Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat bei der Evaluierung seiner Kandidaten für die Bewerbung um Olympische Sommerspiele und Paralympische Spiele bei München und Rhein-Ruhr mit Köln eine höhere Eignung festgestellt als bei Berlin. Das berichtete die Evaluierungskommission am Dienstag unter anderem dem Präsidium des Dachverbandes.
Nach Informationen der F.A.Z. erreichten die beiden Konkurrenten der Hauptstadt in einer komplexen Bewertung vieler Parameter rund 87 (München) und circa 85 (Rhein-Ruhr) von 100 möglichen Punkten. Berlin erhielt 74,6. Laut DOSB gelten 100 bis 80 Punkte als sehr gut, 79 bis 60 als gut, 59 bis 40 als befriedigend. Diese Darstellung bestätigte der DOSB am Dienstagabend.
Im Sommer hatten der DOSB, seine olympischen Fachverbände und der Deutsche Behinderten-Sportverband die im Juni eingereichten finalen Konzepte bewertet. Dazu diente ein mit dem Bundeskanzleramt entworfener Fragenkatalog und ein tabellarisches Punktesystem (Bewertungsmatrix). Hauptaufgabe der Evaluierungskommission war es, die Einhaltung und Nachvollziehbarkeit der vereinbarten Kriterien zu überprüfen.
Behinderten-Sportverband nicht wahlberechtigt
Zu den fünf Kernpunkten gehörten die internationale Wettbewerbsfähigkeit (beim Internationalen Olympischen Komitee IOC) sowie die nationale Akzeptanz (etwa Bürgerentscheide). Dazu kamen die sportfachliche und operative Eignung (zum Beispiel Sportanlagen für Athleten, Wege, Hotelkapazitäten), die Kosten und Refinanzierungschancen (etwa Tickets), nötige Modernisierung von Infrastruktur (ÖPNV oder Digitalisierung) und die Nachhaltigkeit (vorhandene Sportstätten, langfristiger Nutzen).
Das Resultat dient als Basis für die Abstimmung des DOSB am Samstagmittag (26. September) in Baden-Baden. Abstimmungsberechtigt sind nur die 42 olympischen Spitzenverbände, vom American Football Verband über den Deutschen Fußball-Bund bis zur Reiterlichen Vereinigung. Die Landessportbünde und die nichtolympischen Spitzenverbände, auch der Behinderten-Sportverband, sind trotz ihrer Leistungen für den Spitzensport laut Satzung vom Votum ausgeschlossen.
Jeder wahlberechtigte Fachverband hat drei Stimmen, die nur im Block verteilt werden dürfen. Dazu kommen die Voten der zehn Präsidiumsmitglieder des DOSB (zehn Stimmen) und der persönlichen Mitglieder (acht). Gewählt ist, wer im ersten Durchgang mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen (maximal 144) erhält. Sollte im ersten Wahlgang nicht die absolute Mehrheit erreicht werden, scheidet der Bewerber mit den wenigsten Stimmen aus. Nach Einschätzung eines Insiders gegenüber der F.A.Z. läuft es auf ein „enges Rennen“ zwischen München und Rhein-Ruhr mit Köln hinaus. München wird voraussichtlich viele Stimmen von den in Bayern angesiedelten Wintersportverbänden erhalten.
Appell an die Linke
Für die Berliner Kampagne ist der von der Kommission festgestellte Rückstand hinter München und Rhein-Ruhr/Köln vermutlich weniger problematisch als die ungeklärte politische Situation nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus am vergangenen Sonntag. Die als Sieger hervorgegangene Linke hatte am Montag wie auch die Grünen erklärt, Sommerspiele in Berlin aus verschiedenen Gründen abzulehnen. Laut DOSB sollen die Wahlergebnisse nicht in die Evaluation eingeflossen sein.
Das Kuratorium der Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele appellierte am Dienstag an die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp: „Nehmen Sie sich die Zeit, BERLIN+ und das gemeinsam erarbeitete Konzept sorgfältig anzuschauen. Sprechen Sie mit den Menschen, die sich daran beteiligt haben, mit dem Sport und mit uns als Kuratorium“, heißt es in dem Schreiben: Berlin habe mit dieser Bewerbung die Möglichkeit, langfristige Weichen für die Entwicklung der Stadt zu stellen und sich national wie international zu präsentieren.
Olympische und Paralympische Spiele seien kein Projekt für wenige Wochen, sondern eine Perspektive für die kommenden Jahre und insbesondere für die nächste Generation: „Es geht um eine Entscheidung über die Zukunft unserer Stadt.“ 132 Berliner Institutionen, Verbände, Vereine, Einrichtungen und Unternehmen hätten sich vor wenigen Tagen mit der Berliner Erklärung öffentlich hinter die Bewerbung gestellt.
Sollte es doch zu einer Koalition kommen, die eine Umsetzung des von einer breiten Mehrheit getragenen Olympia-Beschlusses vom Mai nicht infrage stellt, will die „NOlympia“-Bewegung in Berlin ihre Bemühungen fortsetzen, einen Bürgerentscheid zu erzwingen. In München und Rhein-Ruhr/Köln hatten rund 66 Prozent der Befragten für Sommerspiele gestimmt. Sollten die beiden am Samstag durchfallen, wäre nicht sicher, ob der DOSB dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine deutsche Bewerbung vorschlagen kann.
Laut der Evaluierung hat Berlin die größte internationale Ausstrahlung der drei deutschen Bewerber zu bieten. Das errechnete die vom DOSB beauftragte Unternehmensberatung PWC. In der Kategorie politische „Stabilität“ liegt die Hauptstadt deutlich hinter ihren Mitbewerbern.
Zur im Februar konstituierten Kommission gehören der Vorsitzende, DOSB-Präsident Thomas Weikert, Otto Fricke, der Vorstandsvorsitzende des Dachverbandes, Christiane Schenderlein (bis zu ihrer Abberufung vom Amt der Staatsministerin für Ehrenamt und Sport: Nachfolger Roland Rauhe), Josephine Ortleb (SPD), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Mona Küppers, Präsidentin des Deutschen Segler-Verbandes, und Ingo Weiss, Präsident des Deutschen Basketball Bundes. „Wir können einstimmig festhalten, dass der Prozess trotz der thematischen Komplexität vom DOSB jederzeit professionell, transparent und nachvollziehbar durchgeführt wurde. Die vereinbarten Kriterien wurden eingehalten und die im Abschlussbericht veröffentlichten Ergebnisse entsprechen der durchgeführten Evaluierung“, sagte Mona Küppers laut DOSB.
Auf eine Empfehlung für die Delegierten der außerordentlichen Mitgliederversammlung, die nicht bindend gewesen wäre, verzichtete die Gruppe. Sollte das IOC 2036 doch Europa als Austragungskontinent ins Auge fassen und der Sieger der innerdeutschen Auswahl für dieses Jahr scheitern, wäre der gesamte Prozess in Deutschland beendet.
