
An einem Abend des Frühjahrs 1903, so erzählt Heinrich Vogeler in seinen „Erinnerungen“, habe ihn Rudolf Borchardt in die Florentiner Pensione Benoit am Lungarno Serristori geführt, „zu einem seiner Freunde, der ein auf dem flachen Dach eines alten Palastes aufgebautes Zimmer bewohnte. Von dem Zimmer aus trat man gleich ins Freie. Unten blinkten die Lichter von Florenz. Wir wurden wie alte Bekannte empfangen. Keiner nannte seinen Namen. Seltsam versonnen wirkte die Persönlichkeit dieses neuen Menschen auf mich. Ich glaubte einen Mönch vor mir zu haben, der seine Hände meist hoch vor den Körper erhob, als wolle er immer ein Gebet beginnen. Dazu kam der weiche, wollige junge Bart, wie ihn Klosterbrüder haben, deren Kinn und Backen nie das Rasiermesser fühlen. Auf dem Rückwege fragte ich meinen Begleiter: ‚Bei wem sind wir eigentlich gewesen?‘ ‚Den müssen Sie doch kennen. Das ist der Dichter Rainer Maria Rilke‘, war die Antwort.“
Eine Anekdote, für die in den Itineraren der drei jeder Anhaltspunkt fehlt. Erstmals fällt Rilkes Name in den Briefen Borchardts im April 1900, bei Gelegenheit der Ansichtssendung seines Göttinger Buchhändlers. Dem Freund und Literaturkenner Otto Deneke teilte Borchardt (in von Karl Lachmann entlehnter Kleinschreibung) mit: „behalten habe ich den ersten gedichtband von Rainer Maria Rilke, der den grässlichen titel ‚Mir zur Feier‘ führt, interessant deshalb, weil er das anständige mittelgut von kunstübung darstellt, das in kulturländern wie Frankreich und England immer als stämmiges unterholz um die grossen künstler herumsteht, während es bei uns bislang fehlt. Sehr viel Georgetöne, die die eigenen fast ersticken, aber zwei oder drei gute gedichte, Sie wissen, wie viel es damit auf sich hat wenn ich das sage und was da alles erfüllt sein muss.“
Für den Erfolg seien die Leser verantwortlich
Vom Kreis der Empfänger, denen Rudolf Borchardt im Juli 1900 seine „Heroische Elegie“ übersandte, blieb Rilke ausgeschlossen; denn dieser wie die folgenden Privatdrucke, jeweils mit ehrerbietig-stolzen Widmungen, ging nur an Zeitgenossen, die er neben sich gelten ließ: etwa an Stefan George, Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Alexander Schröder und Leopold von Andrian, an Ricarda Huch und Jakob Wassermann, sogar an Giovanni Pascoli und Algernon Charles Swinburne.
Rilkes Verse „Die heiligen drei Könige“ in der Münchner Zeitschrift „Die Insel“ ließ Borchardt, seit dem Sommerquartal 1901 dort mit Elegien und Sonetten ebenfalls Beiträger, als „ein sehr schönes kindliches gedicht, von eigentümlichster färbung“ zwar gelten, er äußerte sich aber im April 1907 Hofmannsthal gegenüber offenbar so dezidiert, dass dieses „glänzende Urteil über Rilke“ aus Rodaun gleich an Harry Graf Kessler nach Paris weitergereicht wurde; leider versäumte der Empfänger, den „schönen Brief“ für die Nachwelt aufzubewahren. Wenige Wochen später, im August 1907, war der Germanist Saladin Schmitt in der Villa Sardi bei Lucca Borchardts Gast und kolportierte aus ihren Gesprächen das Wort vom „süsslichen bänkelsänger“ – gemünzt auf „Stundenbuch“ und „Cornet“.
Denn für den wachsenden Erfolg dieses Dichters, hörte Josef Hofmiller im Februar 1911, seien vor allem seine Leser verantwortlich: „diese Sorte Backfische beiderlei Geschlechts findet schon das blosse Wort ‚Intellekt‘ ‚so trocken‘, und hält sich an ihren Rilke und andere Windbeutel mit Schlagsahne und Umiltà.“ Wiederum Hofmiller gegenüber, der seinerseits als Rezensent an „Malte Laurids Brigge“ kein gutes Haar ließ – das sei „ein Ragout und nicht einmal ein gutes“ –, steigerte sich Borchardts Verwerfung des Literaturbetriebs bis zur Sorge, „dass den zehn Jahr Jüngern die ganze immense Arbeit des Jahrzehntes – Georges Hofmannsthals meine, auch Schroeders im andern Sinne – so schlechterdings verloren sein soll: dass wahr wird, was ich seit Jahren allen in Briefen sage, dass auf diese lumpige Jugend das Billigste und Entgegenkommendste, Rilke mit seiner hysterischen Weichlichkeit seiner hysterischen Brutalität und seiner hürischen Koketterie mit allem Äussern stärker wirken würde als die Abkömmlinge unserer Strenge“. Und er lieferte zugleich die Begründung: „weil wir alle drei schuldig daran sind; George durch sein ruchloses Treiben auf das nur eine doppelt ruchlose Reaktion erfolgen konnte; Hofmannsthal durch die naive Käuflichkeit und Nachgiebigkeit, ich durch Schweigen und Versteckenspielen, Schroeder durch die maniakalische Massenhaftigkeit seiner Publikation“.
Längst ganz verdorben und verwirkt
Trotz vieler gemeinsamer Freunde blieb man einander auch persönlich fern. Von Juli 1923 bis Oktober 1924 wohnte Borchardt in Hans Feists Schwabinger Wohnung, Ainmillerstraße 24, stellte dort seine drei Anthologien für den Verlag der Bremer Presse zusammen und experimentierte weiter an den Gesängen zu „Dantes Comedia deutsch“ – in derselben Mansarde, in der Rilke von Mai 1918 bis Juni 1919 Michelangelos Gedichte am Stehpult übersetzt hatte.
Noch 1926 polemisierte Borchardts Antwort auf eine Rundfrage zum Thema „Gibt es eine christliche Dichtung und wie sehen Sie ihr Bild?“ für Viktor Kubczaks Breslauer „Ostwart-Jahrbuch“ gegen eine der auflagenstärksten Publikationen Rilkes: „Ich glaube auch nicht, daß gewisse moderne Dichter (die Namen schreibe sich jeder bei), die gelegentlich mit Monstranzen oder mit Marienleben kokettieren und übrigens auf Nervenzerrüttung aus sind, eigentlich in den Begriff der christlichen Poesie hineingehören; alles das sind Restlaster der ästhetischen Sodomie, die hinter uns liegt, und mit der zusammen das blödsinnige Suchen nach neuen Religionen, nach alten Religionen, nach asiatischen und wer weiß welchen Religionen, nach allen Religionen außer unserer Religion, ein Ende haben muß.“ Im November desselben Jahres bekundete er Bedauern darüber, wie unbekannt dem „affektierenden Publikum“ ein Dichter wie Albrecht von Haller (1708 bis 1777) inzwischen geworden sei und dass eine kenntnislose Nachwelt etwa „Gleim mit Klopstock und Haller, Loeben mit Arnim und Eichendorff“ gleichstelle – „und so ist Rilke gelesener, aufgenommener und populärer als die grossen stolzen Dichter der Zeit, und hat sein ursprünglich nicht grosses aber liebenswürdiges Talent längst ganz verdorben und verwirkt“.
Auch der in allen deutschen Feuilletons seit dem 29. Dezember 1926 beklagte Tod des Dichters änderte diesen Ton nicht. Schröders „Erinnerungen an Rainer Maria Rilke“ maskieren seine spöttische Ablehnung allen „Getues“ mit höflicher Distanz, und auch Borchardt begann mit der Niederschrift eines Nachrufs, wohl für die „Münchner Neuesten Nachrichten“, den Papierqualität und Wasserzeichen in die erste Jahreshälfte 1927 datieren. Schon die kritische Überschrift „Zur Rilkeschen Lyrik“ verspricht eine jener pointierten Analysen, wie sie im gleichzeitigen Werk etwa Benedetto Croce, Josef Nadler, Stefan George und 1929 dann Hugo von Hofmannsthal gelten. Der Text wird noch auf dem ersten Blatt abgebrochen – just an der Stelle, wo der Verfasser ansetzt, das Werk dieses „Lieblings des Publikums“ und den „losen Körper seines dichterischen Gebildes“ aus der Perspektive eigener Zeitgenossenschaft zu würdigen. Ein sprechendes Fragment.
Eine geleimte Halbnatur, wie Heine
Es war Franz Blei, in der oft geprobten Rolle als Sekundant, dessen Nekrolog „Zu Rainer Maria Rilke“ in der „Literarischen Welt“ bereits im Januar 1927 beurkundete, Borchardts „scharfes inneres Auge“ sei nicht darüber zu täuschen gewesen, „daß gerade den gelungensten von Rilkes Gedichten das Wesentliche fehlt: daß sie nicht von Innen her Gedichte sind“. Erbost kommentierte das Werner Kraft in seinem Tagebuch: „Man darf getrost auf das Urteil Borchardts über die moderne Lyrik pfeifen!“ Und Bleis Autobiographie „Erzählung eines Lebens“ von 1930 kolportiert als Diktum, „Borchardt sagte von ihm, er läge in unsaubern Windeln, und hat sein Urteil nicht geändert, und es ist richtig.“ Gleichzeitig las Rudolf Alexander Schröder in einem Brief Borchardts, Rilke sei ebenso wie Heinrich Heine der Vertreter eines Typus, „in denen gewöhnlich das Geleimte von Halbnaturen unversöhnlich auseinanderbricht“ – „das dichterische Wort ist aus diesen Qualtrichtern als schlaffer Häutesack mit zu Splittern gemalmtem Knochenbau hervorgegangen, wie seinerzeit aus der Heineschen Melosophistik.“
Als sich Borchardt im Jahr seines sechzigsten Geburtstags darum bemühte, „eine Ordnung“ in sein „gesamtes publizistisches Werk und Weiterpublizieren zu bringen“, resümierte er wiederum Franz Blei gegenüber mit Blick auf die postumen Rilke-Ausgaben des Insel-Verlages, es sei eine Tatsache, „dass George und Hofmannsthal tot sind, Schröder eine Art von fettem Weltgeistlichen der Poesie-im-Ruhestand, und alleine ich von der deutschen Poesie übrig, während die Carikatur unserer grossen Zeit, das Rilkesche Unwesen, posthume Brief-Branglements durch die deutschen Schmachtcreaturen treibt – ein Greul!“ Auch in den Jahren danach fiel der Name mehrfach, so am 20. Januar 1942 ausgerechnet Ernst Zinn gegenüber, dem künftigen Herausgeber der Werkausgaben beider – „daß dieser Unglückspeter eine richtige Meinung nur nachzusprechen brauchte, um sie sofort durch falsche Fassung zweideutig zu machen und ins Unrecht zu setzen“. Zuletzt in einer Gesprächsaufzeichnung des Florentiner Germanisten Vittorio Santoli vom 26. Januar 1943, bei Gelegenheit einer Charakterisierung der Prager Literatur: „Rilke è simile a una medusa, fosforescente, dai colori vivaci, tratta in qua e in là dalla corrente. È stato ‚popolare‘ come nella generazione precedente Bierbaum e in quella avanti Geibel“ – wie eine Qualle sei Rilke, schillernd in lebhaften Farben, von Strömungen hierhin und dorthin getragen und „populär“ wie in der vorangehenden Generation ein Otto Julius Bierbaum und in derjenigen davor Emanuel Geibel.
Und Rainer Marie Rilke? Seine Lektüre Borchardts ist nicht bezeugt; nur ein schwacher Nachhall der programmatischen Münchner Rede „Der Dichter und das Dichterische“ vom 20. Juni 1923 drang bis ins Château de Muzot. „Ich gestehe“, schrieb er am 13. Februar 1924 an Gertrud Ouckama-Knoop, dass er lieber den frankophilen Pazifisten Fritz von Unruh „einmal sprechen hören würde, als etwa Rudolf Borchardt (von dem ich eigentlich nichts kenne, aber weiß, daß seine Worte für eine Art Währung genommen werden, selbst von denen, die sonst keine rechte Gewähr an ihm finden)“. Als Borchardts Anthologie „Ewiger Vorrat deutscher Poesie“, die mit Gedichten von Hofmannsthal und Schröder endet und Rilke übergeht, 1933 in zweiter Auflage erschien, bezeugte Marie Luise Borchardt, was der Todkranke in seinen letzten Lebensmonaten aus Val-Mont nach Italien habe übermitteln lassen: „Rilke, der weit entfernt von kleinlicher Gereiztheit und von seiner Popularität nie über sich selbst verblendet, liess meinem Mann ausrichten, er lebe ganz mit dem ,Vorrat‘ und lese täglich in ihm.“
