Pauli. Am Ende verlor er zusammen mit dem Team 0:1 im Duell der Bundesliga-Absteiger. So weit, so alltäglich.
Nach den Vorkommnissen bei der VSG Altglienicke, in Karlsruhe und gegen Energie Cottbus war das Profane dieser Partie das Beste – konzertierte Pfiffe gegen Reese blieben aus.
Der Ton war gesetzt, als das Publikum am Millerntor Hauke Wahl beim Aufwärmen mit Applaus begrüßte; er hat drei Jahre beim FC gespielt. Später ging es dann um handelsübliche Fußballthemen. Nicht mehr darum, wie viel Hetze ein 28-Jähriger ertragen kann.

Die Causa Reese ist simpel erklärt. Nach 15 Jahren Holstein erlebte der gebürtige Kieler seine „schönste Zeit“ bei Hertha BSC. In der fußballgrauen Hauptstadt sorgte er drei Jahre für etwas Glamour und Swag im Olympiastadion, traf verlässlich das Tor, weitete seine Zusammenarbeit mit der Hertha bis 2030 aus, ehe ihm nach eigenen Aussagen nahegelegt wurde, mit sattem Klingeln in der Vereinskasse zu wechseln – acht Millionen Euro überwies der VfL nach Berlin.
Auf dieser Basis wurde Reese zur Zielscheibe vieler „Hater“, die ihn offenbar als Symbol des schändlichen Turbokapitalismus im Fußball sahen; Pfiffe in Altglienicke, Häme in Karlsruhe, Spott gegen Cottbus. Die Reaktionen changierten zwischen Schutz und Erregung, etwa durch Energie-Coach Claus-Dieter Wollitz, und betonter Nichtbeachtung wie durch „seinen“ Trainer Tobias Strobl: „Wir wollen das Thema nichr größer machen, als es ist.“
„In Deutschland gibt es nur noch Held oder Hassfigur“
Der VfL Wolfsburg habe „Möglichkeiten wie kaum ein anderer Zweitligist jemals“, hat Geschäftsführer Dieter Hecking neulich dem „Kicker“ gesagt. 37,5 Millionen Euro durften Hecking und Sportchef Pirmin Schwegler beim Einkaufen ausgeben. Und das, wo drüben im Werk viele um ihre Jobs zittern! In etwa so steigerte sich die öffentliche Empörungsspirale. Mittendrin Reese.
Dass Wolfsburg mit Spielerverkäufen 64 Millionen Euro einnahm, dass Reese der Hertha einen Gefallen getan hatte, passte dabei weniger in die Geschichte, die Reese selbst so annoncierte: „In Deutschland gibt es nur noch Held oder Hassfigur.“ Im gleichen Zusammenhang sagte er, dass ihn die Unmutsbekundungen in den Stadien treffen würden, bis nach Hause.
So ist der Sprachgebrauch nun mal
Reese hat 250-Mal in der Zweiten Bundesliga gespielt, nicht jeder seiner Sätze hatte philosophische Tiefe, und es wäre sicher auch klug gewesen, einen Teil der Wahrheit mitzuliefern, die in diesem Fall hieße: Er wird sich beim VfL finanziell nicht verschlechtert haben.
Das hätte allemal glaubwürdiger geklungen als von einer „neuen Herausforderung“ zu fabulieren. Aber so ist der Sprachgebrauch unter Profis nun einmal, und insofern ist es wohl zu viel verlangt, dass plötzlich Fabian Reese den Bann bricht und ausschließlich Wahres sagt. Und wer weiß – vielleicht ist seine Chance tatsächlich höher, mit dem VfL aufzusteigen, als im Trikot der Hertha? Auch wenn es derzeit nicht so aussieht, zumal die Wolfsburger gegen St. Pauli 0:1 verloren.
Es passt in die Zeit, dass sich der Zorn der Massen über jemanden ergießt, der der Masse weder etwas getan hat, noch sie ihn überhaupt kennt. Leicht lässt sich sagen, Pfiffe seien im Gehalt eingepreist.
Der Unmut gegen Fabian Reese hatte jedenfalls weniger mit ihm als mit der Verrohung der anderen zu tun. Die Finger, mit denen sie auf ihn gezeigt haben, weisen direkt zurück auf sie selbst. Fraglich, ob ein so hoher Reflektionsgrad auf den Tribünen existiert, das zu erkennen. Wie auch immer. Es wird Gras über die Sache wachsen und eine neue Figur auftreten, der man sich mit den Fingern im Mund zuwenden kann.
